Eine offene Rechnung von David Grossmann, 2000, Hanser-VerlagDavid Grossman

Eine offene Rechnung
(Leseprobe aus: Eine offene Rechnung, Roman, 2000, Hanser-Verlag)

Ich war zwölf Jahre alt, als sich diese Ereignisse zutrugen. Heute bin ich achtundzwanzig, und noch immer erinnere ich mich an mein Herzklopfen, als ich die näher kommenden Schritte des Kraftprotzes von der medizinischen Fakultät in Heidelberg hörte.
Ich sagte schon, dass ich allein war, das heißt da unter dem Bett. Auf dem Bett nämlich saß Herr Rosental - Heinrich Rosental, siebzig Jahre alt, klein gewachsen und mit einer weißen Haarmähne. Aber unter dem Bett war ich sehr allein. Und ich erinnere mich, dass ich in diesen Sekunden der Einsamkeit und des Wartens noch dachte, dass meine Mutter vielleicht Recht hatte. Vielleicht war es wirklich nicht gut, dass ich keine Freunde hatte und immer allein oder in der Gesellschaft von allen möglichen seltsamen Freunden wie Rosental war. Meine Eltern waren etwas beunruhigt darüber, dass ich weder zu den Pfadfindern noch zu einer anderen Jugendgruppe ging und fast nie an den Klassenabenden teilnahm. Ich hingegen war nur wegen ihrer Sorgen besorgt, denn mit mir selber kam ich gut zurecht. Auch die Leute aus meiner Klasse hatten schon aufgehört, mich zu drängen, ich solle an ihren Aktivitäten teilnehmen - vielleicht, weil sie die Nase voll hatten, vielleicht auch nur, weil es ihnen egal war, ob ich kam oder nicht.
Damit kam ich, wie man so sagt, zurecht. Aber wenn mein Vater am Abend ins Zimmer kam, sich neben mich aufs Bett setzte, mich betrachtete und nichts sagte - das hielt ich schlecht aus. Sogar noch schlechter als die lautstarken Kräche mit meiner Mutter, die mich anschrie und sagte, dass ich mich manchmal wie ein alter Mann verhielte, nicht wie ein Junge mit zwölf. Aber meine Mutter kannte Herrn Rosental nicht. In dessen Pass stand zwar, dass er im Jahre 1896 geboren war, aber er war energisch und lebhaft wie ein Zwanzigjähriger und behauptete, mit siebzig fange das richtige Leben erst an.
Herrn Rosental lernte ich am Anfang des Schuljahres kennen. Unsere Lehrerin teilte uns in "Freiwillige Hilfsgruppen" ein, und unter den Aktivitäten, die sie vorschlug, gab es auch die Möglichkeit, sich um einen alten Menschen zu kümmern und ihm behilflich zu sein.
Als meine Mutter hörte, dass ich mir aus der Fülle der Angebote an freiwilligen Hilfeleistungen ausgerechnet die "Adoption" eines alten Menschen ausgesucht hatte und ihm zweimal in der Woche Gesellschaft leisten sollte, sagte sie nur: "Und was?" Ihr, die ihr sie noch nicht kennt, müsst verstehen, dass dieses "Und was?" nur die Abkürzung des folgenden Satzes war: "Und was habt ihr gedacht? Statt dass er sich Freunde in seinem Alter sucht, statt dass er Fußball spielt und Sport treibt, statt dass er seine Bücher und sein blödes Kaninchen mal sein lässt, nein, statt alledem geht er hin und sucht sich einen Freund von siebzig Jahren. Und ich bin sicher, dass er das nur tut, um mich zu ärgern." Das ist die volle, ungekürzte und unveränderte Bedeutung dieses "Und was?" meiner Mutter. Ihr müsst zugeben, dass es viel sparsamer ist, einfach "Und was?" zu sagen, statt eine ganze Rede zu halten. Aber es half ihr nichts, ich schloss mich der Gruppe von drei weiteren Schülern an, und wir fuhren zum Altersheim, das man auch "Seniorenheim" nennt und das sich in Beit-Hakerem in Jerusalem befindet.
Dazu möchte ich etwas sagen.
Ich weiß, dass es Kinder und Jugendliche gibt, die alte Leute nicht leiden können. Die sagen, dass alte Leute manchmal unangenehm riechen, oder dass ihre Gesichter voller Falten sind, oder dass sie einem einfach auf die Nerven gehen, weil sie so langsam sind. Man kann das aber auch so sehen: Es gibt solche vernachlässigten alten Leute, aber doch nur deshalb, weil jemand sie vernachlässigt. Weil keiner für sie sorgt und sie liebt. Das ist ganz einfach, wie eine Grundregel in der Grammatik: Wenn man jemanden verlässt, ist er verlassen. So ist das.
Diese Dinge habe ich mir nicht selbst ausgedacht; ich hörte sie viele Male von den Leuten im Altersheim, wenn ich bei ihnen saß und mit ihnen redete, während ich auf Rosental wartete. Viele von ihnen hatten vorher Familie und Freunde und Arbeitskollegen gehabt, aber von dem Moment an, als sie ins Altersheim gekommen waren, war es, als wären sie von allen vergessen. Es gab dort alte Leute, die sogar von ihren eigenen Kindern nicht mehr besucht wurden. Ich könnte viel über dieses Thema sagen, aber nicht jetzt. Denn jetzt kann man schon deutlich die schweren Schritte vor Rosentals Zimmer hören.
Das Geräusch dieser Schritte mischte sich mit dem Klopfen des Blutes in meinen Adern.
