Walpurgistag von Annett Gröschner, 2011, DVAAnnett Gröschner

Walpurgistag
(Leseprobe aus:
Walpurgistag, Roman, 2011, DVA).

Vorspiel: Alex umrundet die Welt und wird in Höhe Ostgrönland von einer Doppelstreife belästigt

Auf dem Brunnenrand liegen eine Barbiepuppe ohne Kopf, drei lederne Brieftaschen ohne Inhalt, der Schwanz einer Ratte und die Zeitung von morgen, die einer schon ausgelesen hat. »Mai – Erleben wir den Gipfel der Gewalt?«, steht groß auf der ersten Seite.

Ich krame weiter in den Tiefen meines Rucksacks und finde den blutig verschmierten Kopf einer Barbie, aber nicht meinen Schal. Der Alexanderplatz ist ein Kältepol. Nur Herumlaufen wämt. Schon zehnmal habe ich den Weg vom Brunnen bis zur Weltzeituhr zurückgelegt. Ich weiß jetzt, wie spät es in Phnom Penh ist und welche Zeit die Armbanduhren der Moskauer anzeigen. Mich befällt der Wunsch, in das Zeitgefühle der Welt einzugreifen. Mit großer Geste die Planeten anzuhalten oder die Uhren um einen Tag vorzustellen. Vielleicht wüde ich mich daran aufwärmen könen. Den ganzen Winter über habe ich nicht so gefroren wie heute Nacht. Also wieder von vorn. Der Weg ist das Ziel, der Weg ist ein Spiel. Ich achte dieses Mal streng darauf, beim Gehen nicht auf die Ritzen der Gehwegplatten zu treten. Und suche dabei nach Säzen, die rhythmisch zu meinen Schritten passen.

Lie-ber A-lex-an-der-platz, schenk mir ei-nen gu-ten Satz. Der Alexanderplatz schweigt. Ich blicke mich um und finde »Richtig leben. Ab jetzt könen Sie es!« am Schaufenster der Sparkasse.

Richtig leben. Ausgerechnet die müssen mir das sagen. Dieser Satz lässt sich nicht gut erlaufen. Zwischen »Leben« und »Jetzt« stockt der Schritt. Wahrscheinlich sehe ich bei diesem Satz aus wie ein Storch, der durch den Salat stakst.

(...)

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