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In Boston?
(Leseprobe aus: In Boston?, Roman, 2007, SchirmerGraf
- Übertragung pociao)
Jeder Mensch lebt sein Leben auf
besondere, ganz eigene Weise. Selbst das geölteste, präzise eingestellte Rädchen
im komplexen Getriebe der modernen Gesellschaft – und so eins bin ich nicht,
sosehr ich auch die Ordnung liebe – hat einen einzigartigen Kern, der es von
allen anderen ringsum unterscheidet. Dieses innere Ich existiert nur für sich
selbst und liegt auf ewig im Streit mit den inneren Ichs der anderen.
Abgesehen von Sonn- und Feiertagen verläuft meine tägliche Routine fast immer
gleich. Ich stehe früh auf, wasche mich, mache mir Frühstück – ein
hartgekochtes Ei und Kaffee – und gehe hinaus in den Park. Dort träume ich
vor mich hin. Gestern war ich in Venedig, an dem Tag im Jahre 1380, als die
Nachricht des großen Sieges von Chioggia die Stadt erreichte. Ich war Guido
Pochi, von Beruf Sattler. Alle Nachbarn hatten sich in meinem Laden versammelt.
Wir sangen und lachten, und ich unter hielt sie, indem ich mich mit den Zähnen
an einem von der Decke hängenden Lederriemen festhielt und freischwebend um die
eigene Achse drehte. Wir tranken viele Schalen Rotwein – auch meine Frau
Angie.
Hier möchte ich eine Erläuterung einflechten. Seit etwa einem Jahr habe ich
eine komische Fähigkeit entwickelt – eine Art Bewußtseinsverschiebung. Diese
seltsame Gabe, die ich vermutlich mit wenigen Menschen auf dieser Welt gemeinsam
habe, ermöglicht es mir, verschiedene Orte in Zeit und Raum aufzusuchen und
dort eine entsprechende fremde Identität anzunehmen. Das alles begann ohne
Vorwarnung eines Abends, als ich auf dem Bett lag und die Biographie von
Cagliostro las. Plötzlich fand ich mich an Bord eines Schiffes auf einem
sonnenbeschienenen Meer wieder. Die ganze Sache dauerte nicht länger als ein
paar Sekunden, aber an ihrer Authentizität bestand keinerlei Zweifel. Als ich
am nächsten Tag im Park saß, wurde ich von einer Sekunde auf die andere in die
asiatische Steppe versetzt, und seitdem kam es erstaunlicherweise immer häufiger
zu solchen Reisen. Ich merkte, daß ich bloß eine Weile still dazusitzen
brauche – möglichst im Freien –, um kurz darauf in einer anderen Welt zu
landen. Dazu muß mein Geist natürlich klar und ruhig sein. Wenn er mit
Gedanken verstopft ist oder ich aus irgendeinem Grund nervös bin, passiert gar
nichts, egal, wie lange ich irgendwo sitze.
Mit der Zeit wurden die Ausflüge länger.
Aus einer Sekunde in Sibirien wurden ein oder zwei Minuten in Kyrene, dann eine
Stunde in Tierra del Fuego oder im England des ehrwürdigen Baedas und zuletzt
ein halber Tag in Babylon oder Bangalore. Einer meiner frühesten Ausflüge führte
zu einem anderen Planeten, irgendwo ins Blaue da draußen. Ich spazierte etwa
eine Viertelstunde auf einem Berg herum, der aussah, als wäre er aus Gold und
zinnoberrotem Glas. Der Himmel darüber war olivgrün, mit purpurroten Wolken
gesprenkelt. Eine Sonne, kaum halb so groß wie die unsere und dunkelrot wie
geronnenes Blut, schwebte über dem absolut waagerechten Horizont, der
unglaublich weit weg erschien.Meine Bank im öffentlichen Park ist zu einem
fliegenden Teppich geworden. Er trägt mich ohne Rücksicht auf Karten oder
Kalender durch das Universum. Ich sitze mit offenen Augen da, die Leute
schlendern direkt vor meiner Nase vorbei, überall um mich herum der Lärm von
Autos, Kindern und Vögeln, die Bostoner Sonne wärmt mir den Rücken, eine
Bostoner Brise streift meine Wange – und doch bin ich woanders. Ich esse
Austern mit Masséna in Nizza. Ich verprügele meine Frau auf Panay. Ich werfe
einen Speer in der Schlacht von Pydna, unterhalte mich mit Zurbarán oder backe
Brot in Neopolis. In Djibouti spiele ich Bezique, in Djambi schlage ich Fliegen
tot. Ich fliehe vor den Medern in Thessalien oder jage goldene Eidechsen in der
blauen Wüste einer anderen Welt; ich küsse eine Frau in Peru, ich streite mit
Numa, fische im Bottnischen Meerbusen, bete in Kathmandu oder fahre mit Arnold
den Kennebec hinauf.
Doch so authentisch diese geistigen Ortswechsel auch sind, ein kleiner Teil
meines Bewußtseins verbleibt hier in meinem Körper auf der Bank. Sollte mich
jemand ansprechen, bin ich keineswegs überrascht, sondern antworte sofort, mühelos
und verständlich. Dann aber ist der Faden gerissen, und ich kann nicht mehr zum
Schauplatz meines Traums zurück.
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