Frau Sorgedahls schöne weiße Arme von Lars Gustafsson, 2009, Hanser

Lars Gustafsson

Frau Sorgedahls schöne weiße Arme
(Leseprobe aus: Frau Sorgedahls schöne weiße Arme, Roman, 2009, Hanser - Übertragung Verena Reichel).

Inmitten der Musik gefangen

Ich verspüre Schwindel,wenn ich mich über meine eigenen Erinnerungen beuge. Ich höre die Zeit wie einen Wasserfall donnern. Die Zeit ist ein Fluss. Und ich bin die Zeit. Und der Schwindel wächst immerzu. Ich habe Angst davor zu fallen. Aber ich habe auch Angst davor, frei zu werden.

Gewiss erinnere ich mich an Frau Sorgedahl. Ich erinnere mich sehr gut an sie.

Ihr langes, volles rotes Haar in diesem sanften Lampenlicht, wenn sie sich vorbeugt, um die siamesische Katze zu streicheln, die seidenweich auf meinem Schoß liegt.

Und ich erinnere mich an Frau Sorgedahls schöne weiße Arme. Es war ein Frühlingsabend 1954. Wie viel Zeit uns trennt!

Nein. So geht das nicht. So geht das überhaupt nicht. Ich fange noch einmal an – es ist zu spät zum Aufgeben: Woher kommen all diese Dinge, die es nur in den Träumen gibt?

Nach einem ungewöhnlich langen und langweiligen Traum, der von einer mühseligen Wanderung durch eine Landschaft voll von allen möglichen Schneehindernissen handelte undwo es fast unmöglich schien, vom Fleck zu kommen, wachte ich in einer melancholischen grauen Dämmerung auf und bemerkte, dass ich Sehnsucht nach Frau Sorgedahl hatte. Meine Sehnsucht nach ihr war intensiv. Ich erwachte mit dem Gefühl, dass es entsetzlich sei, sie nicht in der Nähe zu haben.

Und dass ich nicht wusste, ob sie noch lebt oder tot ist. Das kam sehr überraschend. Es muss mehr als fünfzig Jahre her sein, seit ich sie zuletzt gesehen habe. Ich hatte keine Ahnung, dass es sie irgendwo in mir noch geben könnte. Aber jetzt war sie plötzlich da. Mit ihren schönen weißen Armen. Ihren schönen weißen Armen, die sich jetzt – im Traum, aber nicht in der Wirklichkeit – so zärtlich um meinen dünnen, noch halbwüchsigen Körper schlangen. Der jetzt der Körper eines sehnigen, weißhaarigen alten Mannes ist. Wo einer der Finger an der linken Hand sich nicht strecken lässt, wo die Schulter fast ständig schmerzt. Ein alter, aus Schweden stammender Fellow am Magdalen College wird im Traum zu einem Teenager und sieht sich zusammen mit einer Frau, wie sie ihm eine Katze auf den Schoß legt. Einer Frau, die damals fast, aber nicht ganz, doppelt so alt gewesen sein muss wie er selbst.

Damals muss sie etwas über dreißig gewesen sein. So, wie sie damals war, hätte sie die Tochter dessen sein können, der ich heute bin. Mit Leichtigkeit. Aber ich habe keine Töchter.

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