Vom neuen Erzählen
(aus: Vom neuen Erzählen von Walter Grond, 2001, Haymon-Verlag)
GROND: Für einen
Gegenwartsmenschen kommt die Erzählung wieder, wobei er natürlich darüber Bescheid
weiß, welche Brüche das Subjekt erfahren hat.
KARAHASAN: Ganz genau. Seit jeher behaupte ich, daß einer der dümmsten Irrtümer der
Moderne die Behauptung ist, die Literatur sei zwecklos. Meine Literatur ist auf keinen
Fall zwecklos. Meine Literatur hat die Form, das Material, den Inhalt und den Zweck. Meine
Literatur will auch belehren, will auch amüsieren, will die Langeweile vertreiben. Die
Langeweile ist eine ästhetische Kategorie par excellence. Woher nimmst du, Herr
Künstler, das Recht, meine Zeit in Anspruch zu nehmen? Die Kunst muß vor allem ein
Dialog sein.
Indem du schreibst, hast du den Sinn im allgemeinen und einen Gesprächspartner in
Anspruch genommen. Du mußt also durch dein Schreiben zum einen die Möglichkeit des
Sinns, der Bedeutung verteidigen, zum anderen selbstverständlich etwas deinem
Gesprächspartner mitteilen. Du mußt seine Aufmerksamkeit wecken.
GROND: Noch eine weitere Übereinstimmung zwischen der Popgeneration und Dir besteht
das Konzept der Originalität.
KARAHASAN: Das ist uns gemeinsam. Vor zwanzig Jahren kostete es mich ziemlich viel Mühe,
meinen Studenten abzuraten, eigene Originalität zu demonstrieren. Ich tat das, indem ich
erzählte, daß wir zur Originalität verurteilt worden sind. Kein Mensch kann dem Wort
Garten in meiner Form, auf meine Art und mit meinen geistigen Bildern einen Inhalt geben.
So sehr wir uns auch bemühen, bleiben wir leider oder Gott sei Dank originell,
eigenartig, einzigartig, unwiederholbar.
GROND: Aber gerade deshalb dürfen wir keineswegs originell sein wollen. Der Plot gewinnt
wieder an Bedeutung, während die Selbstinszenierung des Autors Gähnen verbreitet ...
KARAHASAN: In meinen Romanen gibt es keinen einzigen Satz, der von mir käme. Alles kommt
von einer der Figuren. Ich selbst schweige. Hätte ich versucht, jemals mich darzustellen,
wäre ich viel weniger klar. Originalität besteht u. a. in der Auswahl der Zitate ...
GROND: Im Sampeln der schönsten und klarsten Läufe ...
KARAHASAN: Vor zwanzig Jahren war es wirklich qualvoll, das meinen Studenten zu
vermitteln. Heute betrachten sie es als Selbstverständlichkeit.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Haymon-Verlag