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aus: Die Versöhnung
Es war der Abend der letzten
Abschiedsparty für meinen Vater.
So habe ich es jedenfalls in Erinnerung.
Meine Hausaufgaben lagen ausgebreitet vor mir auf dem Küchentisch. Die drei,
die inzwischen seit zwei Stunden aus dem Restaurant zurück waren, wurden im
Wohnzimmer immer ausgelassener. Sie wieherten vor Lachen, und ihre nervtötende
Musik war zu laut aufgedreht, und sie unterhielten sich lautstark über sie
hinweg und hörten einander gar nicht zu. Ich hasste es, wenn sie sich so
benahmen. Ich hasste dieses heruntergekommene gemietete Haus. Ich hasste die
grellbunten Schulbücher auf dem Küchentisch vor mir mit ihren Cartoons junger
Leute, die Sport trieben, flirteten und idiotisch lächelten und mit denen ich
mich identifizieren sollte. Mir war gar nicht nach Lächeln zu Mute. Mein Vater
würde in zehn Stunden nach Afrika fliegen. Er würde monatelang an irgendeinem
wilden und abgelegenen Ort sein, wo Männer mit Speeren jagten und die Sonne
erbarmungslos auf verdorrtes Buschland herunterbrannte. Und er würde mich nicht
mitnehmen. Ich war dreizehn. Ich hielt es für durchaus wahrscheinlich, dass ich
nie wieder lächeln würde.
Die Musik war zu Ende, und Anthony rappelte sich auf die Füße. Seine plumpe
Pinguingestalt füllte den ganzen Türspalt aus, durch den ich sehen konnte. Er
konnte noch keine vierzig sein, aber er kleidete sich trotzdem richtig
altmodisch — zerknitterter Nadelstreifenanzug mit Einstecktuch.
Er erhob sein Glas. «Auf Duncan.»
Seine Stimme war volltönend, so wie sie es immer nach ein paar Brandys wurde.
Ich konnte meinen Vater beinahe hören, wie er ihn nachäffte. Er war ein
hervorragender Imitator und verschonte niemanden, am allerwenigsten seinen
ältesten Freund.
«Auf Duncan», sagte Anthony noch einmal feierlich und zwinkerte wie eine Eule.
Ich knallte mein Buch zu, in der Hoffnung, sie würden es hören und es würde
ihre blöde Party stören. Meine Mutter starrte mich unter Anthonys erhobenem
Arm hervor an. In diesem Blick lag etwas Feindliches. Auch sie würde meinen
Vater in ein paar Stunden verlieren, und sie war nicht gewillt, mir diese
Stunden abzutreten. Sie wandte sich um, und der Trink-spruch wurde, begleitet
vom Klirren der Gläser und weiterem Gelächter, wiederholt, und mit einem Mal
war die Party zu Ende. Einen Augenblick später kamen sie auf ihrem Weg zur
Hintertür in die Küche gepoltert, laut und erhitzt und von dem helleren Licht
geblendet.
Anthony strahlte hinter seinen Brillengläsern, nahm aber zu keinem wirklich
Blickkontakt auf. Er schlüpfte unbeholfen in seinen Mantel, seine Bewegungen
alle ein bisschen zu weit ausholend. Ich wusste, dass er trotz der
Ausgelassenheit traurig war über den Abschied. Es gab Zeiten, da fand ich
Anthony lächerlich, aber er tat sein Bestes, mir ein Freund zu sein, wenn mein
Vater fort war, und jetzt verspürte ich einen Anflug von
Zusammengehörigkeitsgefühl mit ihm.
«Wir werden schon dafür sorgen, dass es ihnen gut geht, nicht wahr, Michael,
alter Junge?» Anthony berührte zögernd meine Schulter. Er war Junggeselle und
den Umgang mit Kindern nicht gewöhnt. «Deiner Mutter und den Kleinen. Wir
werden anstelle des furchtlosen Abenteurers ein Auge auf sie haben, nicht
wahr?»
Ich gab keine Antwort. Plötzlich war ich den Tränen nahe, und mir war klar,
dass Anthony das wusste.
«Taten, mein Junge», forderte er mich mit dröhnender Stimme in seiner typisch
schroffen Art auf, vielleicht um die Aufmerksamkeit von mir abzulenken. «Genau
das ist nötig, um unseren Geist zu beschäftigen. Kühne Taten!»
Das sagte Anthony häufig, aber seiner Vorstellung von kühnen Taten entsprach
eine Fahrt zur Oper oder ein Ausflug zu irgendeinem Trödelmarkt. Beides übte
keinen großen Reiz auf mich aus. Er stand da und schaute weniger als
irgendjemand sonst, den ich bis dahin kennen gelernt hatte, wie ein Mann aus,
der zu kühnen Taten fähig ist. Aber dann küsste meine Mutter
ihn flüchtig auf die Wange und zog seinen Mantel fürsorglich um ihn, schob ihn
zur Hintertür und sagte ihm, das Taxi würde nicht ewig warten.
