Der stille Amerikaner von Graham Greene, 2013, Zsolnay

Graham Greene

Der stille Amerikaner
(aus: Der stille Amerikaner von Graham Greene, Zitat aus dem 2. Kapitel, 2013, Zsolnay - Übertragung Nikolaus Stingl)

I

An dem Vormittag, an dem Pyle auf dem Platz vor dem Continental

auftauchte, hatte ich genug vom Anblick meiner

amerikanischen Kollegen von der Presse, großen, dicken,

lauten, kindischen Menschen mittleren Alters, ständig mit

abgestandenen Witzen über die Franzosen zur Hand, die

diesen Krieg schließlich und endlich ausfochten. In regelmäßigen

Abständen wurden sie, wenn ein Gefecht ordentlich

zum Abschluss gebracht worden war und man die Gefallenen

vom Schauplatz entfernt hatte, nach Hanoi, fast vier

Flugstunden entfernt, gerufen, dort vom Oberkommandierenden

empfangen, für eine Nacht in einem Pressecamp untergebracht,

dessen Barkeeper, wie sie prahlten, der beste

in ganz Indochina sei, in einer Höhe von tausend Metern

(also außerhalb der Reichweite eines schweren Maschinengewehrs)

über das neueste Schlachtfeld geflogen und dann

wohlbehalten und geräuschvoll, wie nach einem Schulausflug,

wieder vor dem Continental in Saigon abgesetzt.

Pyle war still, er wirkte bescheiden, manchmal musste ich

mich an jenem ersten Tag vorbeugen, um überhaupt zu verstehen,

was er sagte. Und er war sehr, sehr ernsthaft. Mehrmals

schien er förmlich in sich zusammenzuschrumpfen angesichts

des Lärms, den die amerikanischen Presseleute auf

der Terrasse über uns veranstalteten – der Terrasse, die nach

allgemeiner Vorstellung mehr Sicherheit vor Handgranaten

bot. Aber er kritisierte niemanden.

(...)

 

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