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ERSTE WELLE
(Auszug)
(Leseprobe aus: Global Fish, Roman, 2007.,S.
Fischer)
Das Meer war von einem nichtendenwollenden Blaublau. Meterhohe Wellen
trugen einen einsamen Surfer durch die Brandung, waghalsig ritt er auf Wogen,
die ihn jeden Moment zu verschlingen drohten. Unweit von ihm ragte etwas
Graues aus dem Wasser. Man wusste nicht, waren es Schaumspritzer oder der
Schuppenschwanz einer Nixe, die dem Betrachter zuwinkte. Die Gischt spritzte
an einen malerischen menschenleeren Sandstrand, von Kokospalmen gesäumt.
Und die Pazifiksonne, sie strahlte hell am wolkenlosen Himmel. Das Paradies.
Ich erwachte auf meiner Schreibtischunterlage. Diesen Büroartikel mit dem Motiv
»Strand von Waikiki« hatte mir eine geschmacklose Nenntante zu Weihnachten
geschenkt. Abwaschbares Plastik.
Jetzt hat meine Backe Schweißabdrücke auf dem Sandstrand hinterlassen. Schon
wieder war ich eingepennt, mein Schädel noch immer im Jetlag.
Wie viele Zeitzonen diesmal?
Eben war ich noch in Australien und hab mir die Oper in Sydney angesehn, die
Aborigines gefragt, ob es lohne, länger bei ihnen zu bleiben, worauf die nur mit
den Achseln gezuckt und gemeint haben, das müsse allein ich entscheiden. Bin
dann über Thailand, das mir seinen unberührten Dschungel anbot, und die
händeringend einladende Mongolei durch elf europäische Metropolen, die mir alle
versicherten, Europa sei nichts ohne sein Erbe, kurz in Island weggenickt. Ein
Isländer tippte mir auf die Schulter, hielt mir seine Ponyzucht vor die Nase,
meinte, in solch urwüchsiger Umgebung reiten lernen, das könne man nirgends,
seine Pferde seien reinrassig, mit sehr guter Töltveranlagung, natürlich auch
Scheritt, Terab, Pass und Galopp, wollen Sie bitte gleich an die Longe, ich sagte:
Moment, ich brauche Bedenkzeit. Entscheidungskrank driftete ich auf einer
Eisscholle nach Waikiki, wo ich schweißnass erwachte.
So ging das nun seit Monaten, und es war kein Ende abzusehen. Juli war schon,
bald kam der August. Und um den ging es doch. Seit einem halben Jahr plante
ich diesen August, akribisch, wie ich alles plante, die große Reise nach dem
Abitur, die wichtigste und längste Reise im Leben eines jungen Menschen.
Vor allen anderen hatte ich begonnen mit der Planung, vorbereitet hatte ich mich
wie auf eine wichtige Prüfung, für diesen August wollte ich fünfzehn Punkte.
Jetzt war ich der letzte. Alle anderen hatten schon was. Machten Jobs, Praktika
oder waren weg mit Rollkoffern, Rucksäcken oder ihrem ersten Golf. Ich saß in
meinem Kinderzimmer vor verschwitztem Waikiki, auf dem Schreibtisch stapelten
sich die Prospekte, und ich wusste nicht wohin. Woher dieses Loch? Der August
wuchs sich aus zu einer Lebensbedrohlichkeit, lähmend lang wie ein
Menschenleben. In meiner Verzweiflung schaute ich immer wieder über mein
Bett. Dort hatte ich mein Abizeugnis eingerahmt. Ich war der Beste meiner
Stufe. Mit Abstand. Und nun, wo die Schule vorbei war, versagte ich bei der
Planung einer Sommerfrische. Ich begriff es nicht.
19 Jahre lang ohne Kopfschmerzen, im weißen Reihenhaus meiner Eltern, und
jetzt das.
Was der Knabe schöne Beine hat.
Die Verwandten standen um meinen Laufstall.
Was der Knabe große Füße hat.
47, wie Günther Netzer.
Der wird weit kommen.
Eine Morgenzeugung, sagte mein Vater stolz.
Den hab ich gemacht nach zwei Tassen Krönung.
Ich entschied mich für Nichtaufgeben. Weitersuchen. Wär doch gelacht. Ich war
doch immer so sicher. Und systematisch. Ich starrte auf die rauhen Mengen
Kataloge, die abstoßende Vielfalt der Möglichkeiten: Neckermann, Tui
Reisen&Mehr, Studiosus, Dr.Tigges, Globetrotter, Holiday Land, World Travel
Hapag Lloyd, Atlas Reisen, Sindbad Reisen, Tourconsult, Elantouristik,
GlobalReisen. Anfangs hatte ich alle noch feinsauber gestapelt, nach Rubriken
sortiert, Individualreisen, Pauschalreisen, Bildungsreisen, Kultur& Natur,
Sport&Fun. Jetzt lagen sie durcheinander wie ein aus der Hand geglittenes
Kartenspiel.
Überwinden Sie nur am Seil
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © S. Fischer