Der Dekan von Lars Gustafsson, 2004, Hanser

Lars Gustafsson

Der Dekan
(Leseprobe aus: Der Dekan, Roman, 2004, Hanser - Übertragung Verena Reichel)

Diese Welt, von einer anderen aus gesehen Die Zeit vergeht. Ja, die
Zeit vergeht. Seit einigen Wochen lebe ich nun hier, gerade wo die
Wüste anfängt, außerhalb von Sturdy Batte. Wie viele es schon sind,
weiß ich nicht genau. Ich war zu sehr mit Dingen beschäftigt, die
wichtiger waren, aber dem Besitzer der Pension, Archibald Primrose,
Kunstmaler und Gesamtkünstler, merke ich an, daß er allmählich ein
wenig argwöhnisch wird. Er möchte wissen, ob ich meinen Auftrag
ernst genug nehme. Er meint, meine Ausflüge in diese
Mondlandschaft seien nicht ausgedehnt genug für einen wirklich
effektiven Universitätsgeologen. Und das bin ich ja auch nicht. Um
den Schein zu wahren, habe ich ihm gesagt, meine Arbeit befinde
sich gerade in einer theoretischen Phase. Ich würde versuchen, für die
synklinalen Bewegungen, aus denen die Chisosberge entstanden sind,
einen Algorithmus zu entwickeln, genauer gesagt ein Integral. Ich
danke Gott, daß er heute morgen beim Frühstück (das tatsächlich
ganz hervorragend ist, das Verdienst seiner Ehefrau) einer
ausgiebigen Befragung durch einen anderen Gast ausgesetzt war.
Natürlich könnte das Mißgeschick eintreffen, daß eines Morgens ein
echter Geologieprofessor von der University of Texas auftaucht, mit
einer Busladung von Doktoranden und Assistenten. Das würde
meinen Einfallsreichtum auf eine harte Probe stellen. An diesem
Morgen begnügte sich Mr. Primrose mit meiner Erklärung der
synklinalen Entwicklungen und der Möglichkeit, sie in
Integralgleichungen höheren Typs wiederzugeben. Aber er bat – im
gleichen Atemzug – um die Miete der letzten zwei Wochen plus einer
als Vorauszahlung. Hat er einen Verdacht, oder ist er wirklich so
knapp bei Kasse? Aus verschiedenen technischen Gründen, auf die
ich hier nicht näher eingehen will, benutze ich immer noch nicht
meine Visakarte, ebensowenig wie meine Mastercard. Statt dessen
habe ich ein dickes Bündel Banknoten da-bei; an jenem hektischen
Nachmittag habe ich mein nicht allzu fettes Bankkonto geplündert.
Was für ein hektischer Nachmittag, fragt ihr. Jener Nachmittag. Als
ich beschloß, die Fragen hinter mir zu lassen. Als ich von Austin
aufbrach. Als ich die Dinge selbst in die Hand nahm. Als ich den
Stier bei den Hörnern packte. Also wird Mr. Primrose mit Banknoten
bezahlt. Das ist ja heutzutage etwas ungewöhnlich. Aber anscheinend
findet auch mein Wirt, daß es so am sichersten ist. Er hat sich nicht
beklagt. Er wirkte nicht einmal erstaunt. Vielleicht kommt das hier
draußen öfter vor, am Rand der Wüste? Vielleicht ist er Gäste wie
mich gewöhnt? Nein, das ist nicht wahr. Die allermeisten sind
Touristen, hauptsächlich ältere Paare, Pensionäre, die
hierherkommen, um, bevor sie sterben, die exklusiveren, die freieren,
die einsameren und größeren Teile des Kontinents zu sehen, auf dem
sie in Büros und Werkstätten gelebt haben. Ich bin wohl doch der
einzige meiner Art. Ich habe angedeutet, daß ich noch für eine
kürzere Zeit bleiben werde. Mr. Primrose hat das zur Kenntnis
genommen. Ich möchte wissen, ob er mir meine geologischen
Erklärungen für meine Vorhaben an diesem Ort wirklich abnimmt,
oder ob er nur so tut. * Mein Gebiet war die sogenannte Philosophie
der Neuzeit. Beginnend mit Descartes also, und meine Dissertation
beschäftigte sich mit Condillac. Abbé Etienne Bonnot de Condillac.
Ich bin ziemlich früh an die Philosophen der französischen
Aufklärung geraten, diese Atheisten und Libertins. Das erschien mir
als geeigneter Kompromiß zwischen der Antike und der
allermodernsten Philosophie, die mich abstieß, entweder durch ihre
pedantische Weigerung, sich mit Fragen der Moral und Politik zu
befassen, wie der angelsächsische Empirismus, oder durch ihre totale
Unbegreiflichkeit wie bei Sartre, Deleuze, Derrida und wie sie nun
alle heißen. Ja, gibt es eigentlich einen Grund dafür, daß ein so
bleicher und magerer rothaariger Typ wie Doktor Spencer sich seit
Wochen in dieser bescheidenen Wüstenpension aufhält? Mr.
Primrose war anscheinend, nach den unzusammenhängenden
Geschichten, die er gern erzählt, während er das Frühstück serviert
(nachlässig und ohne darauf zu achten, wie viel Kaffee er jedesmal
aufs Tischtuch verschüttet – das jedoch aus billigem Plastik besteht
und keinen größeren Schaden nimmt), eine Art Künstler an der San
Francisco Bay. Wo genau, daran kann er sich offenbar nicht so recht
erinnern. An einem Tag sagt er Fisherman’s Wharf, und am andern
San Salito, aber das läuft vielleicht auf eins hinaus. Ich habe da so
meine Zweifel. Wie es sich damit eigentlich verhält. Und warum er
sich hier niedergelassen hat, kann man sich natürlich auch fragen.
Hier in der großen Leere. Unter dem bösen Mond der Komantschen
und Kojoten. Es ist nicht ganz leicht. Zu erzählen. Es ist nicht mein
Metier. Aber wenn ihr Geduld habt, ihr vermutlich einzigen Zeugen,
die ihr vielleicht eines Tages diese Papiere finden werdet, welche ich
Tag für Tag in einer Schublade ganz unten in dem kampferduftenden
Sekretär anhäufe, werde ich erzählen, was ich kann. Aber alles läßt
sich sowieso nicht erzählen. Soviel ist sicher.

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