Fall von Ernst-Wilhelm Händler, FVAErnst-Wilhelm Händler

Fall
(Leseprobe aus: Fall, Roman, Seite 7-8, 1997, Frankfurter Verlagsanstalt)

Um acht Uhr wird das Telefon läuten. Es wird ein junger Krankenhausangestellter am Apparat sein. Er wird mich fragen, ob ich der Sohn von Herrn Georg Voigtländer bin. Ich werde ja sagen. Er wird sagen, er muß mir leider eine sehr traurige Mitteilung machen. Dann wird er zunächst nichts sagen, und ich werde auch nichts sagen. Nach der Pause wird er fortfahren, daß soeben mein Vater verstorben ist. Ich werde sofort ins Krankenhaus fahren. Es ist Sonntagabend. Ich war, seit er am Dienstag eingeliefert wurde, jeden Tag morgens und abends bei ihm. Am Freitag hatte der behandelnde Arzt berichtet, die Herzrhythmusstörungen hätten sich unter der Medikation wesentlich gebessert. Mein Vater fragte schon, wann er das Krankenhaus wieder verlassen könne, man hatte ihm geantwortet, in etwa zwei bis drei Wochen, ob er dann wieder seinen Wein würde trinken können, in Maßen ja. Vormittags las er im Stuhl Zeitung. Nachmittags schien er in gedrückter Stimmung. Er saß auf dem Bett, ließ die Beine schlenkern und blickte auf die verschneite Parklandschaft und den vereisten Parkplatz vor dem Krankenhaus. Auf den Kirchturm mit der Uhr. Es wurde bereits dunkel. Wenn er hier jemals wieder herauskomme, werde er nicht mehr in die Firma gehen. Nie wieder. Als ich ihn verließ, sagte er, er sei sehr müde, er wolle schlafen, und er legte sich schon zurück, während ich mir den Mantel überzog. Wenn ich wiederkomme, wird er noch warm sein. Er wird auf dem Rücken liegen. Seine Haare sind in Unordnung. Er wird noch warm sein, aber er wird bereits nicht mehr so aussehen, als wäre noch Leben in ihm. Er ist zu bleich, als daß er noch leben könnte. Seine Nase ist zu groß, als daß er noch leben könnte. Seine Haut ist straff, aber nicht wie bei einem Lebenden, sondern wie bei einem Toten. Seine Gesichtszüge werden nicht von Schrecken erzählen. Die Augen werden geschlossen sein, er wird im Schlaf gestorben sein, nur der Mund wird offenstehen. Als ob er tief Luft holen wollte, aber auch, als ob es nichts geholfen hat. Und, als ob es ihm doch nichts ausmacht. Ich werde mein Schluchzen in der Bettdecke ersticken, und ich werde seine Hand halten, die warm ist, als ob er noch leben würde. Ich werde so lange an seinem Bett bleiben, bis die Schwestern unsicher werden und den behandelnden Arzt herbeirufen, der nun wirklich nichts mehr ausrichten kann. Er wird mir erklären, es tue ihm leid, aber mein Vater hatte keine günstige Prognose. Das Herz war vorgeschädigt, und es handelte sich um einen schweren, noch dazu wochenlang unbehandelten Infarkt. Bei einem Kuraufenthalt schwamm er eine dreiviertel Stunde im Thermalbad, in dem er sich - Bedingung: keine körperliche Anstrengung - höchstens zehn Minuten hätte aufhalten dürfen. Danach fühlte er sich unwohl und fuhr noch in derselben Nacht nach Hause. Er ging erst zwei Wochen später zum Arzt und weigerte sich zunächst, dem Arzt zu glauben, als der ihm sagte, er habe einen Herzinfarkt erlitten. Es kam dann zu einem Reinfarkt, wie er sich in diesem Alter, unabhängig von den besonderen Ausgangsbedingungen, in der Mehrzahl der Fälle ereignet. Ich werde Simon vom Telefon neben dem Krankenbett anrufen. Er wird in Tränen ausbrechen. Simon wird Heini anrufen. Heini wird nur "so" sagen. Dann werden sich die Schwestern die Gummihandschuhe überstreifen, meinem Vater den Schlafanzug ausziehen und ihn nackt, nur mit einem weißen Laken bedeckt, auf einem schmalen Metallwagen durch das Krankenhaus in den Kühlsaal fahren. Ich werde ihn bis zum Kühlsaal begleiten. Ich werde ihn nicht mehr berühren. Aber ich werde den Wagen, auf dem er liegt, nicht loslassen.

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