Der Andere
(Leseprobe aus: Der Andere,
Roman, Hanser-Verlag - Übertragung Gerhard
Heller)
Es lag an jenem Morgen
trotz allem Glück in der Luft. Darüber waren sich alle einig. Was von dem nicht enden
wollenden skandinavischen Winter übrigblieb, die letzten Nebelfetzen, die Kälte in den
schmalen Straßen, verscheuchte jetzt die Sonne, um ihr starkes, grelles Licht über die
Stadt zu schütten. Die Bäume breiteten auf den Steinen den noch zarten, deutlichen
Schatten ihrer Zweige aus, an denen jede Knospe glänzte wie ein Juwel. Am Rand des
großen Hafenbeckens stand eine Reihe alter Häuser, sie blickten auf die fernen Türme
der Stadt mit ihren mandelgrünen Hauben. Im Hafen schlug das streng riechende schwarze
Wasser sanft gegen
die Schiffsleiber, und die Möwen kreischten im blaßblauen Himmel.
Fünfzehn oder zwanzig Leute standen auf dem Kai im Halbkreis um eine Plane herum, die
einen Körper bedeckte. Die Füße lagen frei, der eine trug einen braunen Schuh, der
andere nur einen Strumpf.
Eine junge rotblonde Frau jammerte. Sie hielt einen Mann wie ein Kind an der Hand, er war
klein, und auch er jammerte.
"Irgend jemand hat sie heute nacht ins Wasser gestoßen", sagte die junge Frau
immer wieder. "Sie wollte leben."
"Ach, Marie", sagte der kleine Mann, "sei nicht traurig. Meine Schwester
hat sie geholt und mit sich genommen."
Marie ließ die Hand des Mannes los und rief:
"Sag mir nicht noch einmal, daß sie im Paradies ist, Ib. Du gehst mir auf die
Nerven. Sie ist tot, am Tag nach ihrem Geburtstag ist sie gestorben."
"Es ist die Deutsche", sagte ein bebrillter Herr. "Ich habe sie gleich
erkannt."
"Sie haben nicht das Recht, sie die Deutsche zu nennen", erwiderte Marie heftig.
"Schon lange wurde sie nicht mehr so genannt."
"Sie ist aber sehr oft in den Autos der Nazis gesehen worden", gab der bebrillte
Herr zurück.
"Damals spielte sie die Hochmütige", mischte sich eine alte Dame mit scharfer
Stimme ein. "Wenn ich wie alle Welt zu Fuß ging, fuhr sie an mir vorüber, ohne mich
anzusehen. Und dabei kannte sie mich."
"Sie sind nachtragend", sagte Marie und schob mit kampfeslustiger Gebärde die
Haare aus ihrer Stirn. "Sie hat ihre Strafe gehabt, sie hat dafür bezahlt."
In diesem Augenblick kam ein junger Mann in hellblauem Hemd und weißer Leinenhose auf die
Gruppe der Neugierigen zu, er sah verstört aus. Mit dem Ellbogen bahnte er sich einen Weg
bis zu der Plane. Er hob einen Zipfel hoch.
"Emil!" schrie die junge rotblonde Frau. "Sieh nicht hin. Wenn sie dich
geheiratet hätte, wäre sie sicher nicht tot."
"Sie hat ja nicht gewollt", sagte er und richtete sich wieder auf.
Dann fiel er um.
Inzwischen war der Krankenwagen
gekommen. Der Leichnam der Ertrunkenen wurde mit einer Schnelligkeit aufgeladen, die von
langer Übung zeugte.
"Es passiert immer an der gleichen Stelle", bemerkte einer der Krankenträger.
"Es ist wie verhext."
"Hallo! Die Plane gehört mir", sagte ein alter Seemann in einem roten Sweater.
Während er das schwere Segeltuch zusammenrollte, spritzte Marie dem ohnmächtig
gewordenen jungen Mann Wasser ins Gesicht. Seine schon ein wenig harten Züge ließen
darauf schließen, daß er um die Dreißig sein mußte, aber das kupferbraune Haar lag
struppig über seiner Stirn wie bei einem Schuljungen. Endlich machte er die Augen groß
auf und schüttelte den Kopf, gerade als der Krankenwagen losfuhr.
"Karin", flüsterte er. "Es sah aus, als lächele sie."
"Denk nicht mehr daran", schluchzte Marie unter Tränen.
Mit einem Satz sprang er auf. Die herumstehenden Männer sahen ihn, die Hände in den
Taschen, schweigend an, in ihren Blicken lag Mitleid, aber auch eine Spur von
Geringschätzung. Er bemerkte es wohl.
"Hör auf zu weinen", fuhr er Marie an und klopfte den Staub von seiner Hose.
"Du weinst zuviel, du weinst ja dauernd."
"Wenn du das Fräulein geliebt hast, mein Junge", sagte der Seemann mit der
Plane und ging auf ihn zu, "dann durftest du sie in der Nacht nicht allein
lassen."
"Laß das, Großvater", erwiderte Emil. "In deinem Alter verstehst du von
solchen Sachen nichts mehr."
Der Seemann nahm die Pfeife aus dem Mund. Alle Falten seines Gesichts zogen sich zu einem
Lächeln zusammen, und er setzte zu einer Rede an.
"Mein Junge", sagte er, "als ich so alt war wie du..."
"Komm, Marie", sagte Emil, "wir gehen zu dir, und du machst mir einen
starken Kaffee. Ich habe noch nicht gefrühstückt."
"Oh, ich gehe mit euch", rief Ib, der kleine Mann.
Er wedelte mit den Händen, es wirkte kindlich, obwohl er schon im fortgeschrittenen Alter
war. Sein rundes, fast mondbleiches Gesicht ließ ebenfalls ein gewisses Mißbehagen
aufkommen, denn etwas von unausgegorener Kindheit war darin zu lesen.
"Wer ist das?" wandte sich Emil fragend an Marie, die ihre Tränen abwischte.
"Der Bruder von Fräulein Ott, die im vergangenen Monat gestorben ist."
"Ott!" rief Ib dazwischen. "Sie hat Karin sehr geliebt. Sie sieht uns, das
weiß ich genau."
"Sei still", sagte Marie. "Fang nicht wieder damit an."
"Darf ich mit euch kommen?"
"Ja, wenn du vernünftig bist."
"Schade, daß wir nicht ein Stück von dem großen Kuchen mitnehmen können, der bei
Karin auf dem Tisch steht", sagte er. "Zum Kaffee ist er wirklich gut, und es
muß viel übriggeblieben sein."
Wind war aufgekommen, und die Neugierigen gingen langsam auseinander, wie Zuschauer nach
einer Aufführung. Da, wo vor kurzem der Leichnam gelegen hatte, strahlte jetzt die Sonne
auf die hellen Steine. Marie blickte traurig dort hin. Es war, als wundere sie sich
darüber, daß sie nichts mehr sah.
"Arme Karin, wir haben so oft miteinander geweint."
Sie schob ihren Arm unter Emils Arm, sie lehnte sich fast zärtlich an den jungen Mann.
"Ein hübscher Junge wie du", sagte sie, "findet immer ein Mädchen, das
ihm gefällt."
Emil antwortete nicht.
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