Schreiben für die Freiheit von Sebastian Haffner, 199, Transit-Verlag

Sebastian Haffner

Der Hitler von 1943
(aus: Schreiben für die Freiheit, 1999, Transit-Verlag)

Der Führer ist verschwunden, der geradezu elegante Mann in tadelloser Uniform, an den wir uns aus den Wochenschauen der Dreißiger erinnern. Hitler, wie er aufrecht in der schwarzen Limousine steht, im herrscherlich umgelegten Cape langsam die Front der angetretenen Truppen abschreitet, ausländischen Staatsmännern lächelnd die Hand reicht – diesen Mann gibt es nicht mehr. Die noble Maske ist zerbrochen. Sie hat dem Druck der Enttäuschung, den Härten und quälenden Sorgen nicht standgehalten.
Verschwunden ist sogar der Hitler der Jahre 1930 bis 34, der Volkstribun, der jäh zu Amt und Würden aufstieg, der Kleinbürger, der verlegen seinen Zylinder auf den Knien hielt. Doch auch den Sonderling Hitler, der plötzlich in die bescheidene Biederkeit seiner Kindheit zurückfand, den Jungen aus Braunau, der es zu etwas gebracht hatte, den Mann, der nach Rauschnings Schilderungen bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen über den Weltuntergang parlierte – auch den erkennt man nicht mehr in dem Hitler von 1943. Wer uns nun wieder anstarrt, ist der Hitler der frühen zwanziger Jahre, die verkrachte Existenz mit ihrem Groll auf die ganze Welt, der Hitler, der nach einer zweistündigen, vor Drohungen strotzenden Haßtirade in einem obskuren Bierkeller in seine Dachwohnung zurückkehrte, dort Mäuse nach trockenen Brotkrumen springen ließ und davon träumte, wie er sich bald an der Menschheit rächen werde.
Doch nicht nur sein Gesicht ist wieder so abgrundtief häßlich wie zuvor. Man höre seine Reden. Es gab eine Zeit, in der Hitler sich, wenn auch noch so pervertiert, der Sprache eines Staatsmannes bediente, und davor redete er wie ein überaus raffinierter, kluger Demagoge. Damals wußte er, wie er bei seinem Publikum ankam. Er wußte, was er sagen konnte, und wann er aufhören mußte. Schrie er sich in Wut, dann war das wohlkalkuliert. Bei leicht zu widerlegenden, kurzfristigen Prophezeiungen ließ er sich nicht ertappen, und wenn er log, log er mit solch dreister Überzeugung, daß es einem den Atem verschlug.
Wenn er heute lügt, steht ihm der kalte Schweiß auf der Stirn; er stottert und sucht nach Worten wie ein Angeklagter beim Kreuzverhör. Seine Prophezeiungen sind unbesonnen und tollkühn. An den falschen Stellen übermannt ihn der Zorn. Selbst sein Publikum entgleitet ihm; und es ist geradezu erbärmlich, wenn er darüber scherzt, daß seine Reden aus Mangel an Praxis schlechter werden.

Rezension I Buchbestellung I home IV03 LYRIKwelt © Transit-Verlag