Mesmeristische Experimente
Der Wagen hielt in einer
Seitengasse der Brick Lane. Der Regen prasselte auf das Faltdach. Durch die Naht
tröpfelte es ins Kabineninnere und pochte Wells auf den Zylinder. Der Nebel
schmiegte sich feucht und speckig an das Glas. Wells fröstelte. Er blickte
durch die Scheibe. Augenblicklich beschlug sie. Draußen war nichts zu erkennen.
Das Licht der Gaslaternen wurde von der grauen Suppe verschluckt.
"Sind wir da?" Wells kniff die Augen zusammen und
wischte mit dem Mantelärmel über das Glas.
"Das ist die Gasse, die Sie mir genannt haben, Mister.
Soll ich Sie wieder abholen?" Der Fahrer schnalzte mit der Zunge.
"Nicht nötig. Ich habe keine Ahnung, wie lange es
dauern wird." Er raffte die Papiere auf der Bank zusammen.
"Sir, wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Machen Sie
schnell! Whitechapel ist keine angenehme Gegend für einen Gentleman wie
Sie."
Wells nickte und bezahlte den Fahrer. Er knöpfte sich den
Rock zu, schlug den Kragen hoch und stieg aus dem Wagen. Feiner Nieselregen
stach ihm ins Gesicht. Dummerweise hatte er keinen Schirm bei sich, vor einer
Stunde war keine Spur von Regen gewesen. Der November war eine schreckliche Zeit
in London.
Er presste den Packen Papier an den Körper und sah dem Gefährt
nach. Der Motor tuckerte, die elektrischer Zündung knallte und die Ketten
rasselten. Der Wagen holperte über das Kopfsteinpflaster. Noch sah er die
Gasrohre dampfen, dann wurde das Fahrzeug vom Nebel verschluckt. In weiter Ferne
röhrte die Hupe. Erst jetzt setzte sich Wells in Bewegung, der Fahrer brauchte
nicht zu sehen, wohin er ging. Um ihn stieg der Dampf aus der Kanalisation. Es
roch nach Ratten, vermengt mit dem säuerlichen Geruch des Regens. Er sprang über
die Lachen und verschwand in einer Seitengasse. Sie war so klein, sie hatte
keinen Namen. Ein Dubliner Gentleman hatte ihm den Weg beschrieben, andernfalls
hätte er den Eingang niemals entdeckt. Tags zuvor hatte er die Bekanntschaft
des Iren im Hangman´s Pope gemacht, einem irischen Pub in Kensington.
Wenn der Theatermanager, für den sich der Fremde ausgegeben hatte, recht
behielt, würde er hier, in dieser Gasse, den Stoff für eine gute Geschichte
finden. Wells presste das Bündel an den Körper. Der Nebel hatte das Papier völlig
aufgeweicht. Verdammt! Er schüttelte das Manuskript trocken. Seit zwei
Jahren schrieb er daran. Könnte er es hier und jetzt zu einem Abschluss
bringen?
Wells drängte sich in die
Nische eines Backsteinhauses, stieg die schmale Treppe hinab. Weissagungen -
sechzig Pfund Sterling, war mit Kreide auf ein Schild gekritzelt. Genau
dahin wollte er! Normalerweise hätte er bei einer Ankündigung wie dieser
nichts verloren, schließlich war er kein Narr. Doch der Ire hatte ihm
versichert, es habe nichts mit Hexerei und Kristallkugeln zu tun, sondern mit
Technik und fundierter Wissenschaft.
Er pochte an die Metalltür. Augenblicklich scharrte ein
Riegel über das Metall, eine Kette schepperte. Das Eisentor wurde aufgezogen.
In dem Kellerraum zuckte eine Gaslaterne. Wells erkannte die Umrisse eines
Mannes. Er war schmächtig, hielt den Körper vorne über gebeugt und stand noch
dazu schief, als wäre ein Bein kürzer als das andere. In London war der
Anblick solcher Gestalten nicht unüblich, besonders in einer Gasse wie dieser hätte
er damit rechnen müssen. Was hatte er auch erwartet? Ein Etablissement mit
jungen charmanten Damen? Kaminatmosphäre, guten Wein und eine Prise
Schnupftabak? Der Mann blickte ihn von unten herauf an.