Sie riefen sich Auf Wiedersehen zu, und ein Wirbel kalter Luft drang herein, als
die Tür geöffnet wurde, dann eilige Schritte auf dem Weg und ein Auto, das
davonfuhr. Meine Mutter lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür, um sie gegen
den winterlichen Wind zuzudrücken, und rieb sich über ihre nackten Arme, um
sich zu wärmen. Ihr Lächeln erstarrte. Sie schaute mich nicht an. Ihre Augen
waren auf die meines Vaters gerichtet. Er stand gegen die Wand gegenüber
gelehnt, rauchte eine Zigarre, musterte die Knöchel seiner rechten Hand und
betrachtete sie nachdenklich. Ich wusste, dass dies der Augenblick war, vor dem
sie sich gefürchtet hatte, wenn die letzte Ablenkung verschwunden war und sie
ihn klar sah, mit dem klaren Bewusstsein, dass er bald schon wieder fort sein
würde.
«Geh schon hoch, Pat», sagte er, ohne sie anzusehen. «Ich komme gleich
nach.»
Sie ging direkt an ihm vorbei aus der Küche. Sie sagte nichts. Ihr Rücken war
unnatürlich gerade, als sie durch das Wohnzimmer verschwand, und die
Lautstärke und der Rhythmus ihrer Schritte auf der Treppe verrieten eine
unglückliche Eindringlichkeit.
Mein Vater sah mich durch den Rauch seiner Zigarre hin-durch an. Er war hager
und von seiner letzten Reise noch immer braun gebrannt, und dies, sowie die
Zigarre, gab ihm für einen Augenblick das Aussehen eines Outlaws in einem alten
Western. Er zog die Mundwinkel herunter und runzelte die Stirn. Das kannte ich:
Männersolidarität angesichts weiblicher Theatralik. Ich hasste ihn wegen
dieser offensichtlichen taktischen Spielchen, hasste seine Zweideutigkeit und
seine lässige Selbstsicherheit, ja sogar sein gutes Aussehen. Alle sagten, ich
hätte dieses Aussehen geerbt, aber in diesem Augenblick hoffte ich inständig,
das möge nicht stimmen. Ich wollte gar nichts von ihm haben. Ich wusste, dass
seine Sehnsucht fortzukommen größer war als meine, dass er bliebe, und das
hasste ich am allermeisten.
Er schaute auf die Zigarre in seiner Hand, als habe er sie zuvor nicht bemerkt.
«Ich weiß gar nicht, warum ich diese scheußlichen Dinger rauche», sagte er.
«Es ist der verdammte Anthony Gilchrist, der mich dazu verleitet.» Er blickte
sich um, suchte nach einem Aschenbecher, konnte in der Küche keinen finden und
ging wieder ins Wohnzimmer. Offenbar fand er dort einen, denn als er zurückkam,
die Lippen in gespieltem Ekel vor dem Geschmack gespitzt, hatte er die Zigarre
nicht mehr in der Hand. Er zog den Stuhl mir gegenüber zurück und setzte sich.
«Versteh mich doch», sagte er in einem Ton, den er mir gegenüber bisher noch
nie angeschlagen hatte. «Du musst das .begreifen. Es ist mein Job.»
«Du könntest dir, verdammt noch mal, einen anderen Job suchen.» Meine Stimme
klang erstickt. Ich hatte in seiner Anwesenheit noch nie geflucht.
«Ich bin Projektingenieur, Mike», sagte er müde. «Ich muss dahin gehen, wo
die Projekte sind. Das bedeutet ja nicht, dass es mir gefällt, euch
zurückzulassen. Das weißt du doch, nicht wahr?»
«Deb und Paul ist es egal, wenn du fortgehst. Sie sind ja noch klein. In zwei
Tagen haben sie es vergessen.» Ich war erstaunt, mich selbst so reden zu
hören. Mein Gesicht brannte, und meine Stimme schien von irgendwo anders zu
kommen. «Und Mum hat ja die Möglichkeit, dich auf jeder deiner Reisen zu
besuchen.»
«Das sind keine Ferienreisen, Mike. Kein Spaß. Das würde dich langweilen.»
Er langte über den Tisch, zog eines meiner Schulbücher zu sich und blätterte
die Seiten durch, als habe er noch nie ein Wörterbuch gesehen. «Du wirst bald
wieder in der Schule sein», sagte er, um sich selbst zu beruhigen. «Dann ist
alles in Ordnung.»
Ich warf ihm einen wütenden Blick zu und sagte nichts. Es hatte keinen Zweck.
