Auf der Flucht
(Leseprobe aus:
Welt aus
Glas, Roman, 2009,
Frankfurter Verlagsanstalt).
»Good bye Tijuana!«
Jacob Armacost schrie in den Fahrtwind.
Sie mußten schnellstens die Grenze erreichen!
Chuy war unmittelbar hinter ihnen. Er würde Madeline nichts tun. Aber er würde
Jacob umbringen.
Fieberhaft kalkulierte Jacob: Zum Grenzübergang San Ysidro brauchte man
gewöhnlich zehn Minuten, zum Grenzübergang Otay fast eine halbe Stunde. Bei San
Ysidro wartete man mit dem Wagen um diese Tageszeit etwa zwei bis drei Stunden,
bei Otay eine Stunde. Sie mußten mit ihrem Jeep die Taxispur nehmen und bis zur
Grenze vorfahren, nur dann hatten sie eine Chance. Den Wagen würden sie einfach
stehenlassen und an der Fußgängerschlange vorbei zur Immigration rennen.
Chuy trug seine Polizeiuniform. Auf mexikanischem Boden half ihnen niemand gegen
einen mexikanischen Polizisten. An der Grenze zu den U.S.A. mußte Chuy
begründen, warum er Jacob und Madeline verhaften wollte. Was Jacob getan hatte,
konnte ihn das Leben kosten. Aber es war kein Vergehen. Sollten Chuy und seine
Begleiter in Zivil vor den Augen der Immigration officers gegen Jacob und
Madeline Gewalt anwenden, würde Jacob den amerikanischen Beamten seinen Ausweis
hinwerfen. Dann mußten sie Meldung machen.
Chuy hatte das Blaulicht, nicht jedoch die Sirene des Polizeifahrzeugs
eingeschaltet. Es war seine Privatfehde. Er fürchtete wohl, mit Blaulicht und
Sirene würden ihm andere Polizeifahrzeuge zu Hilfe kommen. Seine Kollegen würden
zwar gut verstehen, warum er Jacob an den Kragen wollte. Doch die Sache war
wirklich nicht gerichtsfest, er konnte keine Zeugen gebrauchen. Weil die Sirene
stumm blieb, machte der Mittagsverkehr auf dem Paseo de los Heroes Chuy nur sehr
verspätet Platz.
Alle drei Spuren vor ihnen waren blockiert, Jacob wechselte auf die Standspur.
Er überholte einige Fahrzeuge, danach drängte er sich wieder in die mittlere
Fahrspur. Chuy konnte ihnen nicht folgen, er hing hinter einem Truck fest, der
an der nächsten Kreuzung rechts abbiegen wollte.
Bei diesem Manöver kam sich Jacob sehr cool vor.
Er nahm mehrere hastige Schlucke aus der Wasserflasche, die er immer mit sich
führte.
Weniger cool war allerdings: Sie waren in der falschen Richtung unterwegs. Man
brauchte nur vor dem Hotel in den Paseo de los Heroes links einzubiegen, man
mußte immer geradeaus fahren, dann war man schon nach wenigen Kilometern bei San
Ysidro. Aus einem unerfindlichen Grund staute sich der Verkehr heute in dieser
Richtung, Jacob war nichts anderes übriggeblieben, als auf dem Platz vor dem
Hotel die Statue des Cuauhtémoc zu umrunden und den Paseo de los Heroes in der
Gegenrichtung zu nehmen. Die Spanier hatten dem Aztekenhäuptling die Füße
verbrannt, trotzdem hatte er nicht verraten, wo das Gold versteckt war. Den
Azteken hatte das nichts genützt.
Jacob wußte nicht, wie er den Paseo de los Heroes umfahren sollte, um nach San
Ysidro zu kommen. Also nicht nach San Ysidro, sondern nach Otay. Dieser
Grenzübergang lag unmittelbar neben dem Flughafen. Sie mussten sich immer nur
geradeaus halten, dann kam nach Jacobs Erinnerung eine große Kreuzung, eine
Brücke führte über das Flußbett des Rio Tijuana und eine Straße den Berg hoch
zum Flughafen. Ab in die U.S.A.!
Durch den jaulenden Motorenlärm des Jeeps rief Jacob Madeline zu, sie solle den
Stadtplan von Tijuana aufschlagen, der auf der Mittelkonsole lag. Sie reagierte
nicht, er war gezwungen, sie anzuschreien. In ihrer Aufregung hielt sie den Plan
verkehrt herum. Darauf mußte er sie erst hinweisen, das ging ebenfalls nur laut.
Als sie den Plan drehte, stieß sie mit der linken Hand gegen den Rückspiegel und
verstellte ihn.