"Ich bin auf Empfehlung eines irischen Gentlemans hier,
Sir Abraham ..."
Der Mann schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.
"Ist mir bekannt", knurrte er. Ungelenkt trat er zur Seite.
Wells nahm den Zylinder ab, bückte sich und schlüpfte in
den Keller. Der Diener, für den er den Mann hielt, ließ die Tür ins Schloss
krachen und legte den Riegel vor. Ein System von ineinander greifenden Zahnrädern
verschloss das Tor. In dem Raum war es kühl, ebenso frostig wie auf der Straße.
Es roch nach Gas und kaltem Stein. Der Keller war nicht verputzt, die rohen
Ziegelsteine reichten bis zur Decke. An den Wänden verliefen Kabelstränge und
verbogene Drähte, teilweise plump isoliert, teilweise lagen die Leitungen
blank.
Der Diener grunzte und wischte sich mit dem Handrücken über
den Mund. Die Finger glänzten gelb. "Das Geld!", forderte er. Wells
langte in die Tasche und zog drei Zwanzig-Pfund-Noten heraus. Der Gnom ließ sie
verschwinden und schlang sich die Lumpen um den Körper. "Er ist da!",
brüllte er und schlich davon.
Wells blickte ihm nach. Erst jetzt bemerkte er, wie schlimm
der Mann humpelte. Krüppel gab es in London viele, beinahe an jeder Straßenecke.
Doch im Vergleich zu diesem Kerl wirkten die Bettler der Armenhäuser wie feine,
stattliche Männer. Wie konnte man sich nur so gehen lassen? Wells schüttelte
den Kopf und strich sich über den Schnauzbart. Er hatte sich den schmalen Bart
erst kürzlich wachsen lassen, um bei den Damen, wie er hoffte, den nötigen
Eindruck zu hinterlassen. Wenn er geahnt hätte, in welches Milieu er sich heute
Abend begeben würde, hätte er sich anders gekleidet. Mit dem braunen Anzug,
der Fliege und den Lackschuhen kam er sich gänzlich deplatziert vor. Ein schäbiger
Arbeitsmantel wäre angebrachter gewesen.
Da hinkte der Diener ins Zimmer. Hinter ihm betrat ein weißhaariger
Mann im grauen, dreiteiligen Anzug, mit Weste, Krawatte und Silberkette das
Kellerabteil. Er stützte sich auf einen Stock mit Knauf, seine genagelten
Schuhe klapperten über den Steinboden. Er war breit gebaut, ebenso groß wie
Wells. Der Gentleman richtete sich vor ihm auf, und das Licht der Laterne fiel
auf sein Gesicht. Um Himmels Willen! Wells versteifte sich. Das Gesicht
des Gentlemans war von Furchen durchzogen. Er musste an die achtzig Jahre alt
sein. Leicht hätte er Wells Urgroßvater sein können.
"Mister Herbert George Wells, nehme ich an?"
"Guten Abend." Wells nickte und reichte dem
Gastgeber die Hand.
"Ob der Abend gut verläuft, wird sich
herausstellen. Das hängt von Ihnen ab." Die Stimme des Mannes knarrte, sie
passte zu seinem Alter. Ebenso knorrig war sein Händedruck. Das konnte niemand
anders als der Professor sein. Der Ire im Pub hatte ihm den Mann so beschrieben:
Schlohweißes Haar, respektvolles Auftreten und eine blasse Gesichtsfarbe, als
verbrachte er die meiste Zeit in seiner Kammer, in Büchern vertieft und über
wissenschaftliche Geräte gebeugt. Jetzt wusste er, dass er keinem Schabernack
aufgesessen war. Vor ihm stand niemand anders als Professor Mesmer, von dem ihm
der Ire berichtet hatte. Hier würde Wells die notwendigen Antworten finden.
