Der Russe ist einer, der Birken liebt von Olga Grjasnowa, 2011, Hanser

Olga Grjasnowa

Der Russe ist einer, der Birken liebt
(Leseprobe aus: Der Russe ist einer, der Birken liebt, Roman, 2011, Hanser).

I.

Ich wartete am Ben-Gurion-Flughafen unter bunten

Luftballons, die an der Decke klebten. Ich las die Anzeigetafel,

aß ein Sandwich, beobachtete Menschen, die sich ratlos

umsahen, Soldaten, russische Großmütter, orthodoxe

Juden und arabische Großfamilien. An der Schleuse zur

Ankunftshalle war eine Mesusa angebracht, viele der Ankommenden

küssten sie, indem sie die Fingerspitzen ihrer

rechten Hand an die Mesusa führten und dann zum Mund.

In den meisten Gesichtern waren Freude und große Erwartungen

zu lesen. Immer wieder liefen zwei Menschen aufeinander

zu, umarmten sich, ließen voneinander ab, musterten

das Gesicht des anderen, als versuchten sie, die verlorene

Zeit wettzumachen. Neben mir fiel ein Ultraorthodoxer im

schwarzen Anzug und mit einem breitkrempigen Hut auf

die Knie und küsste den Boden, eine junge Frau, die einen

kleinen Jungen im Arm hielt, wurde von einem älteren

Mann abgeholt, der Junge schrie und trat um sich, als dieser

ihn berühren wollte. Eine ältere Frau redete energisch auf

ihren Enkel ein, in der Flughafenhalle vermischten sich die

Sprachmelodien zu einem Klangteppich: Russisch, Hebräisch,

Englisch, Italienisch und Arabisch. Über die Lautsprecher

mahnte eine tiefe Frauenstimme immer wieder, das

Gepäck nicht aus den Augen zu lassen, und fügte hinzu:

»It’s prohibited to carry weapons in all the terminal halls.«

Mein Computer war vor einer Viertelstunde erschossen

worden, und ich wartete nun auf die Bestätigungsformulare,

die mich dazu berechtigen würden, einen Antrag auf

eine Kompensationszahlung seitens des Staates Israel zu

stellen.

Es hatte mit der Passkontrolle angefangen. Ich wurde nach

meinen Namen gefragt.

»Maria Kogan.«

»Ausgerechnet Maria.«

Ich zuckte mit den Schultern und sagte: »Der Name

hatte meiner Mutter gefallen. Mascha.«

»Was für eine Mascha?«

»Mein Kosename.«

Er machte einen Vermerk in eines seiner Formulare und

studierte eingehend mein Arbeitsvisum.

Weshalb ich gekommen sei.

»Um zu trauern.«

Ein weiterer Vermerk.

»Wie lange wollen Sie bleiben?«

»So lange wie möglich.«

»Ist es wirklich Ihr Computer?« Er betrachtete missmutig

die Aufkleber mit den arabischen Schriftzeichen auf

meiner Tastatur.

»Ja.«

»Sie interessieren sich wohl für unsere Nachbarn? Darf

ich mit Ihrem Computer einen kleinen Test machen?«,

sagte er grinsend und ging mit meinem Computer fort.

(...)

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