Jacob konnte nicht mehr sehen, wie dicht Chuy hinter ihnen war. Während er den
Spiegel justierte, erblickte er sich kurz selbst darin. Sein Gesicht war gerötet
von der Sonne und der Anstrengung, seine mittellangen kräftigen blonden Haare
wehten im Wind, alle Fenster waren offen. Er sah gar nicht aus wie jemand, der
verfolgt wurde und um sein Leben fürchten mußte. Um seinen Mund spielte sogar
die Andeutung eines Lächelns.
Bis auf zwei oder drei oberflächliche Querfalten in der Stirn hatte er überhaupt
keine weiteren Falten. Seine Augenbrauen waren dunkler als seine Haare, so daß
man auf den Gedanken kommen konnte, er habe seine Haare heller gefärbt. Er hatte
keine grauen Haare. Das galt freilich nur so lange, wie er sich rasierte. Auf
der Oberlippe und am Kinn waren die braunen von grauen Haaren durchsetzt. Früher
hatte er sich nur alle zwei oder drei Tage rasiert, jetzt ließ er keinen Tag
aus.
Sein schwarzes T-shirt war schweißnaß. Seine Lederjacke hätte er besser
ausgezogen, dazu hatte er keine Gelegenheit gehabt. Er ging immer mit der kurzen
schwarzen Lederjacke aus, in den Taschen sein Geld, seine Papiere und sein
Telefon. Er haßte es, wenn er sich etwas in die Hosentaschen stecken mußte.
Als Chuy vor dem Hotel auf sie zugelaufen war und die Pistole aus dem Halfter
zog, hatte Jacob keine Angst gehabt. Er stieß Madeline auf den Beifahrersitz,
knallte die Tür zu, lief zur anderen Seite, ließ sich in den Sitz fallen und
fuhr los, ehe er die Fahrertür schloß.
Jacob wäre lieber allein gewesen. Madeline behinderte ihn. Sie war jedoch auch
ein Schutz: Chuy konnte ihm erst gefährlich werden, nachdem er sie beide
auseinandersortiert hatte.
Seit einiger Zeit träumte er, er gehe durch geschlossene Türen und Mauern
hindurch. In New York hatte er das Haus in der Spring Street mit der Galerie
verlassen, indem er durch die Wand vom Schlafzimmer in das Treppenhaus gelangt
und durch die gesicherte Eingangstür auf die Straße getreten war. Dann hatte er
Madeline abgeholt, ihre Wohnung hatte er ebenfalls durch die geschlossene Tür
betreten. Wenn er jetzt nicht aufpaßte, würde er bald nicht nur in seinen
Träumen ein Geist sein. Das war nicht mehr der Paseo de los Heroes, das war eine
Ausfallstraße nach Nordosten. Sie mußten schon lange über die Kreuzung hinweg
sein, an der man zum Flughafen abbog. Jacob hatte keine Schilder gesehen, die
riesigen Trucks auf allen Spuren hatten ihm die Sicht versperrt. Chuy war dicht
hinter ihnen und versuchte, sie zu überholen. Er wollte sich vor sie setzen,
abbremsen und ihnen den Weg verstellen. Die Scheiben des Polizeifahrzeugs waren
nur wenig getönt, Jacob konnte das Gesicht seines Verfolgers deutlich sehen. Er
wirkte ziemlich entschlossen.
Jacob fuhr ganz nah auf den Truck vor ihm auf, so daß Chuy sich nicht vor ihnen
hineindrängen konnte.
Chuy ließ sich zurückfallen. Als er neben Jacob war, ließ der sich ebenfalls
zurückfallen. Dann beschleunigte er.
Chuy hielt sich neben ihnen.
Der Verkehr verlangsamte sich, und Jacob bremste plötzlich stark. Der Truck
hinter ihnen kam bedrohlich nahe, nicht ohne ohrenbetäubend zu hupen. Chuy
bremste gleichfalls. Als Jacob nur noch im Schrittempo fuhr, tat Chuy, womit
Jacob gerechnet hatte. Chuy beschleunigte kurz, überholte sie und stellte sich
vor ihnen quer.
Im gleißenden Sonnenlicht war das Blaulicht kaum sichtbar, nach wie vor hatte
Chuy die Sirene nicht eingeschaltet. Die lokale Polizei in Tijuana fuhr
Chevrolet Suburbans, der Wagen war nicht lang genug, um beide Spuren vollständig
zu blockieren.
Sowohl Jacob als auch Madeline waren angeschnallt. Jacob gab Gas und hielt auf
die Schnauze des Chevy zu.
