Die Erdbeeren von Antons Mutter von Katharina Hacker, 2010, S. Fischer

Katharina Hacker

Die Erdbeeren von Antons Mutter
(Leseprobe aus: Die Erdbeeren von Antons Mutter, Novelle, 2010, S. Fischer).

Der kleine Garten, ein Acker eigentlich, der früher, in

Antons Kindheit, ringsum an Felder gegrenzt hatte, jetzt an

weitere Vorgärten stieß, nur an seiner Rückseite ins Freie

überging, war umgegraben, die Erde sah frisch aus, vereinzelt

stakten Gräser hervor, an einer Stelle war ein großer Löwenzahn

gewachsen und nahe am Zaun drängten sich die

weichen Blätter von Beinwell.

Muß raus, brummte Helmer, der Bauer, der inzwischen eine

kleine Gärtnerei betrieb. Das wächst, da haben Sie keine

Vorstellung von! Er bückte sich, grub mit den Fingern, riß

drei der langen Wurzeln aus. Immer das gleiche, wird man

nie wieder los.

Anton stand neben ihm und blinzelte in das diffuse

Licht.

Wie alt sind Sie jetzt eigentlich? fragte Helmer.

Dreiundvierzig, antwortete Anton.

Na auch schon. Und keine Kinder, und die Schwester immer

noch in Amerika?

Immer noch, sagte Anton.

Da haben Sie für Ihre Eltern ja Zeit.

Ich bin Arzt, wandte Anton ein.

Paßt doch. Helmer schaute zu ihm, in seinen Augen mischten

sich Kummer und ein freundlicher Spott.

Erst die Erdbeeren, sagte Anton.

An den Sträuchern, die in kleinen, schwarzen Töpfchen

darauf warteten, wieder eingesetzt zu werden in die Erde,

hingen schon grüne Früchte. Helmer schüttelte den Kopf.

Anton wollte in zwei Wochen wiederkommen, und dann

wieder zur Ernte.

Wässern kann ich sie Ihnen, heute und morgen, daß ein

paar angehen. Stroh können Sie hintun nächstes Mal, sagte

Helmer. Ist gut gegen die Fäule. Und gegen Schnecken. Viel

werden wird das aber trotzdem nicht.

Sie war so unglücklich, sagte Anton. Sie kennen doch meine

Mutter. Immer gefaßt. Aber diesmal hat sie geweint am

Telefon, weil sie vergessen hat, die Erdbeeren zu pflanzen.

Und was wollen Sie ihr weismachen?

Daß es nicht zu spät ist. Daß sie es nicht vergessen hat.

Ob es richtig war, mit einer Lüge jemanden zu trösten oder

glücklich machen zu wollen? Er würde seiner Mutter vorschlagen,

in den Garten zu gehen, um nach den Erdbeeren zu

schauen. Ihre Angst spürte er, eine Unruhe, die sich verbarg,

immer wieder aufbrach, mit einem erschrockenen Reflex.

Er hatte sich zu Bett gelegt, als sie in sein Zimmer kam.

Anton?

Er sah im unregelmäßigen Licht der Straßenlaterne, die,

von einer Weide halb verdeckt, vor dem Fenster stand, ihr

Gesicht. Es sah männlich aus. Grobe, obenhin zusammengesetzte

Flächen, scharf voneinander abgesetzt, nur die Augenpartie

war verschwollen.

Mein Kind, sagte sie. Er kam sich groß vor. Da er schnell gewachsen

war (mit dreizehn war er schon einen Meter achtzig

groß), hatten seine Eltern ihm zum zwölften Geburtstag ein

Erwachsenen-Bett geschenkt, auf das er stolz gewesen war.

Das erste Jahr, bis zu seinem dreizehnten Geburtstag, war

großartig, sein Zimmer war das Zimmer nicht eines großen

Jungen, sondern eines jungen Mannes. Er hatte sich

so danach gesehnt, ein junger Mann zu sein. Er war ein guter

Sportler, ein Schwimmer und Basketballspieler, von seiner

Schwester verehrt. Von ihren Mitschülerinnen, zwei

Jahre jünger als er, verehrt. Sein Haar war hell, im Nacken

und an den Schläfen gelockt. Wenn er Fotos von damals

sah, staunte er selbst, was für ein hübscher Junge er gewesen

war.

Dann wurde er dick. Keiner konnte sich erklären, was geschah.

Seine Mutter war verzweifelt.

Die Kleider paßten in der Länge, denn er wuchs nicht mehr

so rasch, sie waren aber alle eng und bald zu eng.

Sie nahm ihn mit einkaufen, sie fuhren zusammen nach

Braunschweig. Sie nahm ihn mit, während sie all die Jahre

zuvor für ihn ohne weiteres ausgesucht hatte, was ihm gefiel.

Sein Bund mit der Welt war zerfallen.

