Andreas Gruber

Mesmeristische Experimente

    Der Wagen hielt in einer Seitengasse der Brick Lane. Der Regen prasselte auf das Faltdach. Durch die Naht tröpfelte es ins Kabineninnere und pochte Wells auf den Zylinder. Der Nebel schmiegte sich feucht und speckig an das Glas. Wells fröstelte. Er blickte durch die Scheibe. Augenblicklich beschlug sie. Draußen war nichts zu erkennen. Das Licht der Gaslaternen wurde von der grauen Suppe verschluckt.
    "Sind wir da?" Wells kniff die Augen zusammen und wischte mit dem Mantelärmel über das Glas.
    "Das ist die Gasse, die Sie mir genannt haben, Mister. Soll ich Sie wieder abholen?" Der Fahrer schnalzte mit der Zunge.
    "Nicht nötig. Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauern wird." Er raffte die Papiere auf der Bank zusammen.
    "Sir, wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Machen Sie schnell! Whitechapel ist keine angenehme Gegend für einen Gentleman wie Sie."
    Wells nickte und bezahlte den Fahrer. Er knöpfte sich den Rock zu, schlug den Kragen hoch und stieg aus dem Wagen. Feiner Nieselregen stach ihm ins Gesicht. Dummerweise hatte er keinen Schirm bei sich, vor einer Stunde war keine Spur von Regen gewesen. Der November war eine schreckliche Zeit in London.
    Er presste den Packen Papier an den Körper und sah dem Gefährt nach. Der Motor tuckerte, die elektrischer Zündung knallte und die Ketten rasselten. Der Wagen holperte über das Kopfsteinpflaster. Noch sah er die Gasrohre dampfen, dann wurde das Fahrzeug vom Nebel verschluckt. In weiter Ferne röhrte die Hupe. Erst jetzt setzte sich Wells in Bewegung, der Fahrer brauchte nicht zu sehen, wohin er ging. Um ihn stieg der Dampf aus der Kanalisation. Es roch nach Ratten, vermengt mit dem säuerlichen Geruch des Regens. Er sprang über die Lachen und verschwand in einer Seitengasse. Sie war so klein, sie hatte keinen Namen. Ein Dubliner Gentleman hatte ihm den Weg beschrieben, andernfalls hätte er den Eingang niemals entdeckt. Tags zuvor hatte er die Bekanntschaft des Iren im Hangman´s Pope gemacht, einem irischen Pub in Kensington. Wenn der Theatermanager, für den sich der Fremde ausgegeben hatte, recht behielt, würde er hier, in dieser Gasse, den Stoff für eine gute Geschichte finden. Wells presste das Bündel an den Körper. Der Nebel hatte das Papier völlig aufgeweicht. Verdammt! Er schüttelte das Manuskript trocken. Seit zwei Jahren schrieb er daran. Könnte er es hier und jetzt zu einem Abschluss bringen?

    Wells drängte sich in die Nische eines Backsteinhauses, stieg die schmale Treppe hinab. Weissagungen - sechzig Pfund Sterling, war mit Kreide auf ein Schild gekritzelt. Genau dahin wollte er! Normalerweise hätte er bei einer Ankündigung wie dieser nichts verloren, schließlich war er kein Narr. Doch der Ire hatte ihm versichert, es habe nichts mit Hexerei und Kristallkugeln zu tun, sondern mit Technik und fundierter Wissenschaft.
    Er pochte an die Metalltür. Augenblicklich scharrte ein Riegel über das Metall, eine Kette schepperte. Das Eisentor wurde aufgezogen. In dem Kellerraum zuckte eine Gaslaterne. Wells erkannte die Umrisse eines Mannes. Er war schmächtig, hielt den Körper vorne über gebeugt und stand noch dazu schief, als wäre ein Bein kürzer als das andere. In London war der Anblick solcher Gestalten nicht unüblich, besonders in einer Gasse wie dieser hätte er damit rechnen müssen. Was hatte er auch erwartet? Ein Etablissement mit jungen charmanten Damen? Kaminatmosphäre, guten Wein und eine Prise Schnupftabak? Der Mann blickte ihn von unten herauf an.
    "Ich bin auf Empfehlung eines irischen Gentlemans hier, Sir Abraham ..."
    Der Mann schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. "Ist mir bekannt", knurrte er. Ungelenkt trat er zur Seite.
    Wells nahm den Zylinder ab, bückte sich und schlüpfte in den Keller. Der Diener, für den er den Mann hielt, ließ die Tür ins Schloss krachen und legte den Riegel vor. Ein System von ineinander greifenden Zahnrädern verschloss das Tor. In dem Raum war es kühl, ebenso frostig wie auf der Straße. Es roch nach Gas und kaltem Stein. Der Keller war nicht verputzt, die rohen Ziegelsteine reichten bis zur Decke. An den Wänden verliefen Kabelstränge und verbogene Drähte, teilweise plump isoliert, teilweise lagen die Leitungen blank.
    Der Diener grunzte und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Die Finger glänzten gelb. "Das Geld!", forderte er. Wells langte in die Tasche und zog drei Zwanzig-Pfund-Noten heraus. Der Gnom ließ sie verschwinden und schlang sich die Lumpen um den Körper. "Er ist da!", brüllte er und schlich davon.
    Wells blickte ihm nach. Erst jetzt bemerkte er, wie schlimm der Mann humpelte. Krüppel gab es in London viele, beinahe an jeder Straßenecke. Doch im Vergleich zu diesem Kerl wirkten die Bettler der Armenhäuser wie feine, stattliche Männer. Wie konnte man sich nur so gehen lassen? Wells schüttelte den Kopf und strich sich über den Schnauzbart. Er hatte sich den schmalen Bart erst kürzlich wachsen lassen, um bei den Damen, wie er hoffte, den nötigen Eindruck zu hinterlassen. Wenn er geahnt hätte, in welches Milieu er sich heute Abend begeben würde, hätte er sich anders gekleidet. Mit dem braunen Anzug, der Fliege und den Lackschuhen kam er sich gänzlich deplatziert vor. Ein schäbiger Arbeitsmantel wäre angebrachter gewesen.
    Da hinkte der Diener ins Zimmer. Hinter ihm betrat ein weißhaariger Mann im grauen, dreiteiligen Anzug, mit Weste, Krawatte und Silberkette das Kellerabteil. Er stützte sich auf einen Stock mit Knauf, seine genagelten Schuhe klapperten über den Steinboden. Er war breit gebaut, ebenso groß wie Wells. Der Gentleman richtete sich vor ihm auf, und das Licht der Laterne fiel auf sein Gesicht. Um Himmels Willen! Wells versteifte sich. Das Gesicht des Gentlemans war von Furchen durchzogen. Er musste an die achtzig Jahre alt sein. Leicht hätte er Wells Urgroßvater sein können.
    "Mister Herbert George Wells, nehme ich an?"
    "Guten Abend." Wells nickte und reichte dem Gastgeber die Hand.
