Plötzlich ging alles ganz schnell von Jörg W. Gronius, 2007, Weidle

Jörg W. Gronius

Plötzlich ging alles ganz schnell
(Leseprobe aus: Plötzlich ging alles ganz schnell, Roman, 2007, Weidle-Verlag)

Ich ging zu John Glet. John Glet am Mehringdamm. Den Spezialisten für Berufskleidung hatte ich immer bewundert, gerne und lange vor den Schaufenstern gestanden. Berufskleidung. Kleidung rein zweckmäßig. Keine Mode, keine Farben, kein Schnickschnack. Design nach Vorschrift. Kellner weiß, Schornsteinfeger schwarz, Klempner blau. Bei John Glet am Mehringdamm kaufte ich eine Klempnerjacke. »Viel zu groß«, sagte der Verkäufer. »Genau«, sagte ich und ließ mir die Klempnerjacke einpacken. Zu Hause zog ich sie über. Angenehm locker hing sie über meine Schultern. In die Schlaufe der äußeren linken Brusttasche steckte ich den TK-Druckstift B4 aus der Zeit meines Zeichnens, kuckte in den Spiegel und dachte: »Brecht«.

Jetzt mußte ich nur noch mein Theater gründen. Ich rief Johannes an. Wir verabredeten uns zu einem Frühstück mit Thunfisch, Schrippen und Braunbier am Fuß der Rixdorfer Höhe. Ich dachte nicht mehr in Adressen. Ich dachte in geographischen Strukturen, in landschaftlichen Dimensionen, mythischen Horizonten. Die Rixdorfer Straße, dahinter die Dardanellen, das Schwarze Meer. Orpheus.

Die Rixdorfer Straße war die Einöde von Thrakien. Ich klingelte vor dem armseligen Balkon aus Eternit. Johannes öffnete und strahlte. Meine Klempnerjacke machte Eindruck. »Die Brechtjoppe«, sagte er bewundernd. »Na ja«, sagte ich. Johannes schüttete aus einer Plastikdose Wachsmotten in sein Terrarium. »Wir gründen ein Theater«, sagte er, noch bevor wir das Frühstück begonnen hatten. »Genau«, sagte ich. Johannes öffnete eine Flasche Braunbier, schenkte ein und sagte: »Wir brauchen einen Raum«. Wie in einem Chor riefen wir beide: »Einen leeren Raum.«

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