Durs Grünbein

Mein babylonisches Hirn
(Auszug aus dem Anfang des Essays aus Die Schweizer Korrektur, Edition Engeler)

Gedichte? Nein, man erhält nicht zuerst einen Gegenstand, einen Stil, eine eigene Bildwelt, man wird, wenn die Stimme sich ihren Weg bahnt, zuerst mit einer Gehirnhelligkeit konfrontiert, mit der strahlenden Idiosynkrasie eines Menschen, der die Dinge nicht anders sehen kann als er sie sieht, den die Dinge nicht anders ansehen als in dieser besonderen Anordnung. Man begegnet der Willkür und dem Diktat eines persönlichen Dämons vom Typ des Sokratischen, der immer warnt, niemals tröstet und von dessen Einfluß nichts zeugt als die Fassung, nach der eine Stimme rang wie nach Atem. Nicht zu beweisen, läßt jeder Schreibakt sich nur auf die Reizbarkeit eines einzelnen Irrläufers zurückführen, auf seine Symptome, die immer zum Vorschein drängen, sosehr sie auch Anschluß suchen an Philosopheme, politische Ansichten, technische Standards. Selten so deutlich wie im Gedicht steht der Leser unverhofft dem Idiotischen gegenüber, dem einsamen Vorurteil, einer Folge zumeist wenig angenehmer Reflexe, mit denen ein Autor hineinpeilt in eine imaginäre Welt, die dem Außenraum standhalten soll. Irreduzibel, ist es zuletzt ein Vexierbild physiologischen Ursprungs, ähnlich dem Nervensystem, der Anatomie und dem Knochenbau. In ihm wird das Sprechen zurückgeführt an seine Grenze, werden die anekdotischen Momente von Gattungsleben und Icherleben in Anschauung verwandelt. Denn das Wort ist physischen Ursprungs, aber das Wort ist auch Psyche, wie Mandelstam sagt, und die Grenze verläuft zwischen den Hütern und den Verschwendern des Worts, nirgendwo sonst. Nur das innegewordene Wort schützt vor der erinnerungslosen Alltagssprache, es hält die Verbindung zum Einmaligen, zur Idiographie primärer Wahrnehmung. Im Gedicht drängt zuallererst sich das Schreckliche eines eingeschlossenen Subjekts auf, das mit ganzer Überredungskunst nach außen zu dringen sucht. Seine Schönheit beginnt als Verwirrung, Unzulänglichkeit, Engstirnigkeit, vielleicht böse, fast immer nervös sich äußernde Sinnlichkeit und endet als ein Maximum an Persönlichkeit, Esprit, Affekt, Vorlieben und Eigensinn...auf kleinstmöglichem Raum. Ihr Wahrzeichen war einmal Baudelaires grüne Perücke mit den Insignien der Langweile. Ihr Ideal heute, von dem sie nichts wissen muß, ist eine Gedächtnismaschine, präzis wie ein Insektenauge, eine Maschine zum Wiederfinden gelebter Zeit.
Denn Dichten beginnt als Schichtung zunächst ganz sinnloser Bewußtseinsstadien, durch die der Einzelne, mühselig oder tänzelnd, hindurchmuß, ohne Rücksicht auf Kausalitäten und Chronologien. Wo seine Sprünge ihn hinführen, kann ihm gleich sein, solange er glücklich die wenigen Bruchstücke festhält, die sein unbeherrschtes Bewußtsein ihm überläßt. So überwiegen die Risse im Illusionären, das Unversöhnte, in schockhafter Montage gefügte, doch in Metren, gleich welchen, schleppt sich auch Zeit mit, aufgeschobene Zeit, Zeit einer Höllenbesichtigung wie bei Dante, dialektisch hingehaltene Zeit, Zeit in der sich die Palimpseste entrollen, transhistorisch verortete Zeit...

Rezension I Buchbestellung I home II02 LYRIKwelt © Edition Engeler