Das ewige Leben von Wolf Haas, 2003, Hoffmann & Campe

Wolf Haas

Das ewige Leben
(Leseprobe aus: Das ewige Leben, Roman, 2003, Hoffmann & Campe)

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Jetzt ist schon wieder was passiert. Und ob du es glaubst oder nicht. Zur Abwechslung einmal etwas Gutes. Weil erlebst du auf einer Intensivstation auch nicht jeden Tag, dass dir ein Hoffnungsloser noch einmal wird. Auf einer Intensiv passiert natürlich rund um die Uhr so viel, dass normalerweise niemand vom Personal viele Worte über irgendwas verliert. Und wenn du müde von der Intensiv nach Hause kommst, hast du die meisten Vorfälle schon wieder vergessen, weil eines verdrängt das andere, und wo die Ereignisse sich überschlagen, kommt schnell der Punkt, wo man sagt, alles ganz normal. Mit dem Herz-Ausschütten hörst du da schon nach ein paar Wochen auf. Lieber ein stummes Abendessen, ein bisschen die gedrückte Stimmung verbreiten, damit kann man die Familie auch tyrannisieren, das ist weniger anstrengend und hat fast den gleichen Erholungswert wie hysterisches Herumbrüllen. Ich erwähne es nur, weil die Frau vom Professor Hofstätter sich immer darüber ausgeweint hat, ausgerechnet bei der Schwester Vanessa, aber die Ehefrau erfährt es eben immer als letzte. Umgekehrt die schönen Erlebnisse. Die sind natürlich auf einer Intensiv wieder besonders schön. Ein Patient kann sich wieder rühren, erholt sich komplett, das ist wunderbar. Und wenn dir ein Hoffnungsloser aufwacht, das ist das Schönste, was du erleben kannst. Aber interessant. Genauso wie Sachen mit der Zeit wieder gut werden können, die am Anfang recht schlimm aussehen, gibt es auch das Umgekehrte. Und es schaut etwas schön tröstlich aus, Sinn und alles, und nach einer gewissen Zeit musst du zugeben, es hat gut angefangen, aber jetzt leider Schutt und Asche. Jetzt leider Mord und noch einmal Mord. Jetzt leider sinnlose Zerstörung. Aber ich sage, man muss nicht immer alles vom Ende her betrachten. Man kann auch einmal eine gute Sekunde einfach gelten lassen. Einfach nicht zu weit Richtung Ende schauen, dann geht es schon. Zum Beispiel in Graz. Landesnervenklinik Sigmund Freud, sprich Puntigam-links. Ausgerechnet am Neujahrstag! Das war eine Aufregung und ein Jubel, wie der Hoffnungslose aufgewacht ist, frage nicht. Im nachhinein ist dem Intensiv-Pfleger immer vorgekommen, dass er am Morgen gleich gespürt hat, etwas ist in der Luft. Wie er am Neujahrstag in die Klinik gekommen ist, hat er schon am Eingang so eine eigenartige Stimmung gespürt. Schon wie er vom Parkplatz herein gekommen ist, eine rein atmosphärische Angelegenheit. Aber gut, der Intensiv-Pfleger war ein bisschen ein Schwätzer. Mehr gibt mir da schon zu denken, dass sogar die Schwester Vanessa behauptet hat, sie hat es gespürt, aber erst oben, auf der Station, wie sie aus dem Lift gekommen ist, unten noch nicht. Nur die Schwester Corinna hat gesagt, Blödsinn, sie hat gar nichts gespürt, und sie war sogar als einzige direkt nebenan im Schwesternzimmer, quasi Seitenhieb auf die Schwester Vanessa, die wieder einmal verspätet aus dem Lift stolziert ist, und da will sie schon den Hoffnungslosen gespürt haben. Das sind eben die kleinen Rivalitäten, die gibt es auf einer Intensiv genauso wie auf jeder anderen Station. An und für sich ist es nicht so schlimm, wenn eine Schwester am Neujahrs-Morgen ein paar Minuten zu spät kommt. Normalerweise Neujahrstag eher ruhiger als sonst, weil die paar Alkoholvergiftungen fallen nicht so ins Gewicht. Nicht halb so schlimm wie die Selbstmorde am Heiligen Abend oder wie die Alkohol-Leichen nach einem großen Spiel im Arnold