Der Aufprall war lauter, die Erschütterung weniger stark, als er gedacht hatte.
Das Glas der Scheinwerfer zersplitterte, die Windschutzscheibe des Jeeps blieb
ebenso wie die des Suburban unbeschädigt. Durch den Aufprall wurde das
Polizeifahrzeug so weit zur Seite geschoben, daß sie vorbeikonnten. Jacob
drückte das Gaspedal durch und stieg probehalber auf die Bremse, der Wagen
gehorchte ihm.
Weiter vorn schaltete eine Ampel gerade auf Grün um. Es gab keine Abbieger,
Jacob überholte alle Fahrzeuge auf der rechten Spur. Nach der Ampel war der
Verkehr geringer, mit hoher Geschwindigkeit konnte er auf der Ausfallstraße
weiterfahren.
Im Rückspiegel war Chuy nicht zu erblicken! Sie mußten umkehren, um die Grenze
zu erreichen. Die nächste Kreuzung, bei der die Ampel auf Gelb stand, bot die
Gelegenheit dazu. Mit quietschenden Reifen machte Jacob einen U-turn und fuhr in
die Stadt zurück. Jetzt tauchte auch Chuy auf, der sie natürlich sah, aber an
der Ampel aufgehalten wurde. Die Windschutzscheibe des Jeeps war doch
beschädigt. Von der rechten unteren Ecke nahm ein Sprung seinen Ausgang, der
sich langsam quer über die gesamte Fläche voranarbeitete. Jacob hoffte, daß die
Scheibe halten und nicht blind werden oder zersplittern würde. Er nutzte die
Atempause, um Madeline zu beruhigen. Gleich seien sie an der Grenze. Zweifellos
wäre sie in diesem Augenblick alles lieber gewesen als eine Mittdreißigerin, in
Scheidung lebend und mit ihm zusammen auf der Flucht vor einem wildgewordenen
Polizisten, in einem Land, in dem man auf nichts hoffen durfte. Sie sah jetzt
sogar jünger aus, wie sich ihre Augen weiteten und in Tränen schwammen, ohne
allerdings überzulaufen und das schwarze Makeup in Mitleidenschaft zu ziehen.
Was hatte sie mit der Sache zu tun – wo hatte Jacob sie da hineingezogen! In
ihrem Gesicht hielten sich der Schrecken und das Beleidigtsein darüber, daß man
sie derart in Schrecken versetzte, die Waage. Sonst lagen ihre über die Schulter
reichenden langen blonden Haare an ihrem Kopf an und unterstrichen ihre breiten
Backenknochen. Jetzt bauschte der Fahrtwind die Haare auf, und ihre zur
Flachheit neigenden Gesichtszüge bekamen auf einmal Charakter.
Seit Jacobs Ausflügen mit Pilar an die Grenze zwischen San Diego und Tijuana zog
Madeline keinen BH mehr an. An dem kurzen geschlitzten Rock und dem knapp
sitzenden Oberteil, beides in einem kleinteiligen pinkfarbenen Paisley-Muster,
leistete der Fahrtwind in schöner Abwechslung Entblößungs- und
Verhüllungsdienste. Irgendwie machte die Situation Madeline schlanker. Darauf
hätte Jacob gern verzichtet, er war nicht wegen ihrer Figur oder wegen ihrer
charaktervollen Gesichtszüge mit ihr nach Tijuana gekommen.
Der Stau vor ihnen riß ihn aus seinen unzeitgemäßen Betrachtungen. In jedem Fall
mußten sie die nächste Ausfahrt nehmen. Auf einer Anhöhe rechts vor ihnen
breitete ein riesiger weißer Christus seine Arme über die Fabriken und Highways
unter ihm aus.
Sie gelangten auf eine Straße, die parallel zu der Einfallstraße verlief. Die
dunkelblaue Halbkugel, auf der die Christus-Statue stand, war die Kuppel einer
Kapelle.
Chuy war nicht im Rückspiegel zu sehen, weil er sie bereits überholt hatte.
Scharf zog er von links nach rechts herüber, um sie dazu zu zwingen, langsamer
zu fahren. Jacob riß das Steuer rechts herum und bog ab. Ein Taxi wich ihnen
geistesgegenwärtig aus. Sie hörten, wie das Polizeifahrzeug quietschend bremste,
während sie die steile Straße bergan rasten.
Der Sprung in der Scheibe des Jeeps war genau in der Mitte von Jacobs
Gesichtsfeld angekommen.
Sie mußten es schaffen!
