Der Abfahrer-und wie ihm das Leben entgegenkam von Bille Haag, 2007, Asso

Bille Haag

Der Abfahrer - und wie ihm das Leben entgegenkam
(Leseprobe aus: Der Abfahrer-und wie ihm das Leben entgegenkam, Roman, 2007, Asso Verlag)

Im ersten Morgenlicht, in der blauen Stunde, wenn die Nachttiere
plötzlich ruhig sind und die Tagtiere noch nicht lärmen, weckt ihn
die Stille. Magische blaue Stunde, wenn alles den Atem anhält. Er wagt
nicht, sich zu bewegen, so groß ist dieser lautlose Moment, so groß
der Tag, den er sich vorgenommen hat. Er überlegt, ob er sich die Beine
rasieren und einölen soll. Windschnittiger würde er dadurch nicht.
Stürzte er aber, wäre er leichter zu versorgen. Er wird nicht stürzen.
Er hat es noch immer gepackt. Immerhin ist er fünfzig Jahre über die
Runden gekommen, mit Anfälligkeiten für Halsweh, das schon, aber
Halsschmerzen hat irgendwie jeder, wahrscheinlich sogar Odysseus.
Auch wenn das unerwähnt bleibt bei Homer, der übrigens blind gewesen
sein soll. Er dagegen war lahm gewesen. Das hatte ihn über Jahre
beunruhigt, sein lahmes Bein.
Alfred liegt reglos im Bett, wie aufgebahrt, von draußen kommt kein
Geräusch. Mehr von innen, das hört er genau, dem spürt er nach, wie
das damals anfing, mit der lähmenden Krankheit, gegen Ende der Sommerferien
achtundfünfzig, da war er acht Jahre und man machte Urlaub
in Nebel auf Amrum. Vom Dorf Nebel aus radelte er zum Kniepsand,
suchte Bernstein, warf sich ins Wasser, rannte und rannte, gegen den
Wind, mit dem Wind, versackte mit dem Rad auf schmalen Dünenwegen,
flitzte hüpfend auf wurzeligen Waldwegen zur Vogelkoje, kam bis
nach Norddorf, wo Gänse grasten, als wären sie Kühe. Auf der Landkarte
sah die Insel aus wie eine Krabbe und das Inseldorf Nebel, dem
Watt zugewandt, war das Herz. Das hörte er nachts, das klopfte ihn
in den Schlaf, budum, budum, budum, budum, und das Wattenmeer
schwappte ihm durch das offene Fenster: wat und dat, wat und dat.
Straßenjungensprache hieß das zu Hause und war verboten. Wenn Alfred
wat und dat sagte, wurde er ermahnt: wie bitte? und musste sich
entschuldigen und sich verbessern in was und das. Auf der Insel hielt
das Meer zu ihm, wat und dat, wat und dat, die ganze Nacht hindurch
und wohl auch den Tag, wenn er unterwegs war. Mal lauter, mal leiser
redete das Wattenmeer Straßendeutsch, und dem Meer stellte keiner
die spitzige Frage: Wie bitte?
Alfred war überzeugt, dass das Meer zu ihm hielt und ihm riet, die
Eltern zu überhören. Die sah er nur zu den Mahlzeiten oder wenn er
beim Streunen am Haus vorbeikam und schnell durch den Windfang,
durch die Diele, in die Stube hineinrannte, um allen im Haus mitzuteilen,
dass dies hier die allerallerschönsten Ferien seien, und schon
wieder raus. In seiner Erinnerung gab es immer gutes Wetter, immer
war er in Bewegung, schwamm wie ein Seehund, rannte wie ein Kaninchen,
fuhr Rad, als wäre es ihm angewachsen. So erinnert er sich. Und
dass er einen Feriensingsang skandierte: ich bin acht, ich bin frei, ich
bin acht, ich bin frei.
Dann wurde ihm mit einem Mal mittags ganz schlecht. Zu hastig gegessen,
dass du immer so schlingen musst, meinte die Mutter. Er bekam
Kopfschmerzen, Glieder- und Rückenschmerzen, der Hals brannte.
