Die Sonntage des amerikanischen Mädchens von Lars Gustafsson, 2008, Hanser

Lars Gustafsson

Der Gesundheitstee
(Leseprobe aus: Die Sonntage des amerikanischen Mädchens, Verserzählung, 2008, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser - Übertragung Verena Reichel)

Die Neigung der Erdachse…
kann sich, das hat man mir gesagt,

mehr als einmal verändert haben.
Doch jetzt schon lange nicht mehr.

Es könnte an der Zeit sein. Und Artikel
in naturwissenschaftlichen Zeitschriften warnen

vor Katastrophen. Kollisionen von Partikeln,
die aus Versehen zu dem

Superpartikel führen, das den Planeten
vernichtet und alle, die ihn bewohnen.

Es könnte an der Zeit sein…

Im übrigen sind die Tage jetzt wärmer
und wieder ist ein Sommer unterwegs.

Diesen Mann auf der anderen Straßenseite
kenne ich ein wenig.

Er grüßt mich, aber ich weiß nicht warum.
Habe ich ihn schon einmal getroffen?

Vom Fenster, diesem allzu schmalen
Fenster und dessen »Außenwelt« mit allzu

mittagsscharfen Schatten und Bäumen, wo
der Wärmewind sich wie ein

Atem rührt, dieser Straße mit ihren allzu
wohlbekannten Schildern, wende ich mich

zurück in diese Innenwelt, die meine Küche ist. Nicht groß

und auch nicht besonders ordentlich.
Hier duftet es nach Spülmittel und Gesundheitstee.

Und dieser Tee, so fein verpackt
und mit dem einfallsreichen Namen

soll Kraft verleihen und Gesundheit, niedrigen Blutdruck,
saubere und weiche Haut, die leicht

nach Aprikosen riecht und Milch. Wie seltsam
ist nicht diese allzu enge Wohnung vom Duft

dieses Gesundheitstees durchdrungen! Aus der Küche, eigentlich
nur eine Ecke des Zimmers, des »Wohnzimmers«,

wo er in einer blauen Kanne zieht,
bis weit hinein ins Schlafzimmer, ins Badezimmer

mit den gesprungenen Kacheln
und dem Hahn, der immer wacklig ist.

An diesem Sonntagmorgen duften
meine Bücher, meine allzu sauberen Laken

und der Puebloteppich aus Taos
zusammen wie ein Tropenwald.

Ich freue mich darauf, mit meinen allzu trockenen Lippen
an diesem Tee zu nippen.

Frauen lesen gern. Sie gehen
aus ihren schmalen Zimmern hinaus

und in die Bücher hinein.
Wer siebzig Jahre alt wird,

erlebt ein ganzes Jahrzehnt aus lauter Sonntagen.
Natürlich wird ziemlich viel gelesen.

Sagt mir: wie können Lippen so trocken werden
die lange keiner mehr geküßt hat?

Wann geschah das zum letzten Mal? Wer war es?
Fragt mich nicht! Ich sage zu mir selbst:

Fragt mich nicht! Herbst und Winter
sind vergangen, jetzt ist Sommer.

Im Sommer ist Amerika ein anderes Land.

Haufenwolken bergen Geheimnisse
und türmen sich zu immer höheren Höhen auf.

Jetzt fliegen Passagierflugzeuge über die dürren alten Berge,
wo sich die kleinen grauen Spinnen unruhig bewegen,

wenn die Schallwelle sie erreicht, die schwache Vibration,
welche die Schichten des Luftmeers durchbricht.

Und das Land unter ihnen? Ich wünschte, ich wüßte,
wie es dort aussieht.

Viele Menschen verschwinden in Amerika.
Der Kühlschrankreparateur, der vor dem Lunch

zurück sein sollte und die krumme alte Straße
durchs Moor nahm statt die neue,

die als unsicher gilt
(alle Straßen sind sehr unsicher).

Nein. Ihn hat man nie wieder gesehen.
Ich denke, daß es so geschehen könnte:

Ein Mädchen, das ich kenne, steht früh auf,
weil dies ein Sonntag ist

und sie glaubt, er würde anders werden
als alle anderen. Und schrecklicherweise hat sie recht.

Sie wacht langsam auf, trinkt einen blassen Gesundheitstee
vor dem unablässig schwatzenden Fernseher,

meidet den Spiegel: zu großes Kinn und Pickel,
würde gern eine Freundin anrufen, will aber nicht.

Später an diesem Tag wird sie das Auto waschen
und dann von einem vorübergehend freigelassenen Mörder

entführt und getötet werden.
Aber das weiß sie nicht.

Sie überlegt, wie das Wetter sein mag,
wie sie sich anziehen soll: warm oder kalt.

Das hätte sie genauso gut lassen können.
So oft diese Angst davor, die Beute

von etwas anderem zu werden, das uns nichts Gutes will!

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