Die Lebenslinie von Peter Härtling, 2005, KiWi

Peter Härtling

Die Lebenslinie
(Leseprobe aus:
Die Lebenslinie, Eine Erfahrung, 2005, Kiepenheuer & Witsch)

"Auf meiner Liege werde ich zur Verkehrsinsel. Ständig eilen Schwestern, Pfleger, Ärzte an mir vorüber, weichen aus, als gebe es dieses Hindernis schon einige Tage. Ich starre zur Decke, schrumpfe vor Müdigkeit, entferne mich aus dem Trubel und werde wahrscheinlich darum nicht angesprochen. Zu meiner Rechten tröstet ein junger Arzt mit Assyrerkopf jemanden, dem eine Maschine offenbar die Hand abgerissen hat. Er bereitet ihn auf die Operation vor. Ich lausche diesen Vorbereitungen nicht ohne Spannung und Anteilnahme. Jeder Schmerzensruf erreicht mich ohnehin unmittelbar. Die Wanduhr, weiß und rund, mit der Zeit schonend umgehend, zeigt, dass inzwischen drei Stunden verstrichen sind. Verstrichen ist der treffende Ausdruck. Verstrichen, gestrichen. Wieder hat mich die Zeit fallen lassen."

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