Julia Haag

Apparat

Seit sie hier sitzt, sind ihre Füße kalt geworden. Sie blickt auf die rauhen Unterseite seiner Hände. Ob ihm wohl immer kalt ist hier drinnen? Er reibt ein Stück Holz, darüber eine Platte aus Marmor. Schön ist es hier, findet sie. Wie in ihren Büchern. Die Balletteuse und der Bildhauer.

- Ist sie nur der Geschichte wegen hier?

 Die Tür ist hinter ihnen zugefallen. Es gibt nur ein Fenster in diesem Raum, der groß ist und kalt. Man sieht auf einen Zitronenbaum und einer Bank, die in der Abendsonne wohl leuchtet. Sie solle sich freimachen, sagt er. Ob sie es richtig verstanden hat. Freimachen? Er wollte doch nur ihre Füße fotografieren. Die kaputten alten Füße, die stumpf sind und voller Narben. Sie zieht langsam die Strümpfe über die Knöchel und stellt sich in den Raum. Überall Skulpturen. Man muss aufpassen, dass man nicht fällt und eine von ihnen wird. Er lächelt nicht. Seine Augen sind schwarz, und funkeln traurig. Er hat schwere Hände und ein knöchernes Gesicht. Mit seinen Fingern berührt er ihre Ferse. Sie zittert.

Es fühlt sich nackt an, der erste Schuss. Er sagt nichts, auch nicht als er ihr Gesicht nimmt, in einem Moment, in dem sie die Starrheit nicht mehr erträgt.

Fast ist es, als ständen sie zu dritt im Raum. Er, sie und der Apparat .

Rezension I Buchbestellung III08 © LYRIKwelt/J.H.