Sommergrippe, meinte der Düsseldorfer Hausarzt per Ferndiagnose,
im Auge behalten. Alfred bekam Durchfall und Fieber. Könnte auch
Sonnenstich sein, oder ein Virus, so die Ferndiagnose, im Auge behalten.
Man machte ihm kalte Wadenwickel und er musste salziges Reiswasser
trinken, das er erbrach. Ungewöhnlich für Sommergrippe, sagte
der ferne Hausarzt, vielleicht hat ihn das Reiswasser angewidert.
Plötzlich ging das Fieber runter und Alfred sah schon, wie die letzten
Ferientage noch einmal schön werden könnten, aber noch während
dieser Hoffnung ging es wieder los. Hohes Fieber, Rückenschmerzen,
Alfred wollte nichts mehr, gar nichts mehr, nichts mehr wissen, nichts
mehr unternehmen, nichts mehr gefragt werden. Der Inselarzt fand
das beunruhigend, meldete ihn in der Klinik in Hamburg an, die
Eltern brachen sofort auf, mit allem Feriengepäck und mit ihm und den
beiden Brüdern. Und schon am selben Abend lag Alfred im Krankenhaus,
die Mutter weinte, der Vater blickte gefasst, die Brüder standen so
rum, mit ihnen verband ihn schon immer sehr wenig, er schlief gleich
ein. Am Morgen war er benommen, die Eltern tauchten noch einmal
auf und teilten ihm mit, sie müssten jetzt nach Düsseldorf, ohne ihn,
denn leider, er habe die Kinderlähmung, eine leichtere Art und noch
rechtzeitig in die Klinik, das ginge vorüber, er müsse nur noch einige
Tage im Krankenhaus bleiben, sie holten ihn dann wieder ab. Ihm war
alles egal, er schlief, noch während sie redeten, wieder ein.
Er soll bewusstlos gewesen sein, hieß es später, er erinnert sich nicht.
Die Tage zogen sich grünlich-weiß hin, er konnte lange nichts lesen, die
Kasperle-Bücher, die Mutter ihm schickte, stapelten sich auf dem fahrbaren
Tisch neben seinem Dämmern. Vier Wochen, so glaubt Alfred,
verbrachte er in der Klinik. Seine linke Seite war stumpf, gehorchte
nicht mehr, vor allem das Bein nicht, selbst wenn er es feste befahl.
Aber sein Herz klopfte, das erinnert er deutlich, wie wichtig ihm das
Gepoche war, budum, budum, budum, budum, wie sehr er dem Beweis
dafür lauschte, dass sein Herz nicht gelähmt war. Der Arzt behauptete,
er habe sich das Polio-Virus im Schwimmbad geholt. Aber ich war
doch im Meer, widersprach Alfred. Ja, wenn man sich auch nicht impfen
lässt, sagte der Arzt.
Das mit dem Bein, das könne er üben, versicherte die Krankenturnerin,
die jeden Tag kam. Durch Üben werde das Bein wieder flink. Es
habe in der Krankheitszeit zu tief und zu lange geschlafen, es sei einfach
faul geworden und benötige eine gehörige Portion Aufmerksamkeit
und auch Strenge, um wieder aufgeweckt zu werden. Es war das
erste Mal, dass er merkte, dass sein Körper und er zwei Verschiedene
waren, und er machte eifrig mit, was seine Krankenturnerin ihm mit
dem wippenden Pferdeschwanz vorgab. Was er denn mal werden wolle
von Beruf, fragte sie. Mein eigener Herr. Das ist ein guter Beruf, sagte
sie. Das können nicht viele. Wenn du fleißig übst, klappt das bestimmt.
Er übte eifrig ohne sie weiter, um ihr tags drauf zu gefallen, und begleitete
sich mit seinem Feriensingsang: ich bin acht, ich bin frei. War aber
nicht mehr so froh wie zu Beginn der Ferien.

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