Scharzenegger-Stadion. Aber die Schwester Corinna hat es eben aufgeregt, dass die Schwester Vanessa wieder einmal als Letzte aus dem Lift spaziert ist, und schon will sie den Hoffnungslosen gespürt haben. Ich persönlich finde den Oberpflege weitaus schlimmer, der behauptet hat, er hätte es schon beim Eingang unten gespürt. Da wundert mich direkt, dass er es nicht schon in der Tiefgarage gespürt hat oder bei der Anfahrt auf der Puntigamer Brauerei-Straße. Obwohl ich ganz ehrlich sagen muss, der Schwester Corinna glaube ich auch nicht, dass sie direkt nebenan im Schwesternzimmer überhaupt nichts gespürt hat. Im Grund kann man ihnen allen miteinander nicht trauen. Weil interessant, oft wissen die Leute, die selber dabei waren, am allerwenigsten, wie es wirklich war. Und leider sind wir heute so weit, dass die Menschen nicht mehr wissen, was sie spüren. Jeder redet sich alles auf seine Weise ein, und der eine hat immer schon alles am Parkplatz unten gespürt, und der andere hat immer überhaupt nichts gespürt, obwohl er nebenan im Schwesternzimmer war, weil jeder glaubt, er ist es irgendwie seiner Persönlichkeit schuldig, dass er es schon am Parkplatz unten oder nicht einmal im Schwesternzimmer gespürt hat. Aber pass einmal gut auf, was ich dir sage. Parkplatz gibt es nicht, ganz klar. Aber dass du nur durch eine dünne Wand getrennt überhaupt nichts spürst, das kaufe ich der Schwester Corinna auch nicht ab. Weil du spürst es, wenn keine zwei Meter entfernt einer vom Totenreich zurückkehrt, da ist eine Energie im Spiel, da kannst du so eine dicke Haut wie die Schwester Corinna haben, und du spürst es trotzdem. Nur in einem Punkt waren sich alle einig. Wie sie den Putzmann schreien gehört haben, ist ihnen sofort klar gewesen, dass es um Leben und Tod geht. Und wie sie dann in das Zimmer hinein gestürmt sind, haben sie es gleich gesehen. Der Hoffnungslose sitzt aufrecht im Bett und schaut sie interessiert an. Dass es so was gibt! Ist der Hoffnungslose wieder aufgewacht. Das musst du dir einmal vorstellen, der hat sich vor drei Wochen in den Kopf geschossen, und der Professor Hofstätter hat immer gesagt, wenn der nicht so einen Quadratschädel hätte, dann wäre er auf der Stelle tot gewesen, aber nichts da, er hat leiden müssen und ist nicht gestorben. Und jetzt sitzt er nach drei Wochen Koma aufrecht im Bett und schaut die Hereinstürmenden so verwundert an, als wären sie gerade von einer anderen Galaxie herein gestürmt. Die Schwester Corinna hat so vorsichtig geflüstert, als hätte sie Angst, der Luftzug ihrer Worte wirft ihn gleich wieder um: „Herr Brenner?“ Der Hoffnungslose hat den Kopf geschüttelt. Nicht weil er damit sagen wollte, dass er nicht der Herr Brenner ist, sondern eben: Lass mir noch ein bisschen Zeit, Schwester, und nach drei Wochen Koma plappere ich jetzt nicht gleich durch die Gegend. „Herr Brenner?“ hat die Schwester Corinna jetzt ein bisschen lauter gesagt. Und dann schon fast mit ihrer normalen Lautstärke, sprich Tote aufwecken: „Herr Brenner? Hören Sie mich?“ Weil die Schwester Corinna hat geglaubt, sie kann es erzwingen, und wenn er schon aufwacht, muss er auch was sagen. Aber nichts da, der Brenner hat sich von der erhöhten Lautstärke überhaupt nicht beeindrucken lassen und wieder nur so langsam den Kopf geschüttelt, als hätte er mit der Erdkugel gewettet, und wer weniger als eine Umdrehung pro Tag schafft, hat gewonnen. „Herr Brenner?“ Aber drei Tage hat sie dann schon noch warten müssen, bis der Brenner zum ersten Mal den Mund aufgemacht und ganz schwach und leise geflüstert hat: „Lustig samma, Puntigamer!“

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