Tatjana Gregoritsch

Pamphlet, Langgedicht oder Überlegungen zu Camus

1914 - letzter glücklicher Sommer vor dem Großen Krieg,

Touristen vergnügten sich am Wörthersee, in Ischl und in Rovinj.

Nur Wochen später war eine Generation dahin,

Minen, Granaten, Kanonen zerfetzten, was blieb.

Leer das Herz, leer waren die Städte.

2015 Sommerhitze, der Krieg war wieder nach Europa gelangt,

ein biblischer Exodus trübte die Urlaubsidylle, Horrornews am laufenden Band.

Erschrocken waren die Menschen, aufgestört, begriffen allmählich.

Was weit weg an südliche Strände, Kriege an die Ränder der Welt platziert worden war

– das Gesellschaftsmodell hatte lang gut funktioniert –

griff nun herein ins friedliche Leben.

Die Pest nie besiegt, sagte Camus, war aufgebrochen und hatte wie um 1500

Flüchtlingsscharen herauf gewälzt ins nördliche Land.

 

Niemand wollte sie kommen sehen.

Seit Jahren hatten, die über´s Meer, über Land zogen, die kritische Masse

noch nicht erreicht,

in Lager gepfercht, auf Mailands Straßen, in Hütten rund um Calais.

Wer sehen wollte, erkannte, was auf Europa zutrieb in zerbrechlichen Booten.

Nicht das Klima war schuld, in London, Paris und Marseille,

in deutschen Städten, Rom und Palermo quollen die Viertel über,

brannten Quartiere.

No future!

Ach wo!

 

70 Jahre Wohlstand aufgebaut, den lassen wir uns nicht nehmen.

Globalisierung, nur nicht bei uns, wir wollen das Leben genießen.

Wer weiß, wie lange es uns noch gut gehen wird?

Mahner, Kritiker, auf Kassandra mag man nie hören.

Die Jungen wissen nicht was sie wollen.

Arbeit gebe es doch für jeden.

Halt´s Maul Kanake, Kusch Neonazi, solche wie Dich haben wir lange genug gesehen.

Um die Elenden kümmert sich jemand, NGOs sei Dank, eine Spende beruhigt das Gewissen.

Herr Ober, noch ein Bier, ist das Wetter nicht schön?

 

Der IS wird bleiben, Daesh wird bleiben, skandieren jene, die sich von Kultur nicht krastieren lassen.

Männer sind sie, wollen Blut sehen, das Mittelmeer unter dem Halbmond wie ehedem.

Den Propheten wortwörtlich nehmen.

Gegen sie kämpft einer, schon lange kein Kind mehr.

Er ist der 10jährige Bub im Lager, der breitbeinig am Feuer sitzt,

stolz die Kalaschnikov an die Zeltwand gelehnt,

an der Zigarette ziehend, von Ficken und Töten spricht,

er ist ein Mann unter Männern.

 

Palmyra zerstört, den Archäologen ermordet, verkehrt herum aufgehängt haben sie ihn,

das Geschlecht allen zur Schau, davor auf den Boden gesetzt seinen Kopf.

Was bedeuten schon Wissenschaft, alte Kultur, kämpfen muß man!

Wir enthaupten jeden, der sich uns in den Weg stellt,

wir sind die Herren der Straße, fürchtet uns!

Frau, verbirg Dein Gesicht, Dein Körper ist unser,

ein Behälter für zu Gebärende bist Du, nicht mehr.

Untertanen, verbeugt Euch vor dem Kalifen!

Die Welt gehört uns, wir herrschen wieder!

 

Was Zivilisation, was Kultur, für den Kalifen kämpfen wir!

Allah sei Dank, das Reich ersteht neu, wir waren die Größten ums Mittelmeer,

wir werden es wieder sein.

Der IS wird bleiben, wir singen, Allahu akbar.

Dekadenter Westen, was willst Du mit Deinem Gewäsch von Frieden und Kongressen,

Waffen verkauft ihr, doch verweichlicht seid ihr.

Welcher Mann steht auf, kämpft?

Ihr könnt es nicht, redet, nicht Männer seid Ihr, Ungläubige, wir kämpfen, wir kämpfen!

Bis alles in Scherben fällt, Mossul, Aleppo, Damaskus, Bagdad.

Wir kommen, erstürmen Deine Mauern,

es erhebe sich das neue Kalifat!

 

Deine Söhne locken wir mit Abenteuern, Versprechen auf 1.000 Huris im Paradies,

mit Sex, was sonst? Sie kommen aus freiem Willen,

Deine Schwestern holen wir, Deine Töchter!

Deine Mutter mag kochen für uns, Kämpfer brauchen Kraft.

