aus: Was im Leben zählt
Ich bin jetzt vierzig,
so alt wie Morrissey. Bald kommt der Herbst, und meine Mutter ist zum Sterben in den
Arbeiterblock heimgekehrt. Sie liegt die meiste Zeit im Bett, kalt und dünn, klein und
durchscheinend, und wartet auf den Tod, während sie in den Schlaf gleitet und wieder
hinaus.
Ich breite die Decke über sie und hole ihr Wasser, wenn sie etwas trinken möchte. Ich
halte ihre Hand und bürste ihre Haare, wenn sie wach ist. Ich möchte, dass sie die
Medikamente nimmt, die sie vom Krankenhaus bekommen hat, aber sie weigert sich.
Ich habe genug Medikamente genommen, sagt sie. Ich will nicht mehr.
Ich dränge sie nicht und denke insgeheim, dass es keine Rolle spielt. Bald ist es ohnehin
vorbei. Bald ist es zu Ende.
Ich habe den Ohrensessel aus dem Wohnzimmer geholt. Ich kauere mich mit einer Wolldecke
hinein, wenn meine Mutter schläft. Die Tage bringen einen letzten Rest von Sommer, als
würden sie ein letztes Mal aufflammen, bevor der Herbst alles in Asche und Untergang
verwandelt.
Ich mag die Abende im späten August, wenn die Dunkelheit schleichend zurückkehrt und der
Mond über die Bergkämme rollt. Ich weiß nicht, mit den hellen Sommernächten stimmt
etwas nicht. Als hätte man sie mit dem falschen Programm gewaschen.
Ich sehne mich nach dem Herbst, dem Regen an der Scheibe und der Dunkelheit mit all den
Lichtern draußen, als hätte jemand die Scheibe mit Fingerfarbe betupft.
Ich sehe, wie sich das Licht im Zimmer langsam verändert, wie alle Gegenstände
unterschiedliche Schatten werfen, je nach Tageszeit. Ich sehe, wie die Nächte dichter
werden, wie die Insekten hilflos die brennenden Lampen umkreisen.
Eines Abends fange ich mit den Händen einen Nachtfalter, halte ihn gefangen und spüre,
wie er verzweifelt zwischen meinen Handflächen hin und her saust, von einer Seite zur
anderen. Dann lasse ich ihn frei.
Nachts höre ich auf dem Walkman alte Smiths-Songs: "Back to the Old House" und
"Stretch out and Wait" und "Asleep". Ich weiß, wenn ich später diese
Lieder höre, werde ich an meine Mutter denken in den letzten Tagen ihres Lebens. Sing
mich in den Schlaf, sing mich in den Schlaf.
Ich sehe, wie klein sie geworden ist. Sie ist ganz winzig geworden, wie ein kleines
Mädchen, als hätte sie den Kreis komplett durchlaufen, vom Mädchen zur Frau und wieder
den ganzen Weg zurück zum Mädchen.
Aber noch immer ist sie schön, und ich sehe sie gerne
an, wenn sie schläft. Ihre feinen Gesichtszüge. Die mageren Hände, die auf der Decke
ruhen, Hände mit Adern in den seltsamsten Mustern und mit einer Haut wie dünnem Papier.
Langsam breitet sich der Tod in ihrem Körper aus. Bald ist es zu Ende. Bald ist es
vorbei. Bald ist meine Mutter nicht mehr. Ein paar Tage und Nächte lang befindet sie sich
an einem Ort zwischen dieser Welt und einer anderen, jenseits aller Hoffnungen.
Wie ist ihr Leben gewesen?
Ich erinnere mich an etwas, das Morrissey über Zufriedenheit gesagt hat. Er hat gesagt,
es gelinge dem Menschen nie, zufrieden zu sein. Man versucht, ein ganzes Leben lang,
zufrieden zu sein, aber man kommt niemals an, denn man legt alles Wichtige beiseite, alles
Wichtige legt man beiseite, während man auf den Tag in seinem Leben wartet, der niemals
kommt.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Nagel & Kimche