Neues in meinem
Leben
(aus:
Schmutzige Havanna Triologie, 2002, Hoffmann
und Campe)
Heute früh steckte im
Briefkasten eine rosa Karte von Mark Pawson aus London. In großer Schrift stand darauf in
Englisch: »Am 5. Juni 1993 hat irgend so ein Mistkerl das Vorderrad meines Fahrrads
geklaut.« Das war jetzt ein Jahr her, und er ärgerte sich immer noch darüber. Mir fiel
der kleine Club in der Nähe von Marks Wohnung ein, wo Rodolfo jede Nacht einen Strip
hinlegte und sehr erotisch tanzte, während ich mit Bongos, Kastagnetten, kehligem Gesang
und was mir sonst noch so einfiel eine gewagte Musik aus tropischen Klängen
improvisierte. Wir hatten viel Spaß, bekamen jede Menge Freibier und 25 Pfund pro Nacht
bezahlt. Schade, dass es nicht von Dauer war. Aber Rodolfo war als schwarzer Tänzer sehr
gefragt und ging nach Liverpool, um modernen Tanz zu unterrichten. Ich blieb ohne Geld
zurück und wohnte bei Mark, bis ich mich langweilte und zurückkam.
Seitdem bemühte ich mich, nichts mehr ernst zu nehmen. Ein Mann darf viele kleine Fehler
machen. Das spielt keine Rolle. Wenn die Fehler aber groß sind und auf seinem Leben
lasten, bleibt ihm nur noch, sich nicht ernst zu nehmen. Nur so muss er nicht leiden.
Anhaltendes Leiden kann tödlich sein.
Ich heftete die Karte hinter die Tür, legte eine Kassette mit Armstrongs »Snake Rag«
ein, und schon war mir leichter ums Herz und ich hörte auf zu grübeln. Bei Musik kann
ich nicht denken. Und Jazz muntert mich erst recht auf, und ich muss dann tanzen, einfach
so für mich. Ich trank eine Tasse Tee zum Frühstück, ging aufs Klo, las ein paar
homosexuelle Gedichte von Allen Ginsberg und dann mit Verwunderung »Sphincter« und
»Personals ad«. I hope my good old asshole holds out. Aber mir blieb nicht viel Zeit,
mich zu wundern, denn zwei Freunde von mir kamen, zwei sehr junge, um mich zu fragen, wie
ich die Idee fand, mit einem Floß von San Antonio Richtung Catoche aufs Meer
hinauszufahren, oder ob es nicht besser wäre, nach Norden Richtung Miami aufzubrechen. Es
waren die Tage des Exodus im Sommer 94. Eine Freundin hatte mir am Vortag telefonisch
mitgeteilt: »Alle Männer und jungen Leute hauen ab. Das wird uns Frauen ganz schön zu
schaffen machen.« Ganz so war's dann doch nicht. Es blieben viele da, die so weit nicht
weg leben konnten, trotz allem.
Also, ich bin ein bisschen auf dem Golf herumgeschippert und weiß, dass er eine Falle
ist. Mit der Landkarte in der Hand überredete ich sie, nicht nach Mexiko abzuhauen. Und
dann ging ich mit ihnen, um mir das große Floß für sechs Leute anzusehen. Es bestand
aus Holzplanken, die mit Stricken über drei Flugzeugreifen geschnürt waren. Es sollte
noch mit Taschenlampen, Kompass und bengalischen Lichtern ausgerüstet werden. Ich
wünschte ihnen Glück und schwang mich aufs Fahrrad, um ein bisschen rumzufahren. Ich
kaufte ein paar Stücke Melone und fuhr zu meiner Ex-Frau. Wir sind jetzt gute Freunde. So
ist es besser für uns beide. Sie war nicht zu Hause. Ich aß ein bisschen Melone und
ließ den Rest da. Ich hinterlasse gerne Spuren. Ich stellte die übrigen Stücke in den
Kühlschrank und brach dann rasch auf. Zwei Jahre lang war ich in dem Haus glücklich
gewesen. Es tat mir nicht gut, hier alleine zu sein.
In der Nähe wohnte Margarita. Wir hatten uns eine ganze Weile nicht gesehen. Als ich kam,
wusch sie gerade ihre Wäsche und schwitzte. Sie freute sich, mich zu sehen, und wollte
gleich unter die Dusche. Wir sind ein heimliches Liebespaar - irgendwie muss ich es ja
nennen - seit fast zwanzig Jahren, und wenn wir uns sehen, vögeln wir erst und
unterhalten uns dann ganz entspannt. Also ließ ich sie nicht unter die Dusche. Ich zog
sie aus und ließ meine Zunge über ihren ganzen Körper gleiten. Sie tat dasselbe: Sie
zog mich aus und ließ ihre Zunge über meinen ganzen Körper gleiten. Vom Radfahren und
von der vielen Sonne war auch ich ganz verschwitzt. Sie sah erholter aus, war etwas dicker
geworden, nicht mehr nur Haut und Knochen. Ihre Schenkel waren wieder fest und rund, trotz
ihrer sechsundvierzig Jahre.