Nicht um Wasser geht es in unserem Krieg, Weizen, Öl, Deine Raffinerien,

wir haben sie schon.

Deine Töchter holen wir, Söhne für den Heiligen Krieg gebären sie uns!

Wer soll sie uns verwehren, Du, Bedeutungsloser?

Was wird bleiben?

Ein vager Mythos vom weißen Mann.

In Syrien ISIS, in Afrika Bokul Haram,

wir leben den uralten Kampf um die Welt.

Frauentanz, Poesie, Mystik, Sufismus, was bringt´s?

Nur Grausamkeit zählt, Bestialität gewinnt, der Stärkere überlebt,

Ihr wagt es, Ihr nennt uns Barbaren? Was wollt Ihr konferieren, Frieden bewahren,

Euren Tod?

 

Der alte Mann hütet Bienen im Garten, bindet Blüten hoch, zieht Gemüse heran,

tötet Schnecken, raubgierige Insekten,

sie kommen in Abertausenden. Sieh, der Tod ist schon da.

Der Professor hütet seine Schätze, streicht über Buchrücken,

Fachartikel mailt er hinaus in die wissenschaftliche Welt.

Was willst Du Deinen Kollegen Neues erzählen? Der Tod ist schon dort.

In letzter Minute Schätze versteckt, Unwiederbringliches ins Ausland geschafft,

Schriften digitalisiert, gespeichert, in Sicherheit gebracht.

Was brauchen wir den alten Kram, die Kriegskasse füllt er, Geld bringt er herein.

Marinetti damals forderte Zukunft, so soll es sein.

Auch wir haben gelernt, den totalen Krieg können auch wir.

Was wollt ihr bewahren? Der Tod holt Euch fort.

 

Vater, küss Deine Töchter, streich ihnen sanft übers das Haar,

wünsche ihnen Liebe und Freude, zu spät, die Realität:

Sie werden dem IS Kämpfer gebären, einen im Jahr, immerfort.

Warum ihre Gedanken mit Lesen und Lernen verwirren, der Mann ist schon dort.

Für ihn bestimmt, ihm zu Willen.

Liebe ist Luxus, Kinder braucht der Staat.

Spar Deinen Zorn, es geschieht, was immer geschieht durch alle Zeit,

Frauen gebären Söhne für den Krieg, Männer sterben im Kampf.

Hitler hat nur geübt, vier Kinder sind nichts, seine Propaganda war Lehrlingswerk.

Hussein ein Dillettant, Bin Laden hat nur spektakulär experimentiert.

Wir singen: Hoch lebe das Kalifat!

 

Der Tod ist kein Meister aus Deutschland, der Tod ist ein Meister des Webs.

Wieder einer der Euren ist unser Propagandaminister,

das Web quillt über: Videos, Predigten, Lieder.

Marketing, wir wissen was zählt.

Deine Söhne selbst arbeiten eifrig und tausendfach,

ein Anstoß genügt, Kreise vergrößern sich, multiplizieren sich jeden Tag.

Eine Technik für den Frieden habt Ihr erschaffen, das Netzwerk des Todes hohnlacht.

Krebsgeschwürmetastasen!

Sie lernen von uns, rascher, noch wirksamer befallen wir das System.

Inkubationszeit verkürzt, Gegenmittel unbekannt, Flächenbrand.

Was wollt ihr uns entgegen setzen,

Mozart, Caritas, Humanität, Euren Jesus?

Den habt Ihr selbst schon lange verbannt.

Ihr nennt uns Barbaren? 

Der IS wird bleiben! Allahu akbar!

 

Flüchtlinge treibt der Kalif vor sich her wie Ameisenschwärme,

ratlos, verzweifelt, wo wollen sie hin?

Sollen sie nur gehen, mit nichts, Mitleidsgeschrei.

Reichsfluchtsteuer nannte es der Lehrling aus Deutschland.

An ihrer Flucht verdiene ich doppelt und dreifach, ich baue meinen Staat.

Europa, sicherer Hafen, grünes Land, für jeden ein Haus,

glückliches Leben auf Deinem Boden.

Millionen wollen dasselbe, das geht sich nicht aus,

lerne rechnen, Du Flüchtiger,

Du glaubst, Du bist die Ausnahme unter Millionen?

Erst, wenn es dort aussieht wie hier,

wird das Pendel zum Stillstand kommen.

Überleg´ es Dir gut, bleib daheim, unterwirf Dich, ertrag den IS,

Du kannst mit Deiner Familie wohnen.

Vielleicht lasse ich Dir Deine Frau, hol´ mir die Söhne dafür.

Ich bin der Kalif, ich bin das Gesetz.

