Im Krebsgang
(Leseprobe aus: Im Krebsgang,
Roman, 2004, dtv)
»Warum erst jetzt?« sagte jemand,
der nicht ich bin. Weil Mutter mir immer wieder ... Weil ich wie damals, als der
Schrei überm Wasser lag, schreien wollte, aber nicht konnte ... Weil die
Wahrheit kaum mehr als drei Zeilen ... Weil jetzt erst ...
Noch haben die Wörter Schwierigkeiten mit mir. Jemand, der keine Ausreden mag,
nagelt mich auf meinen Beruf fest. Schon als junger Spund hätte ich, fix mit
Worten, bei einer Springer-Zeitung volontiert, bald gekonnt die Kurve gekriegt,
später für die »taz« Zeilen gegen Springer geschunden, mich dann als Söldner
von Nachrichtenagenturen kurz gefaßt und lange Zeit freiberuflich all das zu
Artikeln verknappt, was frisch vom Messer gesprungen sei: Täglich Neues. Neues
vom Tage.
Mag schon sein, sagte ich. Aber nichts anderes hat unsereins gelernt. Wenn ich
jetzt beginnen muß, mich selber abzuwickeln, wird alles, was mir schiefgegangen
ist, dem Untergang eines Schiffes eingeschrieben sein, weil nämlich, weil
Mutter damals hochschwanger, weil ich überhaupt nur zufällig lebe.
Und schon bin ich abermals jemand zu Diensten, darf aber vorerst von meinem bißchen
Ich absehen, denn diese Geschichte fing lange vor mir, vor mehr als hundert
Jahren an, und zwar in der mecklenburgischen Residenzstadt Schwerin, die sich
zwischen sieben Seen erstreckt, mit der Schelfstadt und einem vieltürmigen
Schloß auf Postkarten ausgewiesen ist und über die Kriege hinweg äußerlich
heil blieb.
Anfangs glaubte ich nicht, daß ein von der Geschichte längst abgehaktes
Provinznest irgendwen, außer Touristen, anlocken könnte, doch dann wurde der
Ausgangsort meiner Story plötzlich im Internet aktuell. Ein Namenloser gab mit
Daten, Straßennamen und Schulzeugnissen personenbezogene Auskunft, wollte für
einen Vergangenheitskrämer wie mich unbedingt eine Fundgrube aufdecken.
Bereits als die Dinger auf den Markt kamen, habe ich mir einen Mac mit Modem
angeschafft. Mein Beruf verlangt diesen Abruf weltweit vagabundierender
Informationen. Lernte leidlich, mit meinem Computer umzugehen. Bald waren mir Wörter
wie Browser und Hyperlink nicht mehr böhmisch. Holte Infos für den Gebrauch
oder zum Wegschmeißen per Mausklick rein, begann aus Laune oder Langeweile von
einem Chatroom zum anderen zu hüpfen und auf die blödeste Junk-Mail zu
reagieren, war auch kurz auf zwei, drei Pornosites und stieß nach ziellosem
Surfen schließlich auf Homepages, in denen sogenannte Vorgestrige, aber auch
frischgebackene Jungnazis ihren Stumpfsinn auf Haßseiten abließen. Und plötzlich
- mit einem Schiffsnamen als Suchwort - hatte ich die richtige Adresse
angeklickt: »www.blutzeuge.de«. In gotischen Lettern klopfte eine »Kameradschaft
Schwerin« markige Sprüche. Lauter nachträgliches Zeug. Mehr zum Lachen als
zum Kotzen.
Seitdem steht fest, wessen Blut zeugen soll. Aber noch weiß ich nicht, ob, wie
gelernt, erst das eine, dann das andere und danach dieser oder jener Lebenslauf
abgespult werden soll oder ob ich der Zeit eher schrägläufig in die Quere
kommen muß, etwa nach Art der Krebse, die den Rückwärtsgang seitlich
ausscherend vortäuschen, doch ziemlich schnell vorankommen. Nur soviel ist
sicher: Die Natur oder genauer gesagt die Ostsee hat zu all dem, was hier zu
berichten sein wird, schon vor länger als einem halben Jahrhundert ihr Ja und
Amen gesagt.
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