erichte aus der Fremde von Martin Gumpert, 2017, Südverlag, mit einem Nachwort von Manfred BoschMartin Gumpert

Bericht 1
(Leseprobe aus: Berichte aus der Fremde, Prosa, 1948/2017, Südverlag, mit einem Nachwort von Manfred Bosch).

Du hast mich, Bruder, hier nicht erwartet.
Ich war ein Arzt in Berlin.
Ich stehe jetzt in Manhattan,
Das Salz des Meeres im Gaumen.

Wie viele verließ ich, verriet ich. Meine Mutter, mein Vater
Werden wissen wollen,
Wo ich hingeraten,
Stumm unter der Erde ihrer Hügel.

Ich kam mit der »Ile de France«.
Der Stempel im Paß war in Ordnung.
Immigrationsvisa 6583.
Ich bin eingewandert in die Vereinigten Staaten.

Ich esse jetzt Maisbrot und trinke Whisky
Und sitze im Drugstore in Skyscrapertälern.
Die steilen, grünen Ufer des Hudson
Kettet das Zaubergespinst der Washingtonbrücke.

Vom 33. Stockwerk aus
Ist die nächtliche Stadt ein Märchen,
Und die Erde ist wie der Himmel
Abgrundtief und bedeckt mit Sternen.

Ungewohnt ist die feuchte Hitze,
Aber mein Ford fährt mich zum Ozean,
Hält gehorsam vor den roten Lichtern.
Alles ist freundlich und geregelt.

Ich habe eine Office in der Madisonavenue,
Die Erlaubnis, Kranke zu heilen.
Ich bin jetzt ein Arzt in New York
Und lese von Deutschland in den Zeitungen.

1933 begann man dort
Meine Freunde zu quälen, meine Sprache zu schinden.
Schmutz und Untat befielen das Land.
Ich habe versucht, es zu ertragen.

Briefe kamen aus Stacheldrahtlagern,
Armselige, rührende Rufe des Elends.
Angst entfärbte das Blut, verlöschte das Lachen,
Auch die Lust war erstickt und verzerrt von Angst.

Ich dachte, mein Kind darf das nicht erdulden,
Groß zu werden im Grauen,
Begraben im Schutt eines Glanzes,
Der einst die große, geliebte Heimat war.

Verließ ich die Freunde, denen die Macht
Die fremde, grobe Faust in die Kehle stieß,
Verriet ich das Land, dem ich alles danke,
Und die sanften, lieben, geliebten Hände dort?

War die heilige Sprache nicht da, um den Hunger zu stillen,
Dem Gram und der Klage den Mund zu schließen,
Muß Zorn nicht zu Zorn sich finden,
Bis Empörung den Unrat zerstampft?

Aber es ist doch nicht so. Es ist wie die Pest,
Die den Boden verseucht und die Herzen vertiert,
Die den Tod beschmutzt und den Atem verfault,
Das verwesende Antlitz der Erde entstellt,

Sich weiter frißt durch den Kontinent,
In Rußland mordet, in Spanien aufbricht,
In Frankreich pocht, in England wühlt,
Miasma, das die Sonne verdunkelt.

War ich nicht selbst schon verdammt und befallen,
Verstockt und verwurmt von dem Gift,
Ohne Mitleid und Güte, ohne Würde und Kraft,
Ohne Träne für die besudelte Heimat? –

Es ist schwer, die fremde Sprache zu sprechen.
Taubstumm kam ich hier an.
Nun beginne ich langsam,
Kindische Sätze zu stammeln.

Aber nie werde ich das Lachen erlernen,
Das unbeschwerte, heitere, amerikanische Lachen.
Die Sorgen dieses Landes sind die Sorgen der Kindheit,
Nach denen unsere grauen Köpfe mit Rührung sich sehnen.

Auf den Dachgärten, im Urwald der Wolkenkratzer,
Im Swingrhythmus des Radio, im Surren der Aeroplane,
Vor Riesendampfern an den Pieren, den Sirenen der Autoströme,
Beim Plätschern der Brunnen, in denen Goldfische tanzen,

Am Rande meines neuen, unermeßlichen Landes,
Mit Büffelherden, Wüsten, Orangenhainen,
Mit Stahlmühlen, Ölquellen und Weizenmeeren,
Mit Seen und Wäldern unter traumhaften Himmeln,

Mühe ich mich, an Deutschland zu denken,
An die trostlose Menschenwüste,
An die traurige Sanftmut der märkischen Heide,
An die gequälten Freunde,

An die stummen, zerbissenen Lippen,
Die keine fremde Sprache sprechen dürfen,
Entronnen, entwichen dem Trümmerhaufen Europa,
Unverdient atmend die freie Luft dieses glücklichen Landes.

Nun wißt Ihr, Eltern, wohin ich geraten,
Unrast und Scham in meinem Herzen,
Weil eure armen Grabhügel
In Dickicht und Nebel verkommen und zerfallen.

Nie können wir Flüchtlinge Ruhe finden,
Bis unsere Fäuste das Unkraut ausreißen
Und unsere erlösten Hände
Die wunde deutsche Erde wieder spüren.

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