Steinigt sie, sieh zu, in den Staub mit Dir, Elender.

 

Land, was schreist Du nach Grenzen, Du hast sie niedergerissen.

Vor langer Zeit: Die Kaiserin siedelte Wehrbauern an, der Türke kam näher und näher.

Merkel macht heute den Balkan zum „sicheren Drittstaat“.

Zu spät, alle haben sich auf den Weg gemacht,

sie stehen vor Euren Toren.

Kein cultural clash, Kulturschock ist nötig, unterwirfst Du Dich.

No paradise in Europe, nothing free, no house, it was just a lie.

Even the air you breathe you have to pay for, you´re no guest in the house of Germany, nobody wants you, whatever they say

 only for Christians in Czechochslovakia,

only for Hungarians Magyarosz, Hungary, Hungerland.

Fences all over, dogs hunt you, barbed wire, their border is all blood and despair.

Clever bargain for us, your escape´s our business, be honest, you´re clever man, aren´t you?

We took all your money in advance and let you free to go.

An Exodus to die, who cares?

UNHCR?

Fuck off.

 

70 Jahre Frieden wie vor 1914, niemand war auf Krieg eingestellt, ratlos.

 Hunger hast Du, dort Bankomat,  Supermarkt, geh und kauf.

Hört es sich nicht an wie Marie Antoinettes´ „sollen sie doch Kuchen essen“?

Europa hat seine Revolutionen weit hinter sich gelassen,

Kompromisse gefunden, Rechte erkämpft,

von Tradition entbunden ist Neoliberalismus entbrannt.

Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, was sind sie heute tatsächlich wert?

Andere Kulturen sind im Aufstieg, in Barbarei, Hochblüte und Untergang.

Erinnerung an Elend, an Leid, Heimatverlust und Flucht in Datenbanken gebannt.

Die davon noch berichten könnten, sind eben gestorben.

Es hörte sowieso niemand zu.

Sie starren auf ihr Handy, stellen Fotos online, beschweren sich weinerlich,

Shitstorm, Mobbingopfer nennen sie Dich.

Andere Junge helfen begeistert, Gutmensch, who´s the best?

Alte erinnern sich an die Au, sie kämpften um Bäume.

Der Haushalt versammelt sich nicht um den Tisch,

nein um den Bildschirm, groß wie eine Tafel für zehn, Fußball, Ihr wißt was ich meine.

Welches Auto kaufst Du, welcher Style ist in?

Krieg, whats App? Wir tanzen, wir tanzen am Ring, in Wien, in Berlin,

wir tanzen, wir fressen und saufen und ficken solange wir leben.

Was Aids, gibt schon Medikamente dagegen.

Was Hunger, hol Sushi, geh zu McDonalds, bestell Pizza, meinetwegen Kebap.

Daheim wärst Du gern, Ich verstehen, dort Rübe ab.

Friß und sauf, integrier Dich gefälligst, willst Du hier leben.

 

Familie, Frieden, Liebe und Fruchtbarkeit, Gemüt und Literatur,

gibt doch Nationalparks, Universitäten, geschützte Räume,

nett anzusehen, wohnen möchte ich dort nicht, zahl´ meine Steuern dafür.

Kinderlärm Zukunftsmusik, Stöpsel rein, Kopfhörer auf, wackle mit dem Arsch, gib´s mir.

Sollen doch die Kanaken Kinder kriegen, die können es besser, ich fahr ´in den Süden.

Schweinerei, der Strand voller Blut, G´sindel, Leichen im Essen, die Straßen verstopft.

Ich werd´ mich beschweren, Konsumentenschutz,

das ist doch kein Urlaub, hier sieht´s aus wie zu Haus` in Berlin,

warum fahr ich denn weg, ich will die laut Katalog versprochene Idyll´?

 

Der Mann im Cafe ist Tourist wie Du? Im chicen Outfit mit neuem Hemd und Sakko

tippt in sein Handy, der chice Anwalt ist Flüchtling aus Mosul, alles tot, irgendwo.

Nur das, was er am Leib trägt, ist ihm geblieben, mußte fort.

Die Frau am Kai drückt ihre Tochter an sich, Du kaufst ihr ein Eis, sie lächelt so süß,

Flüchtling aus Aleppo, waren nicht die Kreuzritter dort,

Geschichtswissen, das heute keinen mehr schert.

Heute nacht ist der Vater ertrunken, die Mutter spricht kein einziges Wort.

 

Was willst Du tun? Dein Geld für einen einzelnen geben,

viele kleine Scheine an die Kinder verteilen, das unverkaufte Brot

zum Strand bringen, wie es der Bäcker auf Lesbos tut?

Oder in jedem einen potentiellen Terroristen sehen, der morgen die City zerbombt.

