Fräulein Milli kam nicht mehr von Ursula Gundlach-Meister, 2002, Lyrik&ProsaUrsula Gundlach-Meister

Hedwigs "Grüner Salon" in 74a
(Leseprobe aus: ...Fräulein Milli kam nicht mehr, Geschichten, 2002, LYRIK & PROSA)

Abschnitt aus der Begrüßungsrede anläßlich der ersten Dichterlesung im „Grünen Salon“ im Mai 2000.

...Zunächst wird Hellmut Kohlleppel, der engste Freund meines Vaters, einige Gedichte von Ernst Meister lesen und eine Erinnerung an ihn. In dieser Wohnung verlebte mein Vater seine Kindheit und Jugend. Ich habe euch zur Lesung in den „Grünen Salon“ gebeten. Es war immer der grüne Salon von Hedwig Meister, meiner Großmutter. Der Nebenraum hieß in der Familie das „Herrenzimmer.“ Wir Enkelkinder traten durch diesen Bogen stets ein wenig schüchtern und näherten uns respektvoll unserem Großvater, Ernst Meister sen. Hier im Herrenzimmer genehmigte er sich des öfteren eine Zigarre. Meistens erhob sich der alte Herr, strich sich mit flacher Hand über seine Glatze und lächelte wohlwollend, wenn er uns erblickte. Als kleines Mädchen machte ich dann einen Knicks. Hier am Schreibtisch wurden auch die Schulzeugnisse vorgezeigt.

Und so kann ich mir vorstellen,  daß mein Vater Ernst Meister jr. – genannt Erni – als Junge hier sehr ernst vor seinem Vater stand, und dieser ihn ermahnte, recht fleißig zu sein, damit er ein rechter Kaufmann werde. Denn als Ältester sollte er ja mal eines Tages den großen Betrieb im Mühlenwert übernehmen. Erni war auch fleißig und Klassenbester. Nur eines Tages, nach einem glänzenden Abitur, - der einzige Schandfleck im Zeugnis war eine Fünf in Mathematik – fand hier im Herrenzimmer wieder eine Unterredung statt. Denn Erni wollte studieren und nicht eine kaufmännische Lehre im väterlichen Unternehmen beginnen. Schweren Herzens gab mein Großvater die Einwilligung zum        Studium. Mein Vater mußte versprechen, Theologie zu studieren. Mein Großvater, der in Haspe Presbyter war und sehr christlich lebte, hätte den ältesten Sohn auch gern als Pfarrer gesehen.

Aber es kam ganz anders. Erni Meister wurde Dichter. Dies war sicher die größte Enttäuschung im Leben meines Großvaters. Die Welt aber wurde, wie ich meine, um eine wunderschöne Poesie reicher. Sogar in Japan liest man die Lyrik Ernst Meisters. Die Auswahl der Gedichte, die Hellmut Kohlleppel vortragen wird, habe ich getroffen. Unter anderem entschied ich mich für Gedichte aus dem Bändchen „Mitteilungen für Freunde“ aus dem Jahre 1938-46. Zwei dieser Gedichte entstanden in Italien, als mein Vater dort im Krieg bei der berittenen Artillerie war...

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