Der lebende Tod - oder erwacht Hoffnung?
Wer in Berlin regelmäßig U-Bahn
fährt, kennt sie - und die erste Konfrontation schockiert: eine
skelettartige Erscheinung, ausgemergelt, zerbrechlich, schwach - sich auf
Krücken fortbewegend, in lumpige Kleider gehüllt.
Ihre Gestalt, ihr Aussehen erinnert an ausgehungerte KZ-Häftlinge, wie die
meisten sie nur von Fotos her kennen. Und man denkt: Das darf doch nicht wahr
sein - wie kann es sein, dass in unserem Land ein Mensch so leben muss - so
dahin vegetiert? Ein Schauder läuft dir über den Rücken, als sie krächzend
spricht: "Kriegen Sie keinen Schreck - ich bitte nur um eine kleine Spende,
für meinen Lebensmut." Die Stimme verrät, es muss eine Frau sein - ihr
Alter allerdings ist unbestimmbar.
Aber der Mensch ist ein
Gewohnheitstier - und wenn auch die nächsten Begegnungen noch tiefe
Erschütterung auslösen, man gewöhnt sich allmählich an ihren erbärmlichen
Anblick, verdrängt das aufkommende Mitleid, betrachtet sie immer mehr nur noch
als dazugehöriges "U-Bahn-Inventar", wie andere Bettler und
Motzverkäufer auch. Wie leicht stumpft der Mensch ab.
Schon seit Jahren spukt dieser "Schatten von Mensch", dieses
Leichtgewicht" durch die U-Bahn-Tunnel - und wenn man sie nach längerer
Zeit wiedersieht, fragt man sich lediglich: "Was denn, die lebt noch?"
Und das schlechte Gewissen, ihr bisher nichts gegeben und sie im Alltag
vergessen zu haben, meldet sich.
Eines Tages hat sich etwas verändert. Die Frau sammelt nicht nur Geld und
Lebensmittel, diesmal bietet sie etwas an: einen selbstgeschriebenen Text.
Obwohl es dich brennend interessiert, was ein Geschöpf wie sie wohl schreiben
könnte, was sie zu sagen hat, hast du Hemmungen, es zuzugeben. Was sollen denn
die anderen Fahrgäste denken! Deine Neugier aber bleibt. Beim nächsten Mal
dann überwindest du dich, schaust ihr in die Augen, nimmst das Blatt entgegen
und zahlst den lächerlichen Preis von 5 Cent. Du liest ihren Text - und bist
gerührt, spürst eine innere Wandlung: Ausgerechnet diese Person kann dir etwas
geben, ihre Gedanken bereichern dein Leben.
Und plötzlich freust du dich
darauf, sie wiederzusehen, kannst es kaum erwarten, Teil 2 zu lesen - und Teil
3... und für dich ist sie nicht mehr der "lebende Tod" - denn du
weißt: sie trägt ein unendliches Maß an Hoffnung, Humor und Lebenswillen in
sich, mehr, als du dir jemals erträumen kannst.
(April 2001)
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