Der menschliche Faktor von Graham Greene, 2003, Zsolnay

Graham Greene

Der menschliche Faktor
(aus: Der menschliche Faktor von Graham Greene, 2003, Zsolnay)

Castle aß, seit er vor über dreißig Jahren als blutiger Anfänger in die »Firma« eingetreten war, immer in einem Pub hinter der St. James’s Street, in der Nähe seines Büros, zu Mittag. Hätte man ihn gefragt, warum er dort aß, hätte er die hervorragenden Würstchen gelobt; vielleicht wäre ihm ein anderes Bier lieber gewesen als Watney’s, doch die Qualität der Würstchen machte das wieder wett. Castle war immer bereit, seine Handlungen zu rechtfertigen, selbst die harmlosesten, und er war stets auf die Minute pünktlich.
Daher war er Schlag eins bereit zu gehen. Sein Assistent, Arthur Davis, mit dem er das Büro teilte, ging Punkt zwölf zum Lunch und kam, oft aber nur rein theoretisch, nach einer Stunde zurück. Es wurde allgemein vorausgesetzt, daß entweder Davis oder er anwesend sein mußten, für den Fall, daß ein dringendes Telegramm eintraf, damit sie den entschlüsselten Text entgegennehmen konnten; doch sie wußten beide sehr gut, daß in der Unterabteilung ihres Departments nie etwas wirklich dringend war. Der Zeitunterschied zwischen England und den verschiedenen Teilen Ost- und Südafrikas, mit denen sie befaßt waren, war gewöhnlich groß genug – selbst im Fall von Johannesburg betrug er etwas mehr als eine Stunde –, so daß sich außerhalb des Departments niemand wegen einer verspäteten Nachrichtenübermittlung den Kopf zu zerbrechen brauchte: Die Geschicke der Welt, erklärte Davis immer wieder, würden nie auf ihrem Kontinent entschieden, gleichgültig wie viele Botschaften China oder Rußland von Addis Abeba bis Conakry einrichten oder wie viele Kubaner landen mochten. Castle schrieb ein Memo für Davis: »Falls Zaire auf Nr. 172 antwortet, gehen Kopien ans Schatzamt und ans Außenministerium.« Er schaute auf seine Uhr. Davis hätte schon vor zehn Minuten zurück sein müssen.
Castle nahm seine Aktentasche und legte einen Zettel hinein, der ihn daran erinnern sollte, was er besorgen mußte: für seine Frau im Käseladen in der Jermyn Street, ein Geschenk für seinen Sohn (zwei Packungen Maltesers), weil er ihn am Morgen angefaucht hatte, und außerdem den Roman »Clarissa Harlowe«, in dem er bisher nie weitergekommen war als bis zu Kapitel LXXIX im ersten Band. Sofort, als er die Lifttür und Davis’ Schritte im Flur hörte, verließ er das Zimmer. Seine Lunchzeit mit Würstchen war um elf Minuten verkürzt worden. Anders als Davis kam er immer pünktlich zurück. Das war eine der Tugenden des Alters.
Arthur Davis fiel in dem biederen Büro durch sein exzentrisches Aussehen auf. Als er sich jetzt vom anderen Ende des langen weißen Korridors her näherte, schien er direkt von einem mit Pferden verbrachten Wochenende auf dem Land oder von den Tribünen einer Pferderennbahn zu kommen. In seiner einfarbig grünlichen Tweedjacke mit scharlachrot gepunktetem Einstecktuch hätte er besser in ein Wettbüro gepaßt. Er glich einem Schauspieler, der falsch besetzt worden war: Wenn er versuchte, seinem Kostüm gerecht zu werden, schmiß er gewöhnlich die Rolle. Sah er in London aus, als komme er vom Land, wirkte er auf dem Land – etwa wenn er Castle besuchte – wie der typische Tourist aus der Stadt.
»Auf die Sekunde pünktlich wie immer«, sagte Davis mit dem üblichen schuldbewußten Grinsen.