Heimfahren, vorerst erleichtert, daß der Krieg noch nicht in Dein Schlafzimmer kommt?

Steig aus dem Flieger, er ist schon dort.

Dir immer voraus, das Leben hinkt hinterdrein.

Auch Du könntest auswandern, in Kanada, Sibirien ist noch viel Platz, ob Putin Dich will?

Noch sind Deine Bequemlichkeit, Deine Komfortzone wichtiger,

noch hast Du keinen Grund zu gehen.

Ist viel übertrieben, sagt einer, glücklich, der Naive, trinkt Kaffee, raucht, hat es fein.

 

Glücklich auch die Mitleidigen, die sich verausgaben, sammeln und helfen,

die den Exodus ganzer Völker nicht sehen.

Was willst Du tun, hungern Deine Kinder, und Du hast nichts zu geben?

80% sind erleichtert, gerettet zu sein vor den Horden.

Analphabeten und Verbrecher beherrschen ihr Land,  sagen sie.

Fachkräfte wollten wir, nun sind sie hier.

Deutschland, freue Dich, mehr Glück als Verstand, 6.000 pro Tag.

Europa kann frisches Blut gebrauchen, es zahlt unsere Pensionen.

Integrieren mußt Du sie nur,

die Menschen aus Basra, Falludscha, Kobane, Palmyra und anderswoher.

Nächstes Jahr kommen noch mehr.

 

Erinnert das an frühere Zeiten, Hamid, Aisha, lernt deutsch und zwar rasch.

20% achten darauf, ihr Gesicht nicht zu zeigen, verweigern den Fingerabdruck.

Sind es Schläfer, die im Sog des Stroms ungesehen mitschwimmen, nie leichter als jetzt in den Norden gelangen, Kontrollen umgehen?

Die Pest ist nie tot, die Lymphbahnen sind das Internet, Camus, erinnere Dich.

Sie schläft nie, erwacht immer stärker, glaubt man sie befriedet.

Die Welt ist ein gewalttätiges Paradies, schrieb der Pole Szypriorski in Ruanda, Uganda.

Waffengeschäfte beleben, der Mensch eine Schrecklichkeit bestätigt Thomas Bernhard.

Der Krieg eine grausame Verirrung, meint Fritz Orter eben.

Nur die Konsequenz aus Testosteron, chemisch betrachtet,

kann man sie auf Fußballplätzen kanalisieren,

Männer wollen kämpfen, es liegt ihnen im Blut, wer bietet dagegen?

 

Bullshit, genug gequatscht vom friedlichen Miteinander,

Blut wollen wir sehen im Namen Allahs.

Die Mentalität des Moslems kannst Du nicht ändern, meint der Freund vom Balkan. 

Immer schon Grenze zwischen West und Ost, Christentum und Morgenland,

blutig zerfetzt, in Stücke gerissen, hält er die Gefahr von uns ab,

seit Jahrhunderten, sonst steht der Türke wieder vor Wien.

 

Niemand verläßt freiwillig Frau und Kinder

und wandert auf Flipflops durch halb Europa.

Wie willst Du Dich entscheiden, auf welche Seite Dich schlagen, mit wem Mitleid haben?

Sei nicht naiv, turbulente Zeiten brechen an, Heerscharen drängen ins Land,

worauf vertrauen?

Mit wem, ist es vorbei, eine neue Welt aufbauen, wird es denn je vorbei sein?

Du Gutmensch, Naiver, Waffen verkaufen sich immer,

Menschen, Schlachtfelder sind das beste Geschäft.

Würde die Friedenszeit währen, optimistisch gedacht.

Der Teufel existiert, erinnern Dich Christen, Yin und Yang die Chinesen,

ist es denn ein ewiger Krieg?

Dem Schlachtruf „, der IS wird bleiben“ hat die Welt was entgegen zu setzen,

Unterwerfung laut Houllebecq oder kämpfen

und - für eine Weile - wieder zu siegen?

Europa zur Bedeutungslosigkeit verdammt, den Untergang des Abendlands

Sagte einer schon vor Jahrzehnten voraus.

Lebe damit, solang es noch geht.

Nach jeder Niederlage kam, wollen wir bei Camus bleiben,

die Pest erneut und gestärkt wieder hervor

aus dem Dunkel der Nacht.

 

Wo bleibt Gott, die übliche Frage, was sagt der Papst?

Du kennst die Welt.

Vertrau oder stirb, Deine Wahl.

 

Ein Lächeln, Hoffnung, arabisch: amal, dem Unheil zum Trotz,

geh ein paar Schritte,

nimm den unbekannten Freund an der Hand, danke, shukran.


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