Jacob hielt sich immer links, aber alle Straßen bogen sich nach rechts. Anstatt
der Grenze näher zu kommen, entfernten sie sich davon. Gezwungenermaßen
umrundeten sie den Ortsteil auf der Anhöhe und langten schließlich bei dem
großen weißen Christus an.
Chuy war nicht hinter ihnen.
In einem Reflex fuhr Jacob auf den Parkplatz vor der Kapelle mit der
Christus-Statue. Doch der Gedanke, in der Kirche Unterschlupf zu suchen, war
unsinnig. Kein Priester würde ihnen angesichts der uniformierten Gewalt Schutz
bieten. Jacob dachte daran, ein Taxi zu rufen und sich damit zur Grenze bringen
zu lassen. Aber Chuy hatte wahrscheinlich Zugriff auf den Taxifunk, wenn sie
Pech hatten, war er selbst der Taxifahrer.
Mit durchdrehenden Rädern wendete Jacob auf dem Parkplatz. Die Engel auf dem
Zaun sowie auf der Aussichtsterrasse über Tijuana bewachten nicht etwa das
Anwesen. Der Außenwelt den Rücken mit den spitzen Flügeln zukehrend, waren ihre
Blicke ausnahmslos auf den großen weißen Christus gerichtet. Mit der rechten
Hand führten sie eine Posaune zum Mund, mit der linken hielten sie eine Kugel
hoch. Sie kümmerten sich nicht um die Einwohner der Stadt, sie verherrlichten
den Gottessohn. Die Engel waren Klone, einer sah aus wie der andere.
In den Türmen und dem Schiff der Hauptkirche über der Kapelle mit der
Christus-Statue leuchteten bunte Glasfenster. Jacob schüttelte sich. Das große
Glasfenster in der überdachten Galerie neben der Hauptkirche stellte bestimmt
die Himmelfahrt Mariens dar. Jacob ließ den Motor aufheulen.
Sie rasten die steile Straße zurück, die sie gekommen waren, bogen stadteinwärts
ab und hatten den beschädigten Suburban wieder im Rückspiegel. Chuy kannte sich
aus, er hatte am Ausgang des Ortsteils gewartet, in der Gewißheit, sie nicht zu
verpassen.
Er setzte sich unmittelbar hinter sie. Aber er machte keinerlei Anstalten, sie
zu überholen oder zu bedrängen.
Durch die Verfolgungsjagd erschöpft und um das Risiko eines Unfalls zu
vermindern, fuhr Jacob jetzt etwas langsamer. Chuy tat es ihm gleich. Er konnte
ruhig abwarten, bis sich eine Verkehrssituation ergab, die auch ohne sein Zutun
verhinderte, daß Jacob weiterfahren konnte.
Jacob überlegte, ob er nicht versuchen sollte, Madeline zu überreden, sich ans
Steuer zu setzen. Er mußte einen Zwischenspurt einlegen, mehrere Trucks zwischen
sich und Chuy bringen und an einer Stelle halten, an der Chuy den Fahrerwechsel
nicht mitbekam. Je später er ihn bemerkte, desto besser für Jacob. An einer
unübersichtlichen Stelle würde er aussteigen und sich zu Fuß in Sicherheit
bringen. Madeline würde ihren Kopf hinhalten. Das wäre dann genau die Art und
Weise, mit der er sich üblicherweise in seinem Leben aus der Affäre zog.
Er warf einen prüfenden Blick zu Madeline hinüber. Sie hatte die Haare mit Hilfe
einer Spange zu einem Knoten geformt und am Hinterkopf befestigt. Der Fahrtwind
zauste nur noch die über die Schultern herabhängenden Haare. Sie bewegte den
Mund, sie legte die Stirn in Falten und gestikulierte verzweifelt mit den
Händen, aber kein Ton kam über ihre Lippen. Sie sprach entweder mit dem
Schicksal oder mit ihrem Mann. Jacob fand, das war in ihrem Fall ziemlich
dasselbe. Sie schilderte, wie sie in diese mißliche Lage gekommen war, daß sie
das alles nicht beabsichtigt hatte, und sie bat ihren Mann oder das Schicksal,
sie aus der Gefahr zu erretten. Ihr Mann konnte ihr nicht helfen, auch das
Schicksal erhörte sie nicht. Natürlich war sie unfähig, auch nur ein paar Yards
am Steuer des Jeeps zurückzulegen. Der Riß in der Scheibe hatte inzwischen
Gesellschaft bekommen. Am unteren Rand war das Glas an mehreren Stellen
gesprungen. Die neuen Risse pflanzten sich schneller fort.
