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Resimli Dünya/Turbane in Venedig
(Leseprobe aus:
Resimli Dünya/Turbane in Venedig, Roman, 1999/2002,
Ammann - Übertragung Monika Carbe)
Müde war Kâmil Uzman, Professor für Kunstgeschichte, nicht, als er an der
Stazione Santa Lucia aus dem Zug stieg. Genauer gesagt, fühlte er sich völlig
fit, im Kopf allerdings etwas benommen. Die ganze Nacht lang hatte er in der
obersten Koje des Liegewagens kein Auge zugetan. Die Bilder Venedigs wirbelten
durch seine Phantasie, und die Schatten flirrten in dem Licht, das aus dem Gang
hereinfiel. Auf dieser ersten Reise, zu der er um Mitternacht in die Serenissima
Republica aufgebrochen war, war er nicht allein. Er hatte die Stadt zwar noch
nie gesehen, aber das Bild Venedigs, das ihm aus Büchern, von Bildern und
Fotografien her vertraut war, begleitete ihn; fast bis in die kleinsten Details
kannte er die alten Bauten auswendig, die Plätze mit den prachtvollen Palästen
und dem Menschengewimmel, die Brücken und Kanäle, ja sogar die engsten Kanäle.
Dieses Bild entsprach vielleicht nicht der Realität, aber ebensowenig konnte man
sagen, daß es nun ganz und gar ein Phantasiegebilde war. Jahrelang hatte Kâmil
Uzman sich die Stadt der heruntergekommenen Edelleute, die in alten, vom Meer
und den Ratten benagten Palästen lebten, vorgestellt und jenes Bild in seiner
Phantasie gehätschelt. Es war nur natürlich, daß er nicht schlafen konnte,
während er auf den Morgen wartete, an dem er Venedig zum ersten Mal sehen würde.
Er war ganz allein im Abteil. Ohne weiteres hatte er im Nachtzug einen Platz
gefunden, Koffer und Mantel auf der unteren Liege abgelegt, war in die oberste
Koje geklettert und hatte sich auf den Rücken gelegt, ohne sich auszuziehen.
Anfangs hatte er geglaubt, er würde durch das monotone Rattern der Räder sofort
einschlafen. Aber wie eine ehemalige Geliebte, die man herbeisehnt und nach
Jahren endlich wiederfindet, leistete ihm Venedig bis zum Morgen Widerstand und
ließ ihn keinen Moment in Ruhe. Als er auf dem Bahnsteig stand, war er so
irritiert, daß er darauf verzichtete, im nächstbesten Café einen doppelten
Espresso zu trinken, und beschloß, sich in dem Studio, das er für einen Monat
gemietet hatte, auszuschlafen.
Während er die Stufen des Bahnhofsgebäudes hinabstieg, herrschte dichter Nebel.
Auf der linken Seite fiel ihm ein rötliches, fast violettes Gebäude im Licht
vier blauer Sterne auf: Hotel Bellini. Die sternförmigen Neonlichter schimmerten
durch den Nebel. Im ersten Gebäude, das ihm begegnete – so ging es ihm durch den
Kopf – wurde ihm mit dem Wappen des Hotels wie ein deutliches Zeichen des
Schicksals gleich der Grund für diese Reise auf die Stirn gebrannt.
Rezension I Buchbestellung I home IV08 LYRIKwelt © Ammann Verlag