Wilma von Evelyn Grill, 2007, Residenz

Evelyn Grill

Wilma
(Leseprobe aus: Wilma, Roman, 1994, Suhrkamp/2007, Residenz)

Ihrem nackten Körper begegnet Wilma im wandhohen
Spiegel des Schlafzimmers. Sie klatscht auf
die Brüste, knetet die massigen Schenkel, streicht
über die Hüften, hüpft mit ihren Fingern über den
Bauch, kerbt die Fingernägel ins Fleisch, läßt los
und beugt sich über die halbmondigen Zeichnungen,
kratzt um den Nabel herum, der faltig nach
außen gestülpt ist, und bläst schnaubend über die
Härchen auf ihren Armen.
Später zieht sie sich an. Ob Sommer oder Winter,
immer trägt sie mehrere Unterhosen, Baumwolleibchen,
Unterröcke, Blusen und Überröcke.
Sie ist allein und setzt sich in den Lehnsessel
im Wohnzimmer. Sie hört vertraute Geräusche,
Schritte auf der Holztreppe. Gleich wird sich die
Tür öffnen und Agnes wird hereinkommen.
Die Frau ruft Wilma beim Namen und Wilma
rührt sich, reckt sich wie eine Henne mit aufgeplusterten
Federn, duckt sich wieder, legt den Kopf
schief, stemmt sich schließlich aus dem Sitz hoch
und schiebt auf sie zu wie Geröll.
Agnes schaut auf und blickt in Wilmas schläfrige
Augen. »Wilma«, sagt sie, »Wilma, ich bin
da.« Sie hebt die Hände mit den geschlossenen
Töpfen dem Mädchen entgegen. »Ich habe etwas
zum Essen mitgebracht.
« Wilmas Kopf beginnt auf dem kurzen Hals zu zittern.
Wilma macht nach dem Essen ihren Spaziergang.
Als sie auf die Gasse tritt, schlägt ihr die Julihitze
entgegen. Unter den zahlreichen Stoffschichten
erwärmt sich ihr Körper. Wilmas Weg führt an
der Bäckerei vorbei. In der Auslage locken mehlbestäubte
Brotlaibe, honigfarbenes Kleingebäck und
mit Zucker glasierte Kipfeln. Sie preßt ihre Stirn
an die Fensterscheibe. Wotan, der schwarze Schäferrüde
des Bäckers, schießt auf sie zu und stößt
ihr seine Schnauze unter die Röcke. Wilmas Auf -
heulen schrillt den Besitzer herbei, der den Hund
zurückpfeift. Sie kreuzt die Arme über der Brust
und haspelt rasch an dem Mann und dem Hund,
der sich nun winselnd an die Waden seines Herrn
drückt, vorbei. Lötsch summt leise und nachdenklich
hinter dem Mädchen her. Außer Atem erreicht
sie den Marktplatz. Nun glüht sie vor Hitze, und
die Nähte der Kleidungsstücke brennen wie spitze
Flämmchen auf ihrer Haut. Ihre dicken Beine
spreizen sich. Über den Dorfplatz wälzt sie ihren
Körper wie ein Faß.

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