Eine lyrische Wertheriade
Werther über Mensch und Natur
I
Mit bunten Bildern
und lichten Gestalten
übermalst du deine vier Wände
und wähnst dich in Freiheit.
Angst beherrscht dich:
Doch glaubst du,
du könntest diesen Kerker
verlassen, wann du willst.
Dir ist zum Fliegen zumute:
Doch läßt du
deine tätigen Kräfte
nutzlos vermodern.
Sag: Begreifst du denn nicht,
daß alle Regel
das wahre Gefühl
von Mensch und Natur zerstört.
Wozu brauchst du
die vielen Bücher,
den Verstand und die Ermunterung,
wenn doch dein Herz schlägt.
Nicht denken,
sondern fühlen;
nicht teilen,
sondern einen sollst du!
II
Die Freiheit steht uns
ins Gesicht geschrieben.
Mißverstanden werden,
das ist unser Schicksal.
III
Du, halte dich an die Natur!
Sie ist die wahre Meisterin;
nur sie eint,
nur sie beglückt.
IV
Die Blätter fallen sehen und
sich dabei nichts anderes denken,
als daß der Winter kommt:
Das ist Freiheit,
das ist Glück.
V
Wenn das liebe Tal dampft;
und die Gräschen
und die Mückchen
lachen vor Heiterkeit,
dann summ ich
mein Herz zur Ruhe.
VI
Herz, dein Wille geschehe!
(1985)
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