Friedrich Gundolf

Hölderlins Archipelagus
(Leseprobe aus:
Hölderlins Archipelagus, 1916)

Der griechische Wille und Weg aus dunkelstem Rausch zu klarstem Traum war auch der Hölderlins. So stiegen ihm aus orphischer Besessenheit homerische Bilder empor und lockten ihn als das höchste Wünschbare. Diese Bilder waren ihm allerdings durch die Historie als eine schöne Vergangenheit gegeben, er hatte sie nicht erst zu erschaffen, wie die Alten selbst - obwohl ja auch den perikleischen Athenern die homerische Welt schon ein ferner Mythus erschien. Was Hölderlin von jener Romantik trennt, ist seine angeborene Orphik. Sie befähigte ihn den überkommenen Mythus in seinen eigenen, morgendlich neuen zu verwandeln, alles Historische, Vergangene daran umzuschmelzen in seinem gegenwärtigsten Feuer. Nicht was er meinte und dachte geht uns an, sondern wie er schaute und formte. Daß er aber echter Orphiker war, dafür ist die Art wie er die Natur als solche, als Urphänomen ergriff, ein Zeugnis.

Wenn er den Archipelagus anruft, als den Alten, den Gewaltigen, den Vater, seine Inseln mit rhythmischer Inbrunst als die Heroenmütter beschwört, wenn er aus einem lang ausgehaltenen trunkenen Atem heraus immer neue Verkörperungen seines bewegten Gefühls hebt, so ist das Unterscheidende dieser Naturansicht die neue Art der Allbeseelung - nicht im Sinn der Stimmung, das heißt der Umdeutung der Landschaft in Seelenzustände, sondern im Sinn des antiken Naturmythus, als Vermenschlichung der Kräfte des Webens und Wachsens, die den Menschen in und mit der Landschaft durchdringen. Diese vermenschlichten Kräfte sind nicht literarisch-dekorativ aus der antiken Mythologie übernommen, keine Barock- oder Rokoko-Gottheiten, als Staffage in eine gepflegte Kulturlandschaft gestellt: dieser Meergott ist kein bärtiger Greis mit Dreizack, das heilige Mondlicht keine schlanke Luna, die »Sonne, des Orients Kind« kein fackel- oder bogentragender Phöbus: nein, die sichtbare Natur, in Hölderlins Wesen als eine bewegte, wirkende empfangen, ist hier wiedergeboren als ein Kreis von vergötterten, d. h. für Hellenen : leibgewordnen Kräften.

Dasselbe Erleben das dem antiken Naturmythus zugrunde liegt ist hier wirksam, ein später Bruder der Hellenen ist hier in eine christianisierte, ja in eine entgötterte Welt wieder emporgetaucht. Hellenisch ist, daß Hölderlin die schaffenden und zeugenden Gewalten in sich und draußen, die Erregung und Erschütterung die ihn ergreift beim Anhauch der Natur oder des Schicksals, nur erleben und aussprechen kann unter der Form menschlich bewegter Leiber. »Empfindet er nur irgendeine Freude, so ahnt er einen Bringer dieser Freude«. Unwillkürlich verdichtet er alle inneren Vorgänge zu bewegten Gestalten und empfindet er das Gestaltete, das er schaut, als Sinnbild von Bewegungen oder Kräften. Dieses Hin- und Widerfluten von Formen zu Kräften, von Kräften zu Formen ist heidnisch-hellenischer Pantheismus, das heißt Pananthropismus. Denn nur unter der Form des Menschen nahm der Hellene - und Hölderlin - das wahr. Darum war aber für ihn das Menschliche nicht entgöttert, der menschliche Leib das oberste Sinnbild alles Lebens.

Dem Christen hat alles Leben nur Wert, insofern es von Gott geschaffen oder gewollt ist. Der Grieche sieht das Göttliche gerade im Leben selbst und in seinen Gestaltungen oder Bewegungen, vor allem im Leib. Denn der Leib ist beides: Gestalt und Bewegung, oder Maß und Kraft. Er gehört der Zeit, dem Werden an, und gehört dem Raum, dem Sein an. Hölderlin war darin orphisch daß er das Sichtbare las als ein Sinnbild des Werdens. Das Sein nahm er nur wahr als Bewegung .. den Akten der Schöpferkräfte dringt er von innen heraus durch eine brüderliche Sympathie nach - nicht die gesonderten Figuren der Berge und Bäume, Felsen und Blumen umreißt er: nicht das ruhende Dasein seiner Inseln und Flüsse beschreibt er, sondern ihre Aktion oder Funktion:

»Delos erhebt ihr begeistertes Haupt, von trunkenen Hügeln quillt der Cypriertrank und von Kalauria fallen silberne Bäche.«

So wie er sich selbst nicht als isoliertes Geschöpf weiß, sondern als Organ derselben Gewalten die den Reigen der Elemente und Gestirne führen und füllen, so ist ihm die Natur nicht ein Prospekt schaubarer, genießbarer, nutzbarer Bereiche, sondern wahrhaft wieder Natura, ein Werdendes, ihm, dem Kind des Werdens verschwistertes. Das ist die dionysische Empfindungsweise. Dionysos selbst ist ja nur das oberste Sinnbild des Weltgefühls das uns, aktiv oder passiv, einbezieht in alles was da schwillt und reift, wird und welkt. Die besondre Farbe worin Hölderlin die so gefüllte Welt sah wird, wie gesagt, bestimmt durch Vorstellungen seiner apollinischen Bildung.

Wie seine griechische Natur keine Ferne, ist seine griechische Kultur keine Vergangenheit. Beide sind ihm die gegenwärtigsten Kräfte, Offenbarungen seiner geglaubtesten Götter, Verwirklichungen seines lebendigen Willens, keine leeren Schatten seiner Phantasie, sondern Visionen, Geburten seines eignen Bluts - und seine Sehnsucht nach den hohen Bildern ist nicht die nach Verlorenem, sondern nach liebender Verschmelzung . . die Sehnsucht der Fülle, nicht die der Armut. In der griechischen Landschaft vergötterte er die Grundkräfte des elementaren Lebens, hier preist er menschliche Urtätigkeiten, Grundtypen der Kultur: den Kaufmann, den kühnen tätigstrebenden Völkervermittler, und den sinnenden Jüngling der zu Großem heranreift, nicht die verschollenen, historischen Formen - nein, Ideale menschlicher Haltung überhaupt, Notwendigkeiten oder Möglichkeiten des Menschentums die er nicht einfürallemal vergangen, sondern jederzeit realisierbar sieht. Aber freilich, die Griechen waren es, welche die menschlichen Urtriebe und Berufe, das Wandern und das Sinnen, das Beherrschen und das Pflegen der Erde, am reinsten verkörpert haben, für alle den einfachsten und schönsten Vollzug fanden, weil sie alles Menschliche so groß schauten und übten, daß sie das Göttliche, Unsichtbare nicht würdiger versinnbilden konnten als in menschlichen Formen. Der vollkommene Mensch ist das Maß aller Dinge, und also göttlich. Diesen Sinn haben auch Goethes Verse:

So war Apoll den Hirten zugestaltet,
Daß ihm der schönsten einer glich.
Denn wo Natur im reinen Kreise waltet,
Ergreifen alle Welten sich.

d. h. Götter und Menschen sind nicht geschieden ... eine Stufenfolge flutender Übergänge eint sie. Und darum weil es nicht des Dichters Sache ist die idealen Sinnbilder zu erfinden, wird er die einmal erreichten Vollkommenheiten im eigentlichen Sinn verewigen:

»den Leib vergotten und den Gott verleiben«.

(...)

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