Mesmer stützte sich auf den Stock und ließ den anderen Arm
hinter dem Rücken verschwinden. Wahrlich war er eine imposante Erscheinung.
Wells schien, als kannte er den Mann. Das Gesicht? Die winzigen, von Falten überlagerten
Augen? Den zynischen Ton in der Stimme? Nein, dieses Antlitz hatte er nie zuvor
gesehen. Woher auch? Bereits am Vortag, als ihm der irische Gentleman von
Professor Mesmer erzählt hatte, war ihm der Name bekannt vorgekommen. In London
gab es nicht viele Leute dieses deutschen Namens, umso ungewöhnlicher, dass
sich Wells daran zu erinnern glaubte.
"... Mister Wells!"
"Bitte?" Wells schreckte hoch.
"Sie sind blass!", stellte Mesmer ohne Umschweife
fest. "Ein Glas Wasser vielleicht?"
"Danke." Wells schüttelte den Kopf.
Mesmers Zeigefinger schoss vor. "Was haben Sie
hier?"
"Ein Buch." Wells presste das Bündel loser Zettel,
handschriftlicher Notizen und korrigierter Papiere an den Körper. Sogar auf den
Rand der gefalteten Times hatte er Vermerke angebracht, die ihm während der
Fahrt mit dem Kraftwagen in den Sinn gekommen waren.
"Ein Buch?" Mesmer zog die Augenbraue hoch.
"Ein Manuskript", korrigierte sich Wells. "Ein
Rohentwurf."
Mesmer nickte. "Der Titel?"
Wells starrte auf das Deckblatt. Eilig hatte er die Zeile Blick
auf Morgen hingekritzelt. Es war nicht einmal ein Arbeitstitel, bestenfalls
eine lausige Idee. "Es hat noch keinen Titel."
Mesmer deutete auf den Buckeligen. "Das ist Jack,
einfach nur Jack. Auch wenn Sie es ihm nicht ansehen, er stammt aus gutem Hause,
eng verwandt mit der Königsfamilie." Mesmer strich sich über die
Augenbraue, eine Geste, die an Arroganz nichts zu wünschen übrig ließ.
"Wir haben ihn letztes Jahr bei uns aufgenommen. Sie können ihm ihr Buch,
wie Sie es nennen, getrost reichen. Er wird es für Sie verwahren."
"Vielen Dank, doch ich behalte es bei mir."
"Wie Sie wünschen. Hüten Sie das Werk eines
bedeutenden Schriftstellers." Er winkte abfällig mit der Hand.
Wells war nicht entgangen, wie geringschätzig Mesmer das
Wort Schriftsteller ausgespien hatte. Er schluckte seinen Kommentar
hinunter. Noch war er kein Schriftsteller, geschweige denn ein bedeutender. Umso
mehr kränkte ihn Mesmers Bemerkung. Im Moment lauschte er noch an der Universität
den Vorträgen des Autors Thomas Huxley, doch eines Tages wollte er wie Huxley
mit der schreibenden Kunst sein Brot verdienen. Wells stieg von einem Bein aufs
andere. "Ich bin bereit."
"Bereit?", unterbrach ihn Mesmer. "Nur, weil
Sie auf Empfehlung eines Gentlemans den Weg hierher gefunden haben, bedeutet das
noch lange nicht, dass Sie darauf vorbereitet sind, was Sie jetzt sehen werden.
Sie haben nicht die geringste Ahnung, was Sie erwartet ..." Mesmer ließ
den Satz unausgesprochen.
Wells schien nicht
beeindruckt. Auch wenn er nicht wusste, was ihn erwartete, so entsetzlich würde
es nicht werden. Gewiss hatte er Schlimmeres gesehen.
"Hüten Sie Ihr Buch und folgen Sie mir." Mesmer
schritt voran, Wells folgte ihm. Grunzend schlurfte der Diener hinterher ...
(Februar 2002)
Rezension I Buchbestellung I home 0I04 LYRIKwelt © Andreas Gruber