Aus meinem besonderen Blickwinkel konnte ich sehen, wie Rosentals dünne Beine in seinen Hosen zitterten, und ich wusste, dass auch er Angst hatte, obwohl er mir gegenüber heute schon mindestens siebenmal ausdrücklich betont hatte, er zittere nur vor einer schrecklichen, kaum zu beherrschenden Wut. Aber mindestens siebzehnmal hatte er mir erzählt, dass dieser Kraftprotz von der medizinischen Fakultät Schuhgröße 47 hatte und beim Scheibenschießen mit dem Revolver Sieger der Heidelberger Universität gewesen war. Und dass er mit einer Hand alle zwölf Bände der deutschen Enzyklopädie für Medizin aufheben konnte. Und dass er einmal fünf deutschen Studenten die Zähne ausgeschlagen hatte, als sie beleidigende Bemerkungen gegen Juden gemacht hatten.
Noch etliche solcher heldenhaften und schaurigen Geschichten hatte Rosental mir im Laufe des Tages erzählt. Und nach jeder Geschichte hatte er schwer geatmet und sein Gesicht unter dem weißen Haarschopf war sehr rot geworden. Dann hatte er sich mit der Faust in die Hand geschlagen und mit einem starken deutschen Akzent gesagt: "Er soll sich nur trauen und hierher kommen, ich werde ihm eine Lektion in Drohungen und Beleidigungen verpassen! Mich nennt er einen Dieb, dieser ungehobelte Klotz, dieser ungebildete Kerl, mich? Er soll nur kommen, ich werde ihm diese gemeine Frechheit schon austreiben!"
Das hörte sich etwas seltsam an, denn Herr Rosental war dünn und klein wie ein Kind, und obwohl er sehr sportlich war und jeden Tag im geheizten Hallenbad der Universität schwimmen ging, und obwohl er mich immer verspottete, der einzige Sport, den ich treibe, wäre das Blinzeln mit den Augen, wenn ich beim Lesen eine Seite umblättere - trotz alledem hatte ich das dumpfe Gefühl, dass im Falle eines Kampfes zwischen "meinem" Alten und dem Champion im Freistilstemmen von Enzyklopädien Rosental keine großen Chancen hätte.
Als ich das ganz vorsichtig andeutete, kicherte er nervös und sagte spöttisch, wenn ich Angst hätte, sollte ich doch gleich heimgehen oder im Korridor warten, bis der schreckliche Kampf vorbei wäre, und ihm dann helfen, den Kraftprotz hinauszurollen oder, besser gesagt, seine kläglichen Überreste. Er sprach mit einem so bitteren Spott zu mir, dass ich verstand, wie sehr er sich fürchtete. Deshalb sagte ich klipp und klar, ich würde bei ihm bleiben, egal, was passieren würde.
Ohne ein Wort zu sagen kam er zu mir und drückte mir die Hand. Ich sah, wie er die Lippen zusammenpresste, und das war ein Zeichen dafür, wie bewegt er war. Dann folgte ein kurzes Schweigen, in dem aus der Berührung unserer Handflächen Kraft, Freundschaft und feste Entschlossenheit erwuchs.
Aber als sich unsere Hände trennten, wurde ich wieder von der Angst gepackt. Ich sah, dass auch Rosentals Schultern etwas zusammensackten. Und dann fing er damit an, dass er mich überhaupt nicht in so eine üble Angelegenheit hineinziehen dürfe, wer wüsste denn, wie alles ausginge, besonders, wenn es sich um so einen wirklich ungehobelten Klotz wie Rudi Schwarz handelte, und es wäre tatsächlich besser, wenn ich nach Hause ginge.
Ich hingegen sagte, darüber brauchten wir gar nicht zu reden, ich würde nämlich bleiben. Denn nach der Beschreibung des Kraftprotzes und dem zu urteilen, was sich aus dem seltsamen Drohbrief folgern ließ, den er Rosental geschrieben hatte, wäre es ein Verrat meinerseits gewesen, wenn ich ihn mit diesem Kerl allein gelassen hätte. Nicht, dass ich so stark gewesen wäre - im Gegenteil. Aber so wären wir wenigstens zwei gegen einen, und die Chancen würden sich verdoppeln, dass einer von uns am Leben bliebe, um die Geschichte des Kampfes kommenden Generationen zu erzählen. Oder besser gesagt, der vorhergehenden Generation, das heißt meiner Mutter und meinem Vater.
Und so gelangten wir zu dem ausgeklügelten Plan: Ich würde mich unter dem Bett verstecken, bis die üblen Absichten des Kraftprotzes aus Heidelberg klar wären, und dann würde ich von meinem Versteck aus den Bösewicht angreifen und vernichten oder ihm wenigstens einen Fußtritt versetzen.
Ich habe gesagt: "bis die üblen Absichten klar wären". Die Absichten des Kerls waren aber sehr klar und standen mehr als deutlich in dem Brief, der an diesem Morgen im Altersheim angekommen und Rosental übergeben worden war.
Dieser Brief lag nun auf dem Tisch und lautete folgendermaßen:

"Sie abscheulicher und schamloser Dieb! Wenn Sie mir bis heute Abend um sieben Uhr ihren Mund nicht zurückgeben, werde ich kommen und ihn mir holen, um jeden Preis."

Ganz unten auf der Seite stand mit roter Tinte, die mir einen seltsamen Schauer über den Rücken laufen ließ:

"Ehre oder Tod."

Unterschrieben war der Brief mit Rudi Schwarz.

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