Kam seine Mutter mit einer Tüte von P&C, zog er sich in

sein Zimmer zurück. Er legte sich auf sein Bett, aber auch

das Bett verriet ihm den Verlust. Er hatte die harte Matratze

geliebt, die präzise, kühle Berührung an seinem fast mageren

Körper. Jetzt ließ sich nicht mehr bestimmen, wie er auflag.

Er verschwamm, er fand sich nicht mehr. Auch nicht

im Auge seiner Mutter. Sie erkannte ihn selbstredend, doch

in ihrem Auge las er Unruhe und Verwirrung. Nicht er, sein

Körper entfernte sich von ihr.

Als seine Mutter sich zu ihm an den Bettrand setzte, spürte

er an seinem lange schon wieder schlanken Körper genau

die neue Verteilung des Gewichtes. Er schaute sie an.

Das Gesicht eines Mannes, herb und unzugänglich. Sie

seufzte. Mein Junge, murmelte sie leise. Ich mache mir solche

Sorgen um dich.

Anton lag still, er war verlegen.

Du solltest heiraten, sagte sie. Ich bin hier so alleine. Und

dein Vater ist keine große Hilfe.

Sie streichelte Antons Hand.

Deine Schwester, sagte sie plötzlich, ist noch so klein, ich

habe immer Angst, daß sie aufhört zu atmen.

Caroline? fragte Anton. Er sah, wie seine Mutter den Kopf

wiegte.

Morgens, wenn ich in ihr Zimmer gehe, liegt sie so still da.

Dein Vater auch, übrigens.

Übernächste Woche komme ich wieder, sagte Anton, und

bald können wir die Erdbeeren ernten, dann komme ich

auch.

Wo sind die Erdbeeren?

Draußen auf dem Acker. Antons Augen hatten sich an das

Licht gewöhnt, er sah, wie flach das früher widerspenstige

Haar seiner Mutter jetzt an ihrem Kopf anlag, so daß er größer

und kantiger erschien.

Seine Mutter nickte, murmelte etwas, dann sagte sie lauter,

der Acker, den haben wir gekauft, damit euch nichts zustoßen

kann, wenn es nichts zu essen gibt. Den Acker müßt ihr

immer behalten, versprichst du mir das?

Aber ja, Mama.

Sie beugte sich zu ihm, er dachte, sie werde ihn auf die Stirn

küssen, statt dessen sank ihr Kopf bis auf das Kopfkissen.

Dann schreckte sie hoch, sie stand hastig auf.

Gute Nacht! Sie sagte es, als sie schon an der Tür war.

Anstatt hinauszugehen, blieb sie jedoch, wo sie war, einen

verstörten Augenblick lang, tastete die Tür hinauf und hinunter,

unsicher anscheinend, was sie suchte.

Er war erleichtert, als sie hinausgegangen war und ihre

Schritte sich entfernt hatten. Als Kind war das der ängstlichste

Moment gewesen. Von Caroline, die doch im Nebenzimmer

schlief, hatte er tatsächlich meist keinen Laut

gehört. War seine Mutter den Flur entlang und wieder hinuntergegangen,

ins Wohnzimmer, wo sein Vater vor dem

Fernseher saß, ein Buch in der Hand, nachdenklich in

sich versunken, weder lesend noch auf die Bilder, die sich

vor ihm bewegten, achtend, dann bedeutete die Stille, daß

Anton verlassen war von allem, was ihm Trost hätte gewähren

können. Später, als erwachsener Mann, alleine in einem

zu großen Bett liegend, hatte er sich gefragt, welche Einsamkeit

die größere war, die des Kindes, das in Tränen

ausbrechen wollte und es nicht wagte aus kluger Furcht,

dem größten Schrecken zu begegnen, nämlich der Untröstlichkeit.

Oder die Einsamkeit des Mannes, die endgültig

schien. Und auch eine Art der Untröstlichkeit war, mithin.

Am nächsten Morgen fand er den Frühstückstisch für Vier

gedeckt. Der Schrecken traf ihn unvorbereitet. Dann fragte

er sich, wer fehlte. Caroline? Oder Lydia?

Neben dem überflüssigen Teller lag eine Papierserviette, an

seinem Platz eine Serviette aus Stoff mit dem alten silbernen

Serviettenring.

Seine Mutter kam lautlos herein, während er den Tisch betrachtete.

Oh! rief sie aus. Habe ich jemanden vergessen?

Er drehte sich zu ihr. Alles Herbe war aus ihrem Gesicht verschwunden

und verlegener Liebe gewichen. Ach, sagte sie,

bist du alleine gekommen? Ich dachte, du bringst deine

Freundin mit.

Das nächste Mal vielleicht, antwortete er. Für wen ist denn

der vierte Teller?

Der vierte Teller? Sie schaute zum Tisch und zu ihm zurück.

Nach dem Frühstück wollte ihn sein Vater ein Stück

begleiten. Zum Bahnhof vielleicht, sagte er, und holte seinen

Mantel aus dem Schrank, obwohl es warm war. Ja,

zum Bahnhof und wieder nach Hause, wiederholte er. Sie

standen in der Haustür nebeneinander, sein Vater war

jetzt kleiner als er, sie sahen einander aber ähnlich, Anton

hatte silberblondes, sein Vater weißes Haar, Antons Mutter

schaute sie verwirrt an. Wilhelm, sagte sie dann. Ja, Hilde,

sagte er. Die beiden Männer gingen durch den Vorgarten

davon.

