- Nun, wie ist es bei dir da draußen?
+ Schön ist es. Dreh’ dich um und sieh raus, dann weißt du’s.- Du weißt, dass ich mich nicht umdrehen kann.
+ Die Bäume werden langsam grün, es wird Frühling.- Davon hast du mir erzählt, was Bäume sind. Ich kann es mir trotzdem nicht vorstellen. Frühling, was ist das?
+ Du hast da drinnen keinen Frühling?- Dreh’ dich um und sieh‘ herein zu mir. Hab‘ ich hier einen Frühling?
+ Du weißt, dass ich mich nicht umdrehen kann.- Ich sehe, dass die Tage länger werden und ein schönes warmes Licht durch’s Fenster scheint. Ist das Frühling?
+ Ja, die Tage werden länger und die Sonne scheint warm. Aber da ist noch so viel mehr.- Wenn ich morgens am Tisch sitze, brauche ich schon keine Lampe mehr. Macht die Sonne das Licht, das durch mein Fenster herein kommt?
+ Das ist eine Frage, natürlich macht die Sonne das Licht. Sag’ mir, was ist eine Lampe und wozu brauchst du sie?- Nun, wenn es dunkel ist, brauche ich eine Lampe, um sehen zu können. Sie macht das Licht hier drinnen, verstehst du?
+ Nein. Wenn es hier draußen dunkel ist, leuchten mir die Sterne.- Schon wieder so ein Begriff, Sterne. Ich weiß nicht, was Sterne sind.
+ Erkläre du mir, was ein Tisch ist, dann sage ich dir, was Sterne sind.- Hör’ mal, wir können uns doch auch so gut miteinander unterhalten. Eigentlich will ich gar nicht wissen, was Sterne sind. Da gibt es bestimmt noch so viele Dinge bei dir draußen, die ich nicht kenne und ich weiß nicht, ob ich das alles kennen muss. Mir geht es doch hier drinnen auch so sehr gut.
+ Da hast du recht. Mir geht es hier draußen auch gut, auch wenn ich nicht weiß, was ein Tisch ist. Ich brauche hier keinen Tisch.- Und ich brauche keine Sterne, ich hab’ ja meine Lampe.
+ Aber wenn du Sterne hättest, dann könntest du abends vor dem Einschlafen zu ihnen aufsehen und träumen. Kannst du in deine Lampe sehen und träumen?+ Man darf nicht in die Lampe sehen! Wenn mir nach träumen ist, zünde ich eine Kerze an. Man kann in die Sterne sehen und träumen?
- Aber ja, und am Tag kann man die Wolken beobachten und dabei träumen.+ Sterne und Wolken, das hört sich gut an.
- Willst du nicht wissen, was Sterne sind und Wolken?+ Nein, ich habe hier drinnen keine Wolken, die ich beobachten und dabei träumen kann. Ich sage doch, ich zünde eine Kerze an, wenn ich träumen will.
- Auch am Tag?+ Ja. Was geht‘s dich an? Ich kann tausend Kerzen auf den Tisch stellen und anