Lines
(Leseprobe aus: Lines,
Roman, 2001, Frankfurter Verlagsanstalt)
Du brauchst eine Rasierklinge.
Scharf. Und Platz. Glatt. Damit du ohne Unterbrechung machen kannst. Jetzt nimmst du eine
große Menge aus deinem Behälter. Ich bevorzuge eine Urne. Plastik verursacht Klumpen,
Karton könnte feucht werden, und eine Dose wäre zu einfallslos.
Du nimmst eine Schaufel, so wie sie Kinder benutzen, die das Glück haben, an einem Strand
zu sitzen, während ihre Eltern ruhig in der Sonne brutzeln. Oder die in einer Stadt
leben, in der es Sandkästen gibt. Wo die Hunde und Katzen hineinscheißen. Aber das ist
egal. Den Kindern ist es egal. Hysterisch auf Exkremente reagieren bekanntlich nur
Erwachsene. Die Schaufel sollte gut in deiner Hand liegen. Nur so hast du das richtige
Gefühl für die Menge. Du holst so viel aus deinem Behälter, dass die Schaufel zur
Hälfte bedeckt ist. Ja, gierig bin ich. Kippst es dorthin, wo der Spaß beginnen soll.
Für mich ist es schon lange ernst. Mit der Rasierklinge zerhackst du es, bis es so fein
ist wie Puderzucker. Oder so lange, bis du keine Geduld mehr hast. Jetzt ziehst du eine
Linie. Vom Bad bis zur Küche ist meine Favoritenstrecke. Das ist der längste Weg. Dann
ziehst du es dir rein, rutschend auf dem Boden. Wie ein Hund, ein erbärmlicher, der nach
etwas sucht, das noch fressbar ist. Mach keine großen Pausen. Halte durch. So wie du auch
alles andere - das Leben - durchhältst.
Ah, jetzt ist es gut. Jetzt können wir reden. Du denkst, es geht mir schlecht? Dann hast
du es wohl noch nie ausprobiert. Selten geht es dir damit schlecht. Du musst nur genug
davon haben. Immer. Schlecht geht es anderen. Viel schlechter als mir. Oder viel besser?
So ist es immer, das Zeug macht mich nervös, spornt mein Hirn zu Höchstleistungen an.
Lässt mich durchblicken und dann wieder hin- und hergerissen sein.
Bleib sitzen, lehn dich zurück. Öffne deinen Kopf, gib deinen Gedanken die Chance,
andere Wege zu probieren. Lege das Bequeme ab, gelingt dir das? Bilde dir dann deine
Meinung. Fälle dann dein Urteil, dein eigenes, so wie es alle Menschen tun, hab ich nicht
Recht? Es stört dich doch nicht, wenn ich durch den Raum pirsche. Still sitzen fällt mir
schwer. Ja, sieh dich ruhig ein bisschen um. Da staunst du. So viel Pracht in diesem Raum.
Rechnest du schon durch, was mag der Kronleuchter gekostet haben, wie teuer war die edle
Tafel dort? Spar dir das. Es bedeutet nichts. Ich will nicht über Schmuck reden.
Schmücken ist doch ganz leicht. Ein bisschen Geld braucht man, um zu verzieren. Mehr
nicht. Das ist nicht viel.
Ich habe jetzt Zeit. Das war früher anders. Früher. Jetzt hetzt mich nichts mehr. Es
liegt bei dir, mir zuzuhören. Oder zu gehen. Niemand hält dich. Doch schon jetzt bist du
viel zu weit in der Geschichte drin, fährst mit dem Finger nervös über die Stelle, wo
vorher noch weiße Linien waren. Nur zu, wische über dein Mundfleisch. Ich teile sehr
gern.
Du willst wissen, mit wem du es zu tun hast? Mir einen Namen geben? Das ist wichtig, ich
weiß. Einen Namen muss es haben, das Unbekannte. Sonst weiß man es nicht einzuordnen. In
einer Welt, die vor Namen, Bezeichnungen, Zahlen, Gewichten, Werten platzt.
Nenn mich doch Gott. Denn auch ich teile ein, das Dasein, in appetitliche kleine
Häppchen. Geburt. Leben. Tod.
Nenn mich einen Sammler, der die Leben anderer an sich reißt, für dich. Der die
Geschichten von Menschen aufsaugt, sich daran bereichert, damit bedröhnt, daran ergötzt,
genauso wie an diesem weißen Pulver da. Das mir gerade die Schädeldecke abtrennt, mich
fliegen lässt und erinnern.
Vielleicht bin ich auch ein überdimensionaler, sprechender Verdauungsapparat. Der sich
über das, was da ist, hermacht. Hungrig, lüstern, geil, das Gegebene zersetzt, bis das
übrig bleibt, was du als Scheiße bezeichnest.
Aber eigentlich bin ich ein Zauberer, der sein Schloss ein wenig oberhalb der Welt hat und
das Zaubern längst verlernt. Auf meinem haarlosen Kopf trage ich einen hohen, spitz
zulaufenden Hut, der ist blau. Mein hagerer Körper (bei dem, was ich konsumiere, verlangt
der nicht mehr nach Nahrung) ist in einen seidenen Umhang gehüllt, ganz klassisch eben.
Und ich stehe an der Glasfront meines Schlosses und schau hinab auf die Welt. Zoome sie
mit meinem Fernrohr heran, so nah, dass ich die Gesichter, die Augen, die Brauen, die
Falten der Menschen, ihr ganzes Leben, sehen kann. Und meine Tränen sind schwarz.
Ja, das gefällt mir.
Geschichten kenne ich genug. Ob sie wahr sind, musst du entscheiden. Es ist auch egal.
Sprachen wir vorhin nicht über Verdauung? Ein gutes Stichwort. Ein Feedback meines
berauschten Hirns. Am Anfang hat es immer mit Ausscheidung zu tun. Das bekanntlich
glückliche Ereignis. Doch vergiss nicht, du bist nicht zu Gast bei einem
Marionettenspieler. Ich habe die Fäden nie in der Hand gehalten. Das wird sich auch jetzt
nicht ändern. Das Einzige, was ich ab und an halte, ist mein Schwanz, einen Joint, ein
Glas Champagner. Vergiss nicht, ich bin der mit den schwarzen Tränen...
geburt
Eine, die es wissen muss, ist Paula. Denn ihr glückliches Ereignis ist gerade drei Stunden her. Lassen wir sie reden, was weiß ich schon wirklich von diesem »Wunder«?
Paula: Ich habe einem Menschen das
Leben geschenkt. Man hat mir den Menschen auf den Bauch gelegt. Für eine kurze Zeit. Dann
hat man ihn in einen anderen Raum gebracht. Das ist nicht schlimm. Ich habe ihn gesehen.
Er braucht nicht in meiner Nähe zu sein. Andere Mütter wollen, dass ihre Babys neben
ihnen in den Betten liegen. Ich verspüre dieses Verlangen nicht. Ich verspürte auch
nicht das Verlangen, einem Menschen das Leben zu schenken. Es ist einfach passiert. Und
ich war zu schwach, sein Leben zu verhindern, als er sich erst einmal in mir eingenistet
hatte. Obwohl ich ihn da noch gar nicht für etwas Menschliches hielt. Trotzdem. Ich war
wie gelähmt. Habe den Zeitpunkt verpasst. Jetzt ist er da. Auf der Welt. Für wie lange
auch immer. Vermutlich länger als ich. Keiner weiß das. Außer Gott vielleicht. Wenn es
Gott gibt. Aber ich glaube schon. Die anderen Mütter, die ich auf dem grellen Flur in
diesem unvorteilhaften Licht sehe, sind versonnen und glücklich. Ich habe nicht das
Gefühl, eine Mutter zu sein. Obwohl das alle anderen von mir behaupten. Ich sehe die
anderen und weiß, das sind Mütter. Ich kenne den Unterschied zwischen denen und mir. Ich
kann ihn auch in Worte fassen. In unspektakuläre Worte. Die anderen sind Mütter, weil
sie eine Verbindung zu ihrem Menschen spüren. Ich bin keine Mutter, da ich absolut nichts
für diesen neuen Menschen empfinde. Ich spüre nichts. Ich fühle mich nicht einmal
erleichtert, dass er jetzt meinen Körper verlassen hat. Ich fühle mich nicht glücklich.
Ich bin nicht traurig. Ich bin nichts. Zumindest keine Mutter.
Es ist Nacht. Der Mensch wurde am späten Abend geboren. Es war scheußlich. Genauso wie
ich es mir vorgestellt hatte. Alle machten ein Trara um dieses Ereignis. Nur ich blieb
völlig ungerührt. Bis diese ekelhaften Schmerzen kamen. Ich hasste den Menschen dafür,
mir so etwas anzutun. Und dann diese Hebamme, die mir dauernd Ratschläge gab. Und immer
wieder sagte, ich solle doch vernünftig atmen. Ich mochte die Hebamme von Anfang an
nicht. Ich schwitzte wie ein Schwein. Ich schrie auch. Aus Wut. Auf diesen Menschen. Als
er das Licht der Welt erblickte, schloss ich die Augen. Als er schrie, verstummte ich. Und
dann legten sie ihn mir auf den Bauch. Ich hatte sie nicht darum gebeten. Es gehört
anscheinend zu deren Ritualen. So heißt man offenbar neue Menschen willkommen. Da machte
ich die Augen auf. Er hatte sie geschlossen. Er sah matschig aus. Ich erfuhr sein
Geschlecht. Das habe ich schon wieder vergessen. Es ist ein Mensch. Der Rest ist mir egal.
Sie wollten wissen, welchen Namen sie auf sein Kärtchen schreiben sollten. Ich wusste es
nicht. Ich habe mir nie Gedanken über seinen Namen gemacht. Ich sagte ihnen, sie sollten
meinen Nachnamen auf die Karte schreiben. Sie taten es ohne Kommentar. Wahrscheinlich
sitzen sie jetzt zusammen und bedauern den neuen Menschen. Dass er an so eine böse Mutter
geraten ist. Die noch nicht einmal einen Namen für ihn hat, geschweige denn ihn an ihrem
Bett haben möchte. Sollen die doch reden, was immer sie wollen.
Ich überlege, was ich mit dem Menschen machen könnte. Wenn ich erst mal dieses
Krankenhaus verlassen habe. Mit ihm. Ich habe zu Hause kein Zimmer für ihn leer geräumt.
Ich habe mich nicht mit ihm befasst. Ich habe ihn verdrängt. Das ist jetzt wohl nicht
mehr möglich. Ich könnte ihn in einem Korb vor der Tür meiner Nachbarin abstellen. Mit
dem Hinweis, sie solle sich bitte um diesen Menschen kümmern. Ich könnte ihn auch zur
Adoption freigeben. Vielleicht hätte ich mir doch früher darüber Gedanken machen
sollen. Jetzt habe ich ihn am Hals und weiß nichts mit ihm anzufangen.
Leider hat der Mensch keinen Vater. Zumindest keinen mir bekannten Vater. Alles, was ich
noch von ihm weiß, ist, dass er eine Fahne hatte und ein lausiger Liebhaber war. Seinen
Namen habe ich vergessen. Vielleicht habe ich ihn auch gar nicht danach gefragt. Ich habe
diesen Mann nie wieder gesehen. Ich weiß nicht, wo der Kerl wohnt, ob er überhaupt einen
festen Wohnsitz hat.
Ich will mich nicht bedauern. Ich trage die volle Verantwortung. Dessen bin ich mir
bewusst. Ich habe bis jetzt immer mein Leben gemeistert. Mein Leben. Jetzt habe ich noch
eins, das ich meistern muss. Ich fühle mich überfordert. Ich bereue, so schwach gewesen
zu sein. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Gar nichts. Ich habe einfach die Monate
verstreichen lassen. Ich habe beobachtet, wie mein Bauch dicker und dicker wurde. Ich habe
mich beim Belauschen von anderen Schwangeren ertappt. Ich konnte ihre Freude und ihre
Ängste nicht nachvollziehen. Abgesehen von meinem stetig wachsenden Bauch fühlte ich
mich nicht schwanger. Ich war eine unwirkliche Schwangere. Ich arbeitete bis zur letzten
Minute. Mein Chef guckte mich komisch an. Aber meine Blicke verbaten ihm zu fragen. Auch
meine Kollegen hatten es sich nach kurzer Zeit abgewöhnt, mich auf meinen Zustand
anzusprechen. Ich konnte sowieso nichts erzählen.
Es ist zwei Uhr nachts. Ich stehe vor dem klitzekleinen Bettchen meines Menschen. Er schläft. Sieht immer noch matschig aus. Aber nicht mehr so verschmiert. Ich versuche, ein Kinderlied anzustimmen. Es gelingt mir nicht. Ich kenne keine Kinderlieder mehr. Der kleine Mensch atmet. Er lebt also wirklich. Was habe ich mir da nur eingebrockt? Ich fange an zu schwitzen. Obwohl mir kalt ist. Ich schiebe das Nachthemd hoch und schaue meinen Bauch an. Sieht immer noch merkwürdig aus. Aber wenigstens nicht mehr so fett. Ich lasse das Hemd wieder fallen und puste meinem Menschen ins Gesicht. Er verzieht keine Miene, der kleine Dummkopf. Ich warte auf Gefühle. Egal welcher Art. Mir fallen Liebe, Hass, Wut, Verbundenheit, Angst ein. Ich empfinde gar nichts. Ich fühle mich wie ein Klumpen. Ein Stein. Ein Baum. Gefühllos. Obwohl doch jetzt so viele Gefühle da sein müssten. Ich glaube nicht, dass ich eine dieser Psychosen habe, die Frauen nach Geburten bekommen. Schließlich empfand ich schon vorher nichts für diesen Menschen. Habe ihn einfach nur in meinem Bauch geduldet. Wie einen Untermieter. Leider hat der hier keinen Penny bezahlt.
Die Nachtschwester hat mich rausgeworfen. Sie sagte, ich dürfe mich nachts nicht im Babyzimmer aufhalten. Ich stehe am Fenster und rauche. Ich warte nicht mehr auf Gefühle. Ich beschließe, morgen Abend, wenn ich wieder zu Hause bin, sehr viel Alkohol zu trinken. Meine Erfahrung ist, dass mir im besoffenen Zustand oft gute Ideen kommen. Vielleicht fällt mir dann ein, was ich mit dem Menschen machen soll. Vielleicht fallen mir auch wieder Kinderlieder ein.
Wie schön Paula aussieht. Und wie
traurig sie doch ist. Geben wir dem kleinen Wicht einen Namen. Denn es wird noch dauern,
bis seiner Mutter einer einfällt. Sein Name sei Mike.
Oh, wie die Welt sich doch dreht. In diesem wahnsinnigen Tempo, nur von hier oben, von
meinem Schloss aus, wird Zeit so deutlich sichtbar. Ja, fast greifbar. Halte dich fest.
Und höre auf, über meinen Fußboden zu lecken. Ich spendiere dir eine eigene Linie. Eine
für Anfänger wie dich. Die glauben, sauber zu sein. Sauber? Nenne mir eine Kreatur, die
du für sauber befindest. Für wirklich sauber. Sieh dich doch um, in der Welt der Neuen.
Hier ist auch schon der nächste
kleine Strolch, den das Leben sich griff, ohne ihn zu fragen. Ein süßer Junge, direkt
nach der Entbindung, schon so viel Haar auf seinem Köpfchen. Ein Prachtexemplar, das da
in dem Müllcontainer liegt. Über seine Geburt weiß ich nichts zu sagen, ich kenne keine
Einzelheiten. Die Nabelschnur - Merkmal, das darauf hinweist, dass gerade eine Geburt
stattgefunden haben muss. Abgeschnitten mit einem Messer. Schlecht. Stümperhaft. Das Kind
ganz nackt. Und leise. So liegt es da. Am helllichten Tag. Zwischen all dem Zeug, das
sonst noch weggeworfen wurde. Zu schwach zum Zittern.
Gekuschelt zwischen leere Milchtüten, Kartoffelschalen, vollgeschissene Kinderwindeln,
leere Katzenfutterdosen. Eine Frau kommt. Öffnet den Container. Rümpft die Nase, bei all
dem Gestank. Stopft ihren Müll hinein. Öffnet nicht wirklich die Augen, was gibt es auch
zu sehen. Schrei doch, Kind. Schrei! Kind schreit nicht. Fühlt sich vielleicht wohl im
Bauch dieses Containers. Ist vielleicht müde, vielleicht schon kühl. Wer will wissen,
was in ihm vorgeht? In dem Kopf, auf den jetzt noch mehr Müll gekippt wird. Container zu.
Frau weg. Baby allein. Aber stirbt nicht. Ist ja gerade erst geboren. Ein Dickkopf. Den
die Müllmänner finden. Die schauen richtig. Weil da ein Mensch ohne Erlaubnis eine alte
Matratze hineingestopft hat. Das ist illegal. Dafür gibt es den Sperrmüll. Die Männer
bringen es in ein Krankenhaus, das Kind, das nicht schreit. Ganz behutsam gehen sie mit
ihm um. Allesamt Väter, schütteln sie die Köpfe. So wie es auch die Ärzte tun und die
Schwestern. Zu Hause können sie davon erzählen, ihren Frauen, Männern und Kindern.
»Heute ist mir was passiert. Da wurde ein Kind abgegeben, das fand man im Müll.« Nichts
ist ihnen passiert. Sie essen gepflegt zu Abend. Und ihre Familienangehörigen sind es
sowieso leid, immer diese widerlichen Geschichten aus dem Krankenhaus zu hören. Zwar
ziehen sie die Stirn in Falten, doch essen sie trotzdem weiter. Bevor es kalt wird. Das
Kind bleibt im Krankenhaus, für ein paar Wochen. Wird ordentlich bekannt gemacht mit dem,
was das Menschsein ausmacht. Bekommt kleine Kleidung an. Und ein Mützchen auf. Bekommt
ein Bettchen. Und wird gewaschen, immerzu. »So lieb ist er«, sagen die Schwestern. Das
sagen sie, weil er nicht schreit. Ein kleines Krächzen vernehmen sie mal. Doch auch das
selten. Als er ohne sie lebensfähig ist, zieht der Kleine von dem Krankenhausbett in ein
Heimbett. Es heißt, es sei ihm gleichgültig. Seine Mutter wird nicht gefunden. Sie muss
also eine kluge Frau sein. Nie meldet sie sich, nicht einmal anonym. Vielleicht liest sie
die Zeitungen, in denen berichtet wird, welch grausamen Fund die Müllmänner machten.
Hoffentlich grämt sie sich nicht. Es geht ihr sicher schon schlecht genug.
Einen Namen braucht das Kind. Mit dem schwarzen Haar. Das nicht schreit. Sich nicht interessiert. Sein Name sei Pedro.
Pedro bekommt schnell ein
Elternpaar. Daher verpasst er die Gelegenheit, Rebecca kennen zu lernen. Die ein paar
Wochen später eingeliefert wird.
Ihre Mutter lebt da, wo die sozial Schwachen eben leben. Meist auf der Straße.
Anne hockt im Schatten der Laterne.
Stehen ist ihr zu mühsam geworden. Der Bauch ist so schwer. Der Rücken schmerzt. Der
Schweiß ist kalt. Das Zittern lästig. Die Nacht scheiße. Anne beißt auf ihrer
Unterlippe herum. Wie es ihre Art ist, wenn sie nervös wird. Anne wartet auf Ulli. Sie
hat es aufgegeben, den Refrain von Candy zu summen. Mit dem Fingernagel kratzt sie über
den Asphalt. Um anschließend den Dreck herauszupulen. Heute ist es so weit, denkt sie.
Ganz ruhig denkt sie das und ist nur sauer auf Ulli, der mal wieder auf sich warten
lässt. Ulli ist anschaffen. Hält alten Männern im Bahnhofsklo seinen 17-jährigen Arsch
hin. Wollte heute schnell machen, der Ulli. Weil sie ihm schon am Morgen gesagt hat, dass
es heute losgeht. Anne spürt das. Annes Hintern ist nass und kalt. Der feuchte
November-Asphalt ist schuld daran. Da kommt Ulli. Endlich. Sie erkennt ihn schon von
weitem. Ulli hat einen unverwechselbaren Gang. So schlaksig wirkt er, weil er so groß und
dürr ist. Ulli hat Scheine in der Hand. Hockt sich neben Anne. Streicht ihr die Haare aus
der Stirn, wie es halt so seine Art ist. Ulli ist der liebste Mensch, den Anne kennt. Ulli
kümmert sich um Anne, seit sie schwanger ist. Von einem Freier. Schafft für sie mit an,
seit sie es nicht mehr kann. Ulli fragt, wie es ihr geht, und sagt, dass er noch mal
losmuss. »Beeil dich, ich brauch noch was«, sagt Anne. »Heute ist es so weit.« Und
Ulli ist ganz aufgeregt. Weil er langsam runterkommt. Und weil Anne bald ihr Baby kriegt.
Weil er sich verantwortlich fühlt. Und weil er Anne liebt. »Eine halbe Stunde.
Versprochen«, sagt er. Und glaubt das auch. Anne weiß, dass das nicht zu machen ist.
Weil Ulli langsam ist, seit sie ihm ins Bein geschossen haben. Aber sagen will sie nichts.
Ulli geht. Anne beginnt wieder zu summen. The Weeping Song von Nick Cave. Ein Säufer
setzt sich neben Anne. Er hat seinen Hund mitgebracht. Der Säufer spricht nicht. Und Anne
krault den Hund, während sie summt. Dem Säufer gefällt das Lied. Ihm wird ganz warm,
und er gibt Anne von seinem Rotwein ab. Mit Absetzen der Flasche fängt es an. Und der
Ulli ist nicht da. Nur der Säufer und sein Hund. Und weil Anne auf diesen Schmerz nicht
vorbereitet war, kneift sie den Hund, der jault, weil der auch nicht damit gerechnet hat.
»Es ist so weit«, stöhnt sie, und dass der Ulli endlich kommen soll. Der Säufer
versteht nichts von schwangeren Frauen, so bleibt er erst mal ungerührt sitzen und trinkt
noch ein bisschen. Der Hund wird nervös, denn der ist nüchtern. Der spürt noch. Dass es
Anne nicht gut geht, aus einem bestimmten Grund. Den weiß auch der Hund nicht, der spürt
ja nur. »Sing weiter, Mädchen«, lallt der Säufer. »Ich krieg ein Kind«, sagt Anne,
die sich den Bauch hält, obwohl der Rücken viel mehr schmerzt, aber da kommt sie nicht
dran, außerdem tut alles weh, alles, so weh, dass Anne jetzt schreit, weil sie denkt,
dass sie ihr Kind hier bekommen muss, das wollte sie vermeiden. Sie wollte eine gute
Geburt, mit Ulli zusammen. Sie wollte in einem weichen, weißen Krankenhausbett liegen,
den Ulli an ihrer Seite, der ihr die Haare aus dem Gesicht streicht. Und mit vielen
Leuten, die Ahnung haben von Geburten und sich um Anne kümmern. »Kümmer dich!«,
schreit Anne den Säufer an. Der Hund springt auf und bellt. »Aus!«, schreit der Säufer
und meint den Hund und Anne. Von seinem Gefühlsausbruch überrascht, kommt der Alte
plötzlich schwer in Gang. Wird wach, soweit man das bei ihm sagen kann. Ganz langsam
rappelt er sich hoch. Und hilft Anne auf die Füße. Gebeugt steht sie da. Der Säufer
schafft es noch, Anne in ein Taxi zu schubsen, bevor er selbst wieder zusammensackt,
direkt am Straßenrand. Sich langmacht und einpennt.
Anne liegt im Krankenhaus. Kriegt Spritzen. Hat irre Träume, Schmerz-Träume. Sieht Ulli
herumirren. Mit seinem nackten Arsch. Stolpernd, immer wieder, über seine Hose, die sich
um seine dürren Knöchel schlingt wie eine Schlange um ihr Opfer. Keiner streicht ihr die
Haare aus dem Gesicht. Die Anweisungen des Personals versteht Anne nicht, sie kommen nicht
an. Ist auch schwer, eine Geburt gepaart mit einem kleinen Entzug. Rebecca wird aber
trotzdem geboren. Winzig und dünn. Süchtig. Ansonsten prima gesund. Rebecca wird zur
Mama gelegt, weiß nichts von irgendwelchen Abmachungen mit dem Jugendamt. Anne küsst
Rebecca. Und ihr wird ganz wohlig, für einen kurzen, tiefen, unvergesslichen Moment. So
ein warmes, zartes Köpfchen. Riecht so gut, nach Zuhause, Wärme, ganz viel Schönem.
Dann kommt die Kleine in die Kinderklinik. Da hilft auch das Ausrasten Annes nicht. Die
tobt und kreischt. Gefesselt wird und gespritzt. Der keiner die Haare wegstreicht.
Weggespritzt, stillgespritzt. Ihren Träumen überlassen. Da tanzt sie mit Nick Cave durch
grelle Räume. Ein paar Kakadus fliegen herum. Ein großer Hund versucht sie zu fangen.
Und dann sagt Nick: »Scheiße, was du machst.« Er lässt Anne stehen im grellen Licht.
Und der Hund und die Kakadus trollen sich auch. Ein Schuss fällt. Da stürzt Anne in ein
schwarzes Nichts, rudert nicht mal mit den Armen, sondern fällt nur in einen tiefen
Schlaf. Macht nichts. Fall ich eben. Bin eh schon tot. Nichts tut weh. Alles gut. Klasse
Show hier.
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