Anton hatte seinen Vater am Arm gefaßt, sie drehten sich

um und wollten winken, als seine Mutter aus dem Fenster

etwas rief, Anton! Anton! Lachend hielt sie ihren Arm mit

seiner Tasche durchs Wohnzimmerfenster. Du hast etwas

vergessen, du hast deine Tasche vergessen! Sie verschwand,

einen Moment später tauchte sie in der Haustür auf, sie lief

ihnen entgegen wie eine junge Frau, ihr Mann fing auch an

zu lachen und Anton auch, du hast etwas vergessen! riefen

seine Eltern und umarmten ihn noch einmal zum Abschied.

Wilhelm legte seine Hand auf die Schulter seiner Frau. Jetzt

bleibe ich bei dir.

Bringst du mich nicht zum Bahnhof? fragte Anton.

Ach ja, sagte Wilhelm. Du mußt ja zum Bahnhof.

Und sie gingen ein zweites Mal los. Es waren nur zehn Minuten

bis zum Bahnhof, man konnte gerade noch die große

Tanne im Garten seiner Eltern sehen.

Weißt du, wie du nach Hause kommst? fragte Anton seinen

Vater.

Ja, sagte sein Vater ruhig. Er schaute Anton in die Augen,

als könnte er herauslesen, was er verloren hatte. Der Zug

näherte sich, hielt.

Willkommen in Calberlah! tönte es aus dem Lautsprecher.

Anton stieg ein, sein Vater stand zu nahe an der Lichtschranke,

die Tür konnte sich nicht schließen, der Bahnwärter

rief in den Lautsprecher, nun geben Sie doch endlich

die Türen frei!

Du mußt zurücktreten, Papa, sagte Anton.

Ach ja? fragte sein Vater ironisch.

Die Türen, sagte Anton. Sonst geht die Tür nicht zu.

Könnte der Herr freundlichst einsteigen oder einen Schritt

zurücktreten? rief der Bahnwärter aufgebracht. Er kam aus

dem Schaltraum gelaufen.

Papa, bat Anton. Der Bahnwärter nahm seinen Vater am

Arm und zog ihn weg, die Tür schloß sich. Papa! rief Anton

noch einmal gegen die Scheiben. Aber sein Vater sah ihn

nicht, aufgebracht wehrte er sich gegen den Bahnbeamten,

der ihn nicht loslassen wollte, aus Angst, der Mann könnte

gegen den Zug stürzen.

Dann war nichts mehr zu sehen, denn der Zug fuhr an und

gewann rasch an Fahrt.

Alix hatte er in sein Elternhaus mitnehmen wollen, seine

Busenfreundin, die Frau seines Freundes Jan. Jan, Alix,

Bernd und er, das war es, was gegolten hatte, seit Jahren.

Alix hatte zugestimmt. Sie hatte ihn vergnügt angeschaut

und aufmerksam, sie hatte gefragt, warum er nicht seine

neue Liebe, seine frische Freundin Lydia mitnehme, ob sie

zu dritt fahren sollten. Bernd hatte auch angeboten, ihn zu

begleiten, er hatte auch gefragt, warum Anton nicht Lydia

mitnehme?

In Lydia war er hineingerannt. Schlank war Anton zwar

noch, mager war er nicht mehr, er hatte in den letzten

Monaten zugenommen, mit seinem größeren Gewicht, mit

der Geschwindigkeit, einer Art Schubkraft, die ihm neu

war, hatte er eine Radfahrerin umgerannt, das war Lydia

gewesen. Unachtsam war er auf den Fahrradweg gelaufen.

Schnell und achtsam hatte er zugegriffen, so daß er das meiste

ihres Sturzes abfangen konnte. Um so härter war er gestürzt;

nicht einmal Bernd hatte er gestanden, daß er wegen

der Blutergüsse und des verletzten Steißbeins tagelang nicht

schlafen konnte. Ohne Schmerzen hätte er allerdings ebensowenig

geschlafen.

Seine Hoffnung und die Erinnerung an ihren Anblick hielten

ihn wach, ihre brüske, freundliche Art, ihr Zorn, der

sie nicht hinderte, neugierig zu sein, erst zu langsam, dann

etwas zu schnell, hatte Lydia gesagt und sich aus seinen

Armen gewunden. Dann hatte sie sich Zeit genommen,

ihn zu mustern, während er, seine Schmerzen verbergend,

sich mühsam aufrichtete und aufstand, verblüfft über

ihr Gesicht, das trotz der Jahreszeit ein bißchen bräunlich

war, so daß ihre eigentlich dunklen Augen hell wirkten,

eine Art Violett, in Kontrast zu dem kastanienbraunen

Haar.

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