Deutschlandalbum
(aus: Deutschlandalbum, 2004,
Kunstmann-Verlag)
Als ich geboren wurde, war der Krieg
gerade elf Jahre vorbei.
Man sah seine Folgen noch überall. Ich fing Frösche in kreisrunden Teichen im
Wald.
Diese Teiche waren von britischen Bombern angelegt worden. Sie waren
trichterförmig. Über dem Wald hatten die Bomber jene Last abgeworfen, die sie
über der Stadt nicht losgeworden waren und nicht wieder mit zurück nehmen
wollten. Ich spielte mit Kindern, die mit ihren Eltern in engen Baracken auf der
anderen Straßenseite wohnten, ein ganzes Lager für Vertriebene aus Russland
und Polen.
Oft war Samstag mittags um zwölf Probealarm der Sirenen, sie heulten
pünktlich, und ich lernte den Unterschied von »Fliegeralarm« und
»Entwarnung«. Wofür, fragte ich mich, musste ich das wissen? Weil auch ich
vielleicht einen Krieg erleben würde? Abends erzählten die Eltern wieder von
Ausgebombt sein und Gefangenschaft. Und der Onkel, der noch zu jung gewesen war,
um Soldat zu werden, der nur noch zum »Arbeitsdienst« einberufen worden war,
dieser Onkel, der vielleicht deshalb der Heiterste und Unbeschwerteste der
ganzen Familie war, dieser Onkel also berichtete, wie nach einem Bombenangriff
einmal ein Pferd tot auf der Straße lag, wie der Metzger kam und ihm den Kopf
abschnitt, es auf der Straße zerlegte und das Fleisch im hohen Bogen auf seinen
Wagen warf.
(...)
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