»Meine Uhr geht ein bißchen vor«, sagte Castle und entschuldigte sich für die Kritik, die er nicht ausgesprochen hatte. »Eine Angstneurose vermutlich.«
»Schmuggeln wir wieder mal Top-Secret-Dokumente hinaus, wie gewöhnlich?« fragte Davis scherzhaft und tat, als wolle er sich Castles Aktentasche bemächtigen. Sein Atem roch süßlich; er liebte den Portwein.
»Oh, die habe ich alle liegenlassen, damit Sie sie verscherbeln können. Ihre zwielichtigen Kontakte zahlen besser.«
»Wie nett von Ihnen, da bin ich mir sicher.«
»Na ja, Sie sind Single und brauchen mehr Geld als ein verheirateter Mann. Ich halbiere die Lebenshaltungskosten...«
»Ah, aber diese schrecklichen Überbleibsel«, sagte Davis. »Das zu Hackfleischauflauf mit Kartoffeln verarbeitete Bratenstück, die fragwürdigen Fleischklößchen. Ist es das wert? Ein verheirateter Mann kann sich nicht einmal einen anständigen Port leisten.« Er ging in ihr gemeinsames Büro und rief Cynthia an. Davis war seit zwei Jahren hinter Cynthia her, doch die Tochter eines Generalmajors war auf edleres Wild aus. Trotzdem verlor Davis die Hoffnung nicht;
es sei immer sicherer, erklärte er, eine Affäre innerhalb der Abteilung zu haben – man könne sie nicht als Sicherheitsrisiko betrachten, doch Castle wußte, wie aufrichtig Davis Cynthia liebte. Er hatte den leidenschaftlichen Wunsch, monogam zu leben und den Galgenhumor eines einsamen Mannes. Castle hatte ihn einmal in der Wohnung besucht, die er mit zwei Männern aus dem Umweltministerium teilte; sie lag über einem Antiquitätengeschäft in der Nähe des Claridge Hotels – sehr zentral und elegant.
»Kommen Sie doch rein«, hatte Davis ihn aus dem mit Möbeln vollgestopften Wohnzimmer heraus aufgefordert, in dem sich auf dem Sofa Zeitschriften für jeden Geschmack stapelten – der New Statesman, Penthouse und Nature – und die benutzten Gläser einer Party im letzten Winkel auf die Putzfrau warteten.
»Sie wissen sehr gut, was man uns bezahlt«, sagte Castle, »und ich bin verheiratet.«
»Ein schwerer Fehler.«
»Finde ich nicht«, sagte Castle. »Ich mag meine Frau.«
»Und dann gibt’s ja auch noch den kleinen Bastard«, fuhr Davis fort. »Ich könnte mir Kinder und Portwein nicht leisten.«
»Zufällig mag ich den kleinen Bastard auch.«
Castle wollte eben die vier Steinstufen hinuntergehen, die zum Picadilly führten, als der Pförtner ihm nachrief: »Brigadier Tomlison möchte Sie sprechen, Sir.«
»Brigadier Tomlinson?«
»Ja. In Zimmer A3.«
Castle war Brigadier Tomlinson nur einmal begegnet, und das war viele Jahre her, mehr als er zählen mochte – am Tag seiner Ernennung, dem Tag, an dem er seinen Namen im Official Secrets Act verewigte; damals war der Brigadier noch ein sehr junger Offizier – falls er überhaupt jemals Offizier gewesen war. Alles, woran Castle sich erinnern konnte, war ein kleines schwarzes Bärtchen, das wie ein unbekanntes Flugobjekt über einer möglicherweise aus Sicherheitsgründen makellos weißen und leeren Unterlage aus Löschpapier schwebte. Nachdem er unterschrieben hatte, war der Abdruck seines Namenszugs der einzige Fleck auf dem Weiß, und sicherlich wurde dieses Blatt sofort zerrissen und in die Verbrennungsanlage befördert. Die Dreyfus-Affäre hatte schon vor fast einem Jahrhundert die Gefahren des Papierkorbs veranschaulicht.