Mit Sicherheit waren es nur noch wenige Kilometer bis zur Grenze. Jacob mußte
vor einer Kreuzung halten. Eine Grünphase würde nicht genügen, um die Kreuzung
zu überqueren. Im Rückspiegel sah Jacob, wie die Türen von Chuys Suburban
aufgingen.
Jacob blieb nur noch eins, über den Bürgersteig zu fahren. Der war jedoch von
den Schülerinnen einer ganzen Schule blockiert: keine jünger als zwölf, keine
älter als sechzehn, trugen sie alle dieselben kurzen grauen Faltenröcke,
dieselben weißen Blusen und dunkelblaue Pullover mit V-Ausschnitt oder Jacken.
Manche hatten weiße Strumpfhosen an, manche weiße Kniestrümpfe, manche weiße
Söckchen zu schwarzen Schuhen. Nicht ein einziges der Mädchen war blond.
Die Türen des Suburban standen offen, Chuy und seine Männer überlegten, ob sie
die Verfolgung zu Fuß oder mit dem Wagen fortsetzen sollten.
Jacob drückte anhaltend auf die Hupe, bevor er das Lenkrad einschlug. Er fuhr
viel langsamer über die Bordsteinkante, als es ihre Lage geboten sein ließ.
Als der Jeep auf sie zukam, gerieten die Mädchen keineswegs in Panik. Sie
beeilten sich nicht einmal auszuweichen. Einige Mädchen lächelten Jacob sogar
zu, während sie ihm Platz machten. Das veranlaßte ihn, ein zweites Mal energisch
zu hupen und sich mit dem aus dem Fenster gestreckten linken Arm zu bedanken,
nachdem er den Bürgersteig überwunden hatte. Nicht ohne Befriedigung stellte er
fest, daß mehrere Mädchen zurückwinkten. Es waren die allerjüngsten, die älteren
beachteten ihn nicht.
Jacobs Sicht wurde immer schlechter. Ein zusammenhängendes Netz von Sprüngen
durchzog jetzt die Windschutzscheibe des Jeeps. Bald würde er gar nichts mehr
sehen.
Die breite Straße wurde immer schmaler. Sie mündete schließlich in eine Straße
mit nur einer Fahrspur in jeder Richtung. Jacob konnte nicht schneller fahren
und nicht überholen. Chuy hatte keine Mühe, Anschluß zu halten.
Im Rückspiegel sah Jacob, daß Chuy und seine beiden Männer Masken aufgezogen
hatten. Die mexikanische Polizei führte Razzien nur maskiert durch. Jacob
erschrak nicht wenig. Die schwarzen Masken, die nur die Augen und die
Nasenlöcher frei ließen, waren ein schlechtes Zeichen.
Das Ende der Verfolgungsjagd drohte schließlich in Form eines Kamerateams.
Auf der ansteigenden Straße parkte unübersehbar ein Konvoi von Vans. Mehrere
Kameras waren aufgestellt, die alle La Mona fixierten. Das ungeliebte
Wahrzeichen von Tijuana war die etwa sechzig Fuß hohe weiße Figur einer nackten
Frau mit wehenden langen Haaren, die den rechten Arm nach oben streckte. Ein,
wie nicht nur Jacob fand, verrückter Künstler hatte die Figur inmitten eines
Wohngebiets errichtet, in dem sich heruntergekommene Häuser mit Hütten aus Holz
und Wellblech abwechselten. Die Figur war aus mit einer Kunststoffschicht
überzogenen Baustahlmatten geformt. In ihrem Inneren beherbergte sie begehbare
Räume, den größten in der Gegend des Beckens, die Mexikaner liebten üppige
Figuren. Zwischen den Brüsten tat sich in der weißen Haut eine dunkle Öffnung
auf. Jemand winkte aus der Öffnung, eine der Kameras war auf die Öffnung
gerichtet.
Dammit.
Die Wagenkolonne des Filmteams blockierte die Straße. Auf der Gegenfahrbahn kam
ihnen eine ununterbrochene Reihe von Fahrzeugen entgegen.
Jacob mußte anhalten. Es gab keine Fluchtmöglichkeiten mehr, auch nicht zu Fuß.
Der Abhang rechts von der Straße fiel steil ab, links begrenzte eine
geschlossene Gebäudereihe die Straße.
Jacob verfolgte im Rückspiegel, wie sich die Türen des Polizeifahrzeugs
gemächlich öffneten und die Insassen langsam ausstiegen.
Chuy hatte eine Maschinenpistole umhängen, seine beiden Männer ebenso.
Die Maschinenpistolen waren ein ganz schlechtes Zeichen.
Jacob hatte nackte Angst.
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