    "Ob der Abend gut verläuft, wird sich herausstellen. Das hängt von Ihnen ab." Die Stimme des Mannes knarrte, sie passte zu seinem Alter. Ebenso knorrig war sein Händedruck. Das konnte niemand anders als der Professor sein. Der Ire im Pub hatte ihm den Mann so beschrieben: Schlohweißes Haar, respektvolles Auftreten und eine blasse Gesichtsfarbe, als verbrachte er die meiste Zeit in seiner Kammer, in Büchern vertieft und über wissenschaftliche Geräte gebeugt. Jetzt wusste er, dass er keinem Schabernack aufgesessen war. Vor ihm stand niemand anders als Professor Mesmer, von dem ihm der Ire berichtet hatte. Hier würde Wells die notwendigen Antworten finden.
    Mesmer stützte sich auf den Stock und ließ den anderen Arm hinter dem Rücken verschwinden. Wahrlich war er eine imposante Erscheinung. Wells schien, als kannte er den Mann. Das Gesicht? Die winzigen, von Falten überlagerten Augen? Den zynischen Ton in der Stimme? Nein, dieses Antlitz hatte er nie zuvor gesehen. Woher auch? Bereits am Vortag, als ihm der irische Gentleman von Professor Mesmer erzählt hatte, war ihm der Name bekannt vorgekommen. In London gab es nicht viele Leute dieses deutschen Namens, umso ungewöhnlicher, dass sich Wells daran zu erinnern glaubte.
    "... Mister Wells!"
    "Bitte?" Wells schreckte hoch.
    "Sie sind blass!", stellte Mesmer ohne Umschweife fest. "Ein Glas Wasser vielleicht?"
    "Danke." Wells schüttelte den Kopf.
    Mesmers Zeigefinger schoss vor. "Was haben Sie hier?"
    "Ein Buch." Wells presste das Bündel loser Zettel, handschriftlicher Notizen und korrigierter Papiere an den Körper. Sogar auf den Rand der gefalteten Times hatte er Vermerke angebracht, die ihm während der Fahrt mit dem Kraftwagen in den Sinn gekommen waren.
    "Ein Buch?" Mesmer zog die Augenbraue hoch.
    "Ein Manuskript", korrigierte sich Wells. "Ein Rohentwurf."
    Mesmer nickte. "Der Titel?"
    Wells starrte auf das Deckblatt. Eilig hatte er die Zeile Blick auf Morgen hingekritzelt. Es war nicht einmal ein Arbeitstitel, bestenfalls eine lausige Idee. "Es hat noch keinen Titel."
    Mesmer deutete auf den Buckeligen. "Das ist Jack, einfach nur Jack. Auch wenn Sie es ihm nicht ansehen, er stammt aus gutem Hause, eng verwandt mit der Königsfamilie." Mesmer strich sich über die Augenbraue, eine Geste, die an Arroganz nichts zu wünschen übrig ließ. "Wir haben ihn letztes Jahr bei uns aufgenommen. Sie können ihm ihr Buch, wie Sie es nennen, getrost reichen. Er wird es für Sie verwahren."
    "Vielen Dank, doch ich behalte es bei mir."
    "Wie Sie wünschen. Hüten Sie das Werk eines bedeutenden Schriftstellers." Er winkte abfällig mit der Hand.
    Wells war nicht entgangen, wie geringschätzig Mesmer das Wort Schriftsteller ausgespien hatte. Er schluckte seinen Kommentar hinunter. Noch war er kein Schriftsteller, geschweige denn ein bedeutender. Umso mehr kränkte ihn Mesmers Bemerkung. Im Moment lauschte er noch an der Universität den Vorträgen des Autors Thomas Huxley, doch eines Tages wollte er wie Huxley mit der schreibenden Kunst sein Brot verdienen. Wells stieg von einem Bein aufs andere. "Ich bin bereit."
    "Bereit?", unterbrach ihn Mesmer. "Nur, weil Sie auf Empfehlung eines Gentlemans den Weg hierher gefunden haben, bedeutet das noch lange nicht, dass Sie darauf vorbereitet sind, was Sie jetzt sehen werden. Sie haben nicht die geringste Ahnung, was Sie erwartet ..." Mesmer ließ den Satz unausgesprochen.

    Wells schien nicht beeindruckt. Auch wenn er nicht wusste, was ihn erwartete, so entsetzlich würde es nicht werden. Gewiss hatte er Schlimmeres gesehen.
    "Hüten Sie Ihr Buch und folgen Sie mir." Mesmer schritt voran, Wells folgte ihm. Grunzend schlurfte der Diener hinterher ...

(Februar 2002)

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