Schwarz
(Leseprobe
aus: SCHWARZ.
Reiseskizzen, 2002 mit Zeichnungen von Carsten Nicolai, Edition Minotaurus)
Oder die Frage: Wie gelangte dieses stolze Schiff mitten in den Regenwald? Offensichtlich
gestrandet,
daran ist abnormes nicht. Dergleichen geschieht und gibt es keine Opfer zu beklagen,
geschieht dergleichen ohne vieles Aufsehen. Aber hier, in einem Dickicht tropischer
Gewächse,
kein Gewässer weit und breit? Welch sirenengepeitschter Sturm sollte einen Dreimaster
hierher verschlagen?
Makellos, der hölzerne Bauch des Schiffes, keine Zeichen äußerer Gewalteinwirkung
oder...
hatten sich die Seefahrer schlicht und ergreifend nur verirrt? (Wie schnell geschieht
dergleichen,
wenn wir tagträumend durch eine Welt wanken, die nicht die unsere ist.) Verfolgten sie
ein außergewöhnlich schönes Tier und erkannten im Fieber der Jagd nicht, wohin die
Fahrt sie trieb?
Was sonst sollte sie getrieben haben zu dieser arg fragwürdigen Tat? Vielleicht war die
Präzision
des Kompasses eher mangelhaft und zeigte, scheinbar unerheblich, bemessen auf die Länge
der Reise eine allerdings nicht zu vernachlässigende Abweichung an vom Kurs? Oder waren
sie am Ende
einfach eingeschlafen? Erschöpft vom ewigen Sturz der Wellen schliefen sie durch, drei
Tage
und drei Nächte lang und erwachten unter grünem Blätterdach? Ach, ein schönes
Erwachen...
Möglicherweise hatte es die Seefahrer aber auch auf eine Tropenexpedition verschlagen.
(Sogar dergleichen hin und wieder geschieht.) Mitten im tiefsten Dickicht befiel sie aber
kohlpechrabenschwarze Sehnsucht nach dem Geist des großen Sees. Und stehenden Fußes,
Knall und Fall, begannen sie mit dem Bau des Schiffes. Was anderes hätte ein Dreimaster
von solch ungeheuerlichen Ausmaßen mitten im Regenwald verloren?
Rezension I Buchbestellung II02 © LYRIKwelt