Über Nacht von Sabine Gruber, 2007, Beck

Sabine Gruber

Über Nacht
(Leseprobe aus: Über Nacht, Roman, 2007, Beck)
I

Anfangs waren es noch einzelne Punkte gewesen, dann plötzlich hunderte, tausende. Sie bewegten sich rauf und runter, hin und her, stürmisch, kraftbeladen. Die Menschen, die stehengeblieben waren, folgten mit ihren Blicken den wellenförmigen Bewegungen, den S-Linien und Ellipsen. In manchen Augenblicken sahen die dunklen Formen wie ovale Flugobjekte aus, dann änderten sie sich wieder, teilten sich oder rissen auseinander. Eine blonde Frau, die gebannt in den Himmel schaute, stieß rückwärtsgehend gegen einen Baum, machte einen Schritt zur Seite. „Was ist das?“ fragte sie. Niemand antwortete. Der Passant, der eine Weile neben ihr gestanden hatte, war längst weitergegangen, ein anderer beobachtete mit offenem Mund die Breitband-Formationen.
„Stare“, sagte ich, „die sind überall hier in der Stadt. Passen Sie auf, daß Sie nicht in den Hundedreck treten.“ Die Frau schaute kurz zu Boden, nickte, als wollte sie sich bedanken und setzte ihren Weg fort. Ich blickte ihr nach, bis sie hinter einem geparkten Lieferwagen die Straße überquerte, dann öffnete ich die Autotür, warf die Einkaufstasche auf den Beifahrersitz und fuhr los.
Der Berufsverkehr hatte eingesetzt, vor dem Bahnhof Termini stauten sich die Autos. Die Mopedfahrer zwängten sich in jede noch so kleine Lücke. Der Fahrer vor mir ließ die Fensterscheibe runter und schimpfte auf einen Jugendlichen, weil er beim Überholen den linken Außenspiegel gestreift hatte.
Noch immer waren die Stare zu sehen, kleinere Verbände, die im Flug ein V formierten; hie und da scherte ein Vogel aus, um sich weiter hinten wieder einzuordnen.
Ich überlegte, an der nächsten Kreuzung abzubiegen und einen Umweg zu fahren, doch um diese Zeit würde der Verkehr auch in den Seitenstraßen stocken.
Aus meiner Einkaufstasche roch es nach Brot. Ich wickelte es aus dem Papier, brach ein Stück Pecorino ab, den ich aus der Klarsichtfolie geschält hatte. Der Käse bröselte auf die Hose, das Papier rutschte unter die Pedale. Ich versuchte, es aufzuheben. Die Autos und Mopeds setzten sich wieder in Bewegung, hinter mir wurde gehupt.
Zwischen meinen Beinen vibrierte das Handy. Als ich die Stimme meiner Vorgesetzten erkannte, bedauerte ich, den Anruf entgegengenommen zu haben. „Es ist mein freier Tag“, sagte ich, aber es nützte nichts.
Die Stare flogen jetzt ein Doppel-V; ich entdeckte sie noch einmal über der Kirche Santa Maria della Vittoria. Beinahe hätte ich die nächste Ampel übersehen.

„Ich verstehe nicht, warum die überhaupt noch hier sind. Es ist doch Sommer.“ Die Luft im Umkleideraum war stickig.
„Wer?“ fragte Marta, während sie in ihre Sandalen schlüpfte.
„Na, die Vögel.“
Sie war müde, mußte sich am Metallschrank abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Du mit deinen Vögeln.“
„Früher haben sie sich um diese Zeit in Riga oder Moskau aufgehalten - “
„Ich weiß, Mira.“ Sie drehte mir den Rücken zu, stopfte die Schürze in den vollen Wäschekorb. „Lucchi atmet schwer. Wenn du bitte nach ihm schauen könntest. Carelli muß noch gewaschen werden. Mach`s gut. Bis morgen.“
Ich wechselte die Schürze, weil ein Knopf abgegangen war, dann trat ich den Dienst an. Hinter der Tür wartete bereits Mancini und wollte eine Zigarette. Die Tagesration von fünf Stück hatte er bis zum Mittagessen aufgebraucht, am Nachmittag verfolgte er die Besucher, schnüffelte an ihren Kleidern, um herauszufinden, ob sich das Betteln lohnte. Er lief im Pyjama hinter mir her.
„Und, wieviele Stare waren es heute?“
„Eintausendneunhundertdreiundsechzig,“ sagte er.
Ich schloß die kleine Küche auf, in der das Personal zu essen pflegte, und nahm eine angebrochene Packung MS aus dem Schrank. Mancini zupfte mehrmals mit dem Zeigefinger- und Daumennagel an einem Filter, bis er die Zigarette zu fassen kriegte.
„Nur eine?“ Er lächelte mich an, verneigte sich.
„Okay, zwei, obwohl Sie sich verzählt haben.“
Er steckte sich die eine Zigarette links, die andere rechts hinters Ohr.
„Es waren eintausendneunhundertvierundneunzig. Sie haben die kleinen übersehen, die im Huckepackflug auf den größeren mitgeflogen sind.“
„Das gibt`s nicht“, lachte er.
„Doch, das gibt`s. Und jetzt raus.“
Er verneigte sich wieder, dieses Mal nach allen Seiten, dann verließ er im Rückwärtsgang die Küche.
Ich sah auf die Straße hinaus; auf der Bank vor dem Eingang saßen drei Männer aus meiner Abteilung und blickten den Autos hinterher. Manchmal fragte ich mich, ob sie ihnen bewußt nachschauten oder ob sie einfach die Köpfe hin- und herbewegten, um anzudeuten, sie seien beschäftigt. Miteinander zu sprechen, war ihnen nicht möglich.
„Wozu soll ich mit den anderen reden“, hatte Mancini einmal gesagt, „erzähl ich ihnen meine Geschichte, fühlen sie sich an ihre eigene erinnert, und die ist schlimmer.“
Ich schloß das Fenster, setzte Teewasser auf. Die Verrichtungen blieben immer die gleichen, in letzter Zeit konnte ich mich oft nicht mehr daran erinnern, wann und wie ich die Arbeiten erledigt hatte. Ich bewegte meine Hände so mechanisch wie die drei Männer auf der Straße ihre Köpfe. Nachdem ich die Tabletten aus der Verpackung herausgebrochen und in den Medikamentenschiebern verteilt hatte, zählte ich sie alle noch einmal durch.
Mancini steckte den Kopf zur Tür herein.
„Was ist Mancini – alle schon geraucht?“
„Sie hatten recht, es waren eintausendneunhundertvierundneunzig.“ Er grinste und hielt den Daumen in die Höhe.
„Sie kriegen keine mehr.“
Er zuckte mit den Achseln. „Dann nicht.“ Bevor er den Kopf wieder aus der Tür zog, fragte er mich, ob ich verheiratet sei.
„Das wissen Sie doch. Seit vier Jahren.“
„Oh“, sagte er „das tut mir aber leid.“
Ich schaute nach Lucchi. Er saß neben der angelehnten Balkontür, das Hemd bis zum Nabel offen.
„Es zieht“, sagte ich und schloß das Badezimmerfenster.
„Ach wo.“
„Sehen Sie sich den Lampenschirm an. Der bewegt sich doch, oder?“
„Na und?“ Lucchi sah zur Seite. „Dann bewegt er sich eben.“
Ich konnte keine abnorme Atmung bei ihm feststellen. Als ich ihn fragte, ob er genug Luft kriege, meinte er, den Blick auf das Badezimmerfenster gerichtet: „Jetzt nicht mehr.“
„Brauchen Sie noch etwas?“ Ich stellte den Tee auf den Nachttisch.
„Ich habe Sie nicht gerufen.“
Als ich mich zur Tür wandte, hörte ich Schritte hinter mir; sie hatten nichts Schlurfendes oder Schleppendes an sich. Es waren Straßenschuhe, ich erkannte sie am Klang der hohlen Absätze. Lucchi, erinnerte ich mich, trug Pantoffeln mit einer Gummisohle; das Oberteil war mit einem senffarbenen Kordstoff überzogen.
„Guten Abend.“
Ich drehte den Kopf, wollte mit der Hand nach der Türklinke fassen, griff aber ins Leere. Auf mich kam ein großgewachsener, weißhaariger Mann zu, den ich auf Mitte vierzig schätzte. Er habe, sagte er mit Blick auf meine Hand, die nun auf der Klinke lag, auf dem Balkon eine Zigarette geraucht, obwohl dies nicht erlaubt sei. War es die Art, wie er mich musterte, oder waren es seine asymmetrischen Koteletten, die mir sofort auffielen – ich reagierte nicht. Als ich ihm nicht die Hand gab, legte er, ohne zu zögern, seine Hand auf meine.
„Angenehm“, sagte er, „Rino“, als hätte es sich um eine Begrüßung gehandelt. Er folgte mir auf den Gang hinaus, blieb vor Lucchis Tür stehen.
„Mein Onkel ist ziemlich unfreundlich“, sagte er.
„Seine Sache.“
Ich ging zur nächsten Tür.
„Und wie heißen Sie?“ rief er mir nach.
Ich hob die Augenbrauen und verschwand in dem Zimmer.

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