»Den Gang entlang, auf der linken Seite«, erinnerte ihn der Pförtner, als er in die falsche Richtung wollte.
»Nur herein mit Ihnen, Castle!« rief Brigadier Tomlinson. Sein Schnurrbart war jetzt so weiß wie das Löschpapier, und er hatte sich im Lauf der Jahre unter der zweireihigen Weste einen kleinen Spitzbauch zugelegt – nur sein dubioser Rang war unverändert geblieben. Niemand wußte, welchem Regiment er früher angehört hatte, falls es ein solches Regiment überhaupt je gegeben hatte, denn alle militärischen Titel in diesem Gebäude waren ein wenig suspekt. Ränge konnten ganz einfach ein Teil der allgemeinen Tarnung sein. Er sagte: »Kennen Sie eigentlich Colonel Daintry schon?«
»Nein. Ich denke nicht... Guten Tag.«
Daintry wirkte trotz seines adretten schwarzen Anzugs und des scharfgeschnittenen Gesichts viel mehr wie ein Mensch, der viel an der frischen Luft war. Sah Davis auf den ersten Blick so aus, als sei er in einem Wettbüro zu Hause, gehörte Daintry unverkennbar in eine Rennbahnloge oder auf die Moorhuhnjagd. Castle vergnügte sich oft damit, sich im Kopf blitzschnelle Skizzen von seinen Kollegen zu machen, und manchmal brachte er sie sogar zu Papier.
»Ich glaube, ich war mit einem Ihrer Cousins in Oxford«, sagte Daintry. Es klang freundlich, doch er sah leicht ungeduldig aus; wahrscheinlich mußte er in King’s Cross einen Zug nach Norden erreichen.
»Colonel Daintry«, sagte Brigadier Tomlinson, »ist unser neuer Besen«, und Castle sah, wie Daintry bei dieser Bezeichnung zusammenzuckte. »Er hat die Sicherheitsabteilung von Meredith übernommen. Aber Sie haben Meredith wohl nie kennengelernt.«
»Ich nehme an, Sie meinen meinen Cousin Roger«, wandte Castle sich an Daintry. »Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Er hat damals mit einer glatten Eins bestanden. Ist jetzt im Schatzamt, glaube ich.«
»Ich habe Colonel Daintry eben Aufbau und Zusammensetzung unserer Abteilung erklärt«, schwatzte Brigadier Tomlinson weiter, ohne von seinem Thema abzuweichen.
»Ich habe Jura studiert, habe es aber nur zu einer armseligen Zwei gebracht«, sagte Daintry. »Sie haben Geschichte gehört, nicht wahr?«
»Ja. Und mit einer sehr armseligen Drei abgeschlossen.«
»In Oxford?«
»Ja.«
»Ich habe Colonel Daintry erklärt, daß, die Sektion 6A betreffend, nur Sie und Davis mit den Top-Secret-Telegrammen aus Übersee befaßt sind.«
»Wenn man in unserer Sektion überhaupt etwas Top Secret nennen kann. Und natürlich bekommt Watson sie auch zu sehen.«
»Davis – der kommt doch von der Universität in Reading?« fragte Daintry mit einer Spur von Geringschätzung.
»Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht, wie ich sehe.«
»Tatsächlich habe ich mich eben kurz mit Davis selbst unterhalten.«
»Deshalb ist er zehn Minuten zu spät vom Lunch zurückgekommen.«
Daintry lächelte leicht verzerrt, als habe man ihm eine Wunde schmerzhaft von neuem geöffnet. Er hatte sehr rote Lippen, die sich in den Mundwinkeln nur mühsam zu öffnen schienen. Er sagte: »Ich habe mit Davis über Sie gesprochen und rede jetzt mit Ihnen über Davis. Eine Überprüfung ohne jede Heimlichkeit. Sie müssen dem neuen Besen verzeihen. Ich muß mich erst in den Seilschaften zurechtfinden«, fügte er, wegen der Metaphern mit Besen und Seilen leicht verwirrt hinzu. »Man muß sich an die Spielregeln halten – trotz des Vertrauens, das wir natürlich in Sie haben. Übrigens – hat er Sie gewarnt?«
»Nein. Aber warum sollten Sie mir glauben? Wir könnten ja gemeinsame Sache machen.«
Die Wunde öffnete sich wieder ein klein wenig und schloß sich dann fest.
