Mein Jahrhundert von Günter Grass, dtv 12880Günter Grass

Mein Jahrhundert
(Leseprobe aus: Mein Jahrhundert, dtv 12880)

Beinhart sei ich, heißt es. Was soll’s! Hätte ich etwa, nur weil ich eine Frau bin, Schwäche zeigen sollen? Der mich hier niederschreibt und meint, mir ein Zeugnis ausstellen zu dürfen – »Sozialverhalten mangelhaft!« –, wird, bevor er meine unterm Strich stets erfolgreichen Tätigkeiten als Pleiten auspinselt, zur Kenntnis nehmen müssen, daß ich alle, aber auch alle Untersuchungsausschüsse bei bester Gesundheit, das heißt unbeschadet überstanden habe und auch im Jahr 2000, wenn dann die Expo läuft, allen Korinthenkackern und Fliegenbeinzählern gewachsen sein werde. Sollte ich aber fallen, weil plötzlich diese Sozialromantiker das Sagen haben, werde ich weich fallen und mich auf unseren Familiensitz mit Elbblick zurückziehen, der mir blieb, als Papa, einer der letzten großen Privatbankiers, in den Bankrott getrieben wurde. Dann werde ich »Was soll’s« sagen und den Schiffen, besonders den Containerschiffen mein Augenmerk schenken: wie sie stromaufwärts nach Hamburg ziehen oder von dort tiefliegend, weil schwer beladen, Richtung Elbmündung ins Meer, den vielen Meeren entgegen Kurs halten. Und wenn dann bei Sonnuntergang Stimmung aufkommt, der Fluß alle Farben durchspielt, werde ich nachgeben, mich den schnell zerfließenden Bildern hingeben, nur noch Gefühl sein, ganz weich...

Aber ja! Ich liebe die Poesie, doch auch das monetäre Wagnis, gleichfalls das Nichtkalkulierbare, wie einst die »Treuhand«, die unter meiner, schließlich nur unter meiner Aufsicht Milliarden bewegt, vieltausend Betriebsruinen in Rekordzeit abgewickelt und Leerraum fürs Neue geschaffen hat, weshalb dieser Herr, der offenbar vorhat, die von mir für erbrachte Leistung gewährten Spitzengehälter mit unvermeidbaren Sanierungsschäden zu verrechnen, einen – wie gehabt – übergewichtigen Roman plant, in dessen Verlauf er mich mit einer Figur aus dem Werk des Dichters Fontane in Vergleich bringen will, nur weil eine gewisse »Frau Jenny Treibel« es genau wie ich verstanden hat, das Geschäftliche mit der Poesie zu verbinden...

Warum nicht? Werde fortan nicht nur die beinharte »Frau Treuhand« sein – auch »Eiserne Lady« genannt –, sondern obendrein zum Bestand der Literaturgeschichte gezählt werden. Dieser Sozialneid und Haß auf uns Besserverdienende! Als hätte ich mir den einen, den anderen Job ausgesucht. Jedesmal rief die Pflicht. Berufen wurde ich jedesmal, ob nach Hannover als Minister für Wirtschaft oder später ins große Haus in der Wilhelmstraße, als dort mein Vorgänger – von wem wohl? – einfach weggeschossen wurde, worauf bei der Treuhand Not am Mann war. So auch die Expo 2000. Hat man mir aufgedrängt, und zwar, weil ich Wagnisse nicht scheue, weil ich niemandem, allenfalls dem Markt hörig bin und Verluste wegstecken kann, weil ich Schulden mache, die sich lohnen, und weil ich jedes Ding beinhart durchstehe, koste es, was es wolle...

 

Zugegeben: Es gab Arbeitslose, gibt sie immer noch. Der Herr, der mich niederschreibt, will mir Hunderttausende anhängen. Was soll’s, sag ich mir. Denen bleibt immer noch die soziale Hängematte, während ich mich rastlos neuen Aufgaben zu stellen habe, denn als vierundneunzig die Treuhand ihr unvergleichliches Werk vollbracht und die Überreste kommunistischer Planwirtschaft planiert hatte, mußte ich mich sofort aufs nächste Abenteuer, die Weltausstellung, vorbereiten. Was heißt vorbereiten? Aufs laufende Pferd, Expo genannt, galt es zu springen. Einer noch vagen Idee sollte Leben eingehaucht werden. Dabei hätte ich mich viel lieber, weil ja gewissermaßen arbeitslos, faul und auf Staatskosten in solch eine Hängematte gelümmelt, mit Vorzug natürlich auf der Terrasse unseres Familiensitzes mit Elbblick, den ich aber leider nur noch selten und so gut wie nie vor Sonnuntergang genießen darf, weil mir die Treuhand immer noch anhängt, weil mir schon wieder mit einem Untersuchungsausschuß gedroht wird, weil dieser Herr, der mich unter dem Jahr 1994 abbuchen will, nun vorhat, mir die ganz große Rechnung aufzumachen: Ich – und nicht die westdeutsche Kali-Industrie – soll Bischofferode, das Aus für ein paar tausend Kalibergleute verschuldet haben; ich – und nicht etwa Krupp – soll in Oranienburg das Stahlwerk plattgemacht haben; ich – und kein bißchen Schweinfurts Kugelfischer – soll es gewesen sein, die sämtliche Kugellagerwerke aus grauer DDR-Zeit in den Ruin getrieben hat; mir wird der Trick untergeschoben, mit staatlichen Ostgeldern maroden Westbetrieben – etwa Bremens Vulkanwerft – auf die Sprünge geholfen zu haben; mir, der Frau Treuhand, auch Jenny Treibel genannt, soll bildträchtig – und auf Kosten hilflos zappelnder Menschlein – ein Milliardenschwindel von der Hand gegangen sein...

Nein. Mir hat keiner was geschenkt. Alles habe ich mir nehmen müssen. Kein Kleckerkram mit sozialem Klimbim, nur gigantische Aufgaben haben mich herausfordern können. Ich liebe nun mal das Risiko, und das Risiko liebt mich. Wenn aber eines Tages das Gerede über die angeblich zu hohe Arbeitslosigkeit und die spurlos, ich betone, spurlos verschwundenen Gelder vorbei sein wird, wenn ab 2000 kein Hahn mehr wegen subventionierter Eintrittskarten für die Expo krähen und niemand mehr über ähnliche Kinkerlitzchen reden will, wird man erkennen, welch immense Freiräume die Treuhand durch beinhartes Abräumen erkämpft hat und daß man die möglichen Verluste der Weltausstellung getrost der Zukunft, unserer gemeinsamen Zukunft, gutschreiben kann. Ich jedoch werde endlich von unserem Familiensitz aus den Elbblick, die Poesie eines geschäftigen Stromes und kostenlos Sonnuntergänge genießen dürfen; es sei denn, man stellt mich vor das Wagnis neuer Aufgaben. Zum Beispiel könnte es mich reizen, aus zentraler Position den dann fälligen Umtausch der harten D-Mark gegen den Euro in Schein und Münze zu lenken...

Was soll’s, werde ich mir dann sagen und hart, notfalls beinhart zugreifen. Und niemand, auch Sie nicht, mein Herr, der mich niederschreiben will, wird die Frau, die keine Schwäche kennt, vor jener Spielart von Pleite bewahren können, die von Format ist und allein schon deshalb Erfolg verspricht...

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