Die Kluft war zu groß. Ich dachte an das graue Internat in den Midlands und
stellte mir im Gegensatz dazu die Welt vor, in die er reiste - heißer Staub,
Fahrten in Allradautos, smaragdgrüne Wälder und kaffeebraune Flüsse. Wie
konnte er nur auf den Gedanken kommen, dass ich lieber mein Leben führte, als
an seinem teilzuhaben? Es hatte keinen Zweck, mit jemandem zu reden, der so
wenig kapierte.
«Haben sie dir jemals etwas über Odysseus beigebracht, Mike?», fragte er
plötzlich und schob das Wörterbuch zur Seite.
«Den von Joyce oder den Griechen?»
Er verzog das Gesicht. «Das war nicht als Quizfrage ge-dacht. Den Griechen.»
«Was ist mit dem?»
«Er hat lange gebraucht, um vom Trojanischen Krieg nach Hause, nach Ithaka,
zurückzusegeln. Neunzehn Jahre. Aber er ist schließlich zu seiner Frau und zu
seinen Kindern zurückgekehrt. Als er bereit dafür war. Als die Götter bereit
waren, ihn zurückkehren zu lassen.»
Ich sagte nichts. Ich hielt den Atem an.
«Ithaka gibt es wirklich», sagte er, wie ich es irgendwie schon vorausgeahnt
hatte. «Es ist eine griechische Insel. Im Ionischen Meer. Ich war immer der
Meinung, es müsse etwas Besonderes sein, dorthin zu reisen.» Er lächelte.
«Vielleicht sollten wir eines Tages alle zusammen dorthin fahren.»
«Wann?», fragte ich hastig.
Von oben drang ein Geräusch herunter, gedämpft und undeutlich. Vielleicht war
ein Ziergegenstand heruntergefallen. Wir beide hörten es, so wie es wohl
beabsichtigt war, ein Signal, so fordernd wie das Zuknallen meines Schulbuchs.
Mein Vater und ich warfen einen Blick zur Decke, dann schauten wir uns an, und
ich wusste in diesem Augenblick, dass wir nie zusam-men nach Ithaka oder sonst
wohin reisen würden. Und von diesem Moment an konnte ich nichts mehr sagen.
Er streckte die Hand aus und drückte mein Handgelenk. «Ich muss mich darauf
verlassen, dass du hier alles zusammenhältst, Mike.» Wieder lag dieser
künstliche Unter-uns-Männern-Tonfall in seiner Stimme. «Ich muss wissen, dass
du dich um alles kümmerst. Dich irgendwie um uns alle kümmerst. Bis ich wieder
zurück bin. Nur für ein paar Monate. Dann sehen wir weiter.»
Ich konnte meine eigene Wut beinahe sehen, die wie Kohle in mir brannte. Aber
mein Vater sah sie nicht. Er ließ mein Handgelenk los, stand auf und lächelte
mich an, als hätten wir soeben alles gelöst. Dann ging er leise durch das
Wohnzimmer, und ich hörte die Treppenstufen unter seinem Gewicht knarren. Als
die Geräusche oben verstummten - laufendes Wasser,
leise zugemachte Türen, der dumpfe Schlag von den Füßen gekickter Schuhe -,
stand ich auf und ging leise ins Wohnzimmer. Ein paar leere Flaschen standen auf
dem Tisch und Gläser mit Rotweinspuren auf den Armlehnen der Sessel. Das Zimmer
stank nach Zigarrenrauch. Vor dem Gaskaminfeuer lag ein aufgeschlagener Atlas
auf dem Boden, zeigte eine leuchtend bunte Landkarte von Afrika. Ich schaltete
das Kaminfeuer und die noch laufende Stereoanlage aus, nahm zwei Gläser und
brachte sie in die Küche, ich stellte sie auf die Spüle und machte dann die
Lichter aus. Lange Zeit stand ich da und lauschte dem Knacken des abkühlenden
Kaminfeuers und dem heftig gegen das Küchenfenster blasenden Wind.
Ich machte die Hintertür auf und trat in die Winterkälte hinaus. Eine wilde
Nacht, eine Nacht für Straßenräuber, mit schwarzen Bäumen, die in den
Vorstadtgärten schwankten, und Schneeregen, der waagrecht zwischen den Häusern
hin-durchfegte. Ich schauderte, aber ich war frei, ich war ein Geist, ein freier
Geist in Nacht und Sturm, ein Teil davon, vielleicht das Herz davon. Ich war von
unbändigem Trotz erfüllt. Mich um sie kümmern? Sollten sie sich doch um sich
selbst kümmern! Ich drehte den Schlüssel hinter mir im Schloss und rannte
blindlings davon, die leere schwarze Straße hinunter.
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