»Ich schätze, daß er politisch ein bißchen links steht, habe ich recht?«
»Er ist Mitglied der Labour Party. Aber das hat er Ihnen wahrscheinlich selbst gesagt.«
»Das ist natürlich nichts Unrechtes«, sagte Daintry. »Und Sie...«
»Ich bin ganz unpolitisch. Das hat Davis Ihnen vermutlich auch gesagt.«
»Aber hin und wieder gehen Sie doch zur Wahl, nehme ich an?«
»Ich glaube nicht, daß ich seit dem Krieg auch nur ein einziges Mal gewählt habe. Die Dinge, um die es geht, riechen für mich heutzutage – nun ja, ein bißchen nach Kirchturmpolitik.«
»Ein interessanter Standpunkt«, sagte Daintry mißbilligend. Castle hatte das Gefühl, er hätte mit der Wahrheit diesmal lieber hinter dem Berg halten sollen, doch außer
in wirklich wichtigen Angelegenheiten zog er immer die Wahrheit vor. Die Wahrheit hielt jeder Überprüfung stand. Daintry schaute auf seine Uhr. »Ich werde Sie nicht zu lange aufhalten. Ich muß in King’s Cross meinen Zug erreichen.«
»Ein Jagdwochenende?«
»Ja. Woher wissen Sie das?«
»Intuition«, sagte Castle und bereute auch diese Antwort sofort wieder. Es war immer sicherer, nicht aufzufallen.
Es gab Zeiten – und sie wurden mit den Jahren immer häufiger –, in denen er sich Tagträumen von absoluter Übereinstimmung mit seiner Umgebung hingab, so wie jemand anders davon träumte, beim Cricket hundert Läufe zu absolvieren.
»Ich nehme an, Sie haben mein Gewehrfutteral neben der Tür gesehen?«
»Ja«, sagte Castle, der es vorher nicht bemerkt hatte, »das war der Fingerzeig.« Er war erleichtert, daß Daintry beruhigt schien.
Daintry erklärte: »All das ist nicht persönlich gemeint. Nur eine Routineüberprüfung. Es gibt so viele Vorschriften, daß manchmal einige vernachlässigt werden. So ist der Mensch nun einmal. Zum Beispiel die Vorschrift, daß aus dem Büro keine Arbeit mit nach Hause genommen werden darf...«
Bedeutungsvoll musterte er Castles Aktentasche. Ein Offizier und Gentleman hätte sie sofort mit einem kleinen Witz geöffnet, um sie inspizieren zu lassen, aber Castle war kein Offizier, und als Gentleman hatte er sich selbst auch noch nie betrachtet. Er wollte sehen, wie tief unter den Tisch der neue Besen wohl kehren würde.
Er sagte: »Ich gehe nicht nach Hause, nur zum Mittagessen.«
»Sie haben doch nichts dagegen, oder...?« Daintry streckte die Hand nach der Tasche aus. »Ich habe Davis um das gleiche gebeten«, sagte er.
»Als ich ihn sah, hatte Davis keine Tasche dabei«, sagte Castle.
Daintry lief wegen seines Fehlers rot an. Er hätte sich, davon war Castle überzeugt, genauso geschämt, wenn er auf der Jagd einen Treiber erschossen hätte. »Oh, das muß dann der andere gewesen sein«, sagte Daintry. »Ich habe seinen Namen vergessen.«

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