|
|
Zu weit draußen
(Leseprobe aus: Zu weit draußen, Roman,
2005, Eichborn)
Heute ist der letzte Tag, dachte ich, als wir im hellen Morgen der Sahara unsere Zelte abbrachen. Noch brannte die Sonne nicht, noch flirrten die steinernen Berge am Horizont nicht. Ich saß am Stamm einer verkrüppelten Akazie, trank den Milchkaffee, den die Tuareg uns anboten, und aß ein Stück Weißbrot. Als ich mir die erste Zigarette des Tages anzündete, nahm ich ein Foto meiner beiden Kinder hervor, das sechs Tage lang zwischen den Seiten meines Notizbuches gelegen hatte. Phil und Marlene standen vor unserem Hauseingang und hielten einander an den Händen. Ich hatte von ihnen geträumt. Die Nacht war so still gewesen, wie ich noch keine erlebt hatte, und im Traum war ich mit ihnen auf dem Rücken über die Wüste geflogen. Nun kam ein leichter Wind auf, ich nickte den beiden zu, verstaute das Foto wieder im Notizbuch und streckte meinen Körper. Die Tuareg beluden bereits die Jeeps für die Fahrt zurück zur Oase Djanet. Ich war neunundzwanzig Jahre alt und als Reisejournalist im Auftrag einer Frankfurter Zeitung für eine Woche im südlichen Algerien unterwegs. Zu meiner Reisegruppe gehörten vor allem Journalisten, auch Archäologen, Künstler und Mitarbeiter von Reisebüros. Ein letzter Ausflug stand noch bevor, eine Führung zu alten Felszeichnungen im Tassili-Plateau.
Meinen Kindern hatte ich versprochen, nicht lange fortzubleiben. Jetzt wuchs mein Unbehagen vor der Rückkehr nach Berlin, in die kleine Arbeitswohnung, die am Rande einer Autowerkstatt lag. Die Wohnung hatte ich erst vor wenigen Monaten bezogen. Meine Frau und ich erhofften uns von getrennten Wohnungen eine Besserung, aber wir stritten uns dennoch. Wir stritten um fehlende Socken der Kinder, um freie Abende und darum, wer schuld sei am Auseinanderbrechen unserer Familie. Ich mochte die kleine Arbeitswohnung nicht, vor der tagsüber türkische Männer am Auspuff ihrer Autos bastelten. Nachts lag ich dort bis zum Morgengrauen wach und ließ mir noch einmal die Vorwürfe von Kattrin durch den Kopf gehen und meine hilflosen Erwiderungen, während neben mir die Heizungsrohre knackten.
In den letzten Tagen hatte ich kaum an Berlin gedacht, ich war glücklich gewesen, mit den anderen Leuten der Reisegruppe durch die endlose Wüste zu fahren. Unterwegs hatte ich mich mit Martin angefreundet, einem Dokumentarfilmer, der ebenfalls in Trennung von seiner Frau lebte und mit ihr eine kleine Tochter hatte. Er freute sich auf die Rückkehr nach Freiburg. Die Hubschrauber standen bereit, als wir in der Mittagshitze am Flugplatz der Oase anlangten, es waren zwei große russische Militärmaschinen, die einen robusten Eindruck machten. Die Piloten rückten ihre Sonnenbrillen zurecht, hießen die Reisegruppe einsteigen und ließen die mächtigen Rotoren anlaufen. Dröhnend hoben die Maschinen vom Boden ab. Der Flug dauerte eine Viertelstunde, während der die Wüste unter uns hinzog - Stein und Sand, weitgeschwungene Dünen, hingebuckelte Felsen und schließlich das jäh aufsteigende Gebirge. Ich saß inmitten der anderen Reisenden und roch den herben Benzingeruch des Innenraums. Wir hockten auf Zusatztanks, die für die großen Entfernungen in der Wüste benötigt wurden. Auf meiner Stirn schälte sich ein Sonnenbrand, der in der unaufhörlichen Hitze mehr und mehr schmerzte. Ich hätte gern eine Zigarette geraucht. Niemand redete ein Wort, wir hatten uns in den vergangenen Tagen angewöhnt, die Gespräche für den Abend aufzuheben. Wir atmeten auf, als der Hubschrauber landete und wir in einer kühlen Felshöhle Zuflucht fanden, in der wir auf die Ankunft des zweiten Hubschraubers warteten.
Drei Stunden dauerte unsere Wanderung in der Mittagsglut. Der Patriarch der Oase Djanet, ein ausgemergelter Targi mit Hakennase, war einer der wenigen, die wußten, wo die versteckten Felszeichnungen zu finden waren. Er führte uns von Höhle zu Höhle, über Steinquader und schmale Pfade, aus dem Schatten einer zerklüfteten Felswand in die vor Hitze flirrende Luft. In Felsüberhängen und Grotten versammelten wir uns vor den Zeichnungen, die vor zehntausend Jahren in die Steinwände gekratzt worden waren. Die Stimme des Patriarchen drang durch seinen blauen Gesichtsschleier, als er die Figuren erklärte. Stumm betrachteten wir die Elefanten, Nashörner und Flußpferde, deren Gestalten mit sanftem Schwung geritzt waren, die Gazellen und Giraffen aus einer Vorzeit, als hier ein feuchtheißes Klima herrschte, das Olivenbäume, Eichen und Oleander hervorgebracht hatte. Die Künstler jener Zeit hatten die Menschen als winzige Geschöpfe mit kargen Strichen gezeichnet, als Jäger mit Pfeil und Bogen, mit Wurfkeil und Speer. Ich bewunderte den Trotz der Bildnisse, die die Jahrtausende überdauert hatten. Aber wir konnten nie lange vor einer Zeichnung stehen bleiben, schon rief uns der Patriarch zur nächsten Stelle. Schließlich erreichten wir, erschöpft von der Wanderung, erneut die Hochebene, auf der die Hubschrauber uns abgesetzt hatten und wieder abholen würden. Wir fanden eine schattige Höhle und ließen die Wasserflaschen reihum gehen. Ein Pochen am Horizont versprach bereits die Ankunft der Maschinen.
Rezension I Buchbestellung I home 0I07 © LYRIKwelt