Schwarze sind so, alles Fasern und Muskeln und ganz wenig Fett und reine Haut ohne
Mitesser. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, und nachdem ich ein bisschen mit
ihr gespielt hatte und sie schon dreimal gekommen war, steckte ich ihn ihr in den Arsch,
ganz sachte, angefeuchtet von ihrer Möse. Stück für Stück, etwas vor und wieder
zurück, und rieb ihr dabei mit der Hand die Klitoris. Es tat ihr furchtbar weh, aber dann
konnte sie nicht genug bekommen. Sie biss ins Kissen, streckte mir aber den Arsch entgegen
und flehte, ihn ganz reinzustecken. Diese Frau ist herrlich. Keine andere kommt in Fahrt
wie sie. Eine ganze Weile blieben wir so vereinigt. Als ich ihn wieder rauszog, war er mit
Scheiße verschmiert, und sie ekelte sich. Ich nicht. Mein Sinn fürs Groteske war schon
immer sehr ausgeprägt und stets hellwach. Sex ist nichts für Weichlinge. Sex ist ein
Austausch von Flüssigkeiten, Säften, Atem und strengen Gerüchen, Urin, Samen, Scheiße,
Schweiß, Mikroben, Bakterien. Oder es ist kein richtiger Sex. Wenn es nur bei
Zärtlichkeiten und ätherischer Spiritualität bleibt, ist es nur eine sterile Parodie
dessen, was es sein könnte, also nichts. Wir duschten und waren dann bereit für einen
Kaffee und ein Schwätzchen. Sie wollte, dass ich mit ihr nach El Rincón kam. Sie hatte
ein Gelübde gegenüber San Lázaro zu erfüllen und bat mich, sie am nächsten Tag zu
begleiten. Sie bat mich wirklich so liebevoll, dass ich zusagte. Das Wunderbare an den
kubanischen Frauen - bestimmt auch an anderen in Amerika oder Asien - ist, sie können
einen so zärtlich um etwas bitten, dass man es ihnen nie abschlagen kann. Anders die
Europäerinnen. Europäerinnen sind so spröde, dass sie einem jede Gelegenheit zu einem
NEIN! geben. Und man fühlt sich richtig gut dabei.
Anschließend fuhr ich nach Hause zurück. Der Nachmittag war schon kühler geworden. Ich
hatte Hunger. Kein Wunder, ich hatte ja auch nur eine Tasse Tee, ein Stück Melone und
einen Kaffee im Magen. Zu Hause aß ich ein Stück Brot und trank noch etwas Tee. Langsam
gewöhnte ich mich an viel Neues in meinem Leben. Ich gewöhnte mich an die Armut und
daran, alles zu nehmen, wie es kam. Ich übte mich darin, alle Verbissenheit abzulegen,
andernfalls würde ich nicht überleben. Immer hatte mir etwas gefehlt. Immer war ich
unzufrieden gewesen, wollte alles auf einmal, kämpfte hartnäckig um mehr. Jetzt musste
ich lernen, dass ich nicht alles auf einmal bekam, und mich mit fast nichts zu begnügen.
Aber sonst hätte ich auch nur mit meiner tragischen Sicht vom Leben weitergemacht.
Insofern machte mir die Armut nicht mehr viel aus.
Dann rief Luisa an. Sie wollte übers Wochenende kommen. Luisa ist eine Wahnsinnsfrau.
Vielleicht etwas zu jung für mich. Macht nichts. Macht alles nichts. Es fing an zu
regnen, es donnerte, heftige Windböen setzten ein, und die Luft war entsetzlich schwül.
So ist das in der Karibik. Gerade scheint noch die Sonne, und auf einmal kommt heftiger
Wind auf, es regnet, und plötzlich ist man mitten in einem Orkan. Ich brauchte ein
bisschen Rum, aber das war jetzt unmöglich. Zwar hatte ich etwas Geld, aber es gab nichts
zu kaufen. Ich legte mich schlafen. Ich war verschwitzt und die Laken waren schmutzig,
aber ich mag meinen eigenen Körpergeruch. Er erregt mich. Und Luisa musste jeden Moment
kommen. Wahrscheinlich schlief ich ein. Wenn der Wind stärker werden und das Dach
abdecken sollte, war mir das egal. Alles war egal.
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