Aus der Zeit fallen von David Grossman, 2012, HanserDavid Grossman

Aus der Zeit fallen
(Leseprobe aus: Aus der Zeit fallen, Prosa, 2013, Hanser - Übertragung Anne Birkenhauer).

Chronist der Stadt

Beim gemeinsamen Abendessen kippt das Gesicht des Mannes plötzlich. Mit einem Ruck schiebt er den Teller von sich. Besteckklappern. Er steht auf, steht da, als wisse er nicht, wo er ist. Die Frau zuckt auf ihrem Stuhl zusammen. Sein Blick umkreist sie, hält sich nicht an ihr fest, und sie – schon einmal vom Unglück getroffen – spürt sofort: Da kommt es wieder, es greift schon nach mir, seine kalten Finger auf meinen Lippen. Was ist denn passiert? flüstern ihre Augen, und der Mann schaut sie fassungslos an –

– Ich muss gehn.
– Wohin?
– Zu ihm.
– Wohin?
– Zu ihm, nach dort.
– An den Ort, wo es geschah?
– Nein, nein. Nach dort.
– Was ist das: dort?
– Ich weiß nicht.
– Du machst mir Angst.
– Nur noch einmal kurz ihn sehen.
– Was willst du jetzt noch sehn? Was ist noch übrig?
– Vielleicht kann man dort etwas sehen? Vielleicht sogar mit ihm sprechen?
– Sprechen?! Jetzt öffnen sie die Augen, kommen gleichsam zu sich. Der Mann sagt:
– Das ist doch deine Stimme.
– Sie ist zurück. Und deine auch.
– Ich hab mich so nach deiner Stimme gesehnt.
– Ich dachte schon, … wir würden nie mehr –
– Mehr als nach meiner eignen, hab ich mich nach deiner Stimme gesehnt.
– Aber, sag, was meinst du mit dort? Es gibt keinen solchen Ort. Es gibt kein dort!
– Wenn man hingeht, dann gibt es ein dort.
– Aber man kommt nicht zurück; von dort ist noch keiner zurückgekommen.
– Weil nur Tote hingegangen sind.
– Und, wie willst du gehen?
– Ich gehe lebendig nach dort.
– Und kommst nicht mehr zurück.
– Vielleicht wartet er, dass wir zu ihm kommen.
– Er nicht. Schon fünf Jahre lang immer nur: er nicht, er nicht.
– Vielleicht versteht er nicht, dass wir so leicht auf ihn verzichtet haben, so schnell, in dem Moment, als sie zu uns kamen und uns sagten …
– Schau mich an. Schau in meine Augen. Was soll das? Was tust du uns hier an? Das bin ich, siehst du? Das sind wir. Wir beide. Das ist unser Haus. Unsre Küche. Komm, setz dich. Ich tu dir Suppe auf.

mann

Wie … wie schön ist die Küche
und wie schön der Moment, wo du mir Suppe auftust,
und warm und weich ist es hier,
und Dunst bedeckt das Glas des kalten Fensters.
Vielleicht wegen der langen Jahre des Schweigens
ist seine Stimme heiser, verglimmt zu einem Flüstern. Er nimmt
seinen Blick nicht von ihr. Er schaut sie so sehr an, dass ihre Hand
zittert.

mann

Am schönsten sind deine Arme, rund und weich.
Das Leben ist hier, meine Liebe.
Für einen Moment vergaß ich:
Das Leben ist da, wo du Suppe auftust,
im Lichtkreis.
Gut, dass du mich erinnert hast:
Wir sind hier
und er ist dort,
grenzewig
zwischen hier
und dort.
Für einen Moment vergaß ich,
wir sind hier, und er –
aber so geht es nicht weiter
unmöglich!

frau

Schau mich an.
Nein, nicht mit diesem leeren Blick.
Lass das.
Komm zurück, zu mir, zu uns zurück.
Es ist so leicht, uns zu leugnen,
den Lichtkreis, diese weichen Arme,
und auch den Glauben zu leugnen,
wir seien zurück
im Leben,
und die Zeit lindere ein wenig, trotz allem.

mann

Nein, unmöglich, so geht es nicht weiter,
unmöglich, dass wir
dass die Sonne
die Uhren und die Geschäfte
der Mond
die Pärchen
dass die Bäume in den Alleen grünen
dass Blut in den Adern
dass Frühling und Herbst
dass Menschen ganz arglos
dass es ein »einfach so« gibt, auf der Welt
dass Kinder von andern
dass ihre Wärme und ihr Licht –

frau

Nimm dich in Acht, du sagst Dinge.
Die Weben sind so dünn –

mann

Nachts kamen Leute
mit einer Nachricht im Mund,
sie kamen von weit,
schwiegen ernst
und kosteten sie dabei vielleicht verstohlen
und leckten an ihr.
Fassungslos wie Kinder begriffen sie:
man kann den Tod im Mund halten
wie ein Bonbon aus Gift,
wundersam dagegen gefeit.
Wir öffneten ihnen die Tür, diese hier,
hier standen wir
Schulter an Schulter, du und ich,
und sie
auf der Schwelle
stehen da,
anteilnehmend
gemessen
still
und hauchen uns Totenodem ein.

frau

Furchtbare Stille. Rund herum züngelte kaltes Feuer.
Ich sagte: Ich wusste, heut Nacht würden Sie kommen.
Ich dachte: Also, Tohuwabohu, dann komm!

mann

Von irgendwo, fern, hörte ich dich:
Sie müssen keine Angst haben, sagtest du,
bei seiner Geburt hab ich nicht geschrien,
ich werde auch jetzt nicht schrein.

frau

Unser früheres Leben wuchs in uns
noch ein paar Augenblicke weiter:
Das Sprechen, die Gesichtszüge, die Gesten –

mann und frau

Jetzt versinken wir einen Augenblick lang.
Wir schweigen beide in denselben Worten.
Nicht ihn beweinen wir in diesem Augenblick –
die Melodie des früheren Lebens beweinen wir,
das »einfach so«, die Leichtigkeit,
die Gesichter, noch glatt, ohne Falten.

frau

Doch wir haben einander versprochen,
haben einander geschworen zu sein,
um ihn zu trauern,
uns zu sehnen und zu leben.
Was ist jetzt passiert,
was ist plötzlich passiert, dass du all das zerreißt?

mann

Nach jener Nacht kam ein fremder Mann,
packte mich an der Schulter und sagte:
Rette, was dir blieb.
Kämpfe, versuch zu heilen.
Schau in ihre Augen,
halt dich an ihre Augen,
an ihre Augen, die ganze Zeit,
lass ja nicht los.

frau

Geh nicht zurück nach dort
zu jenen Tagen geh nicht zurück
und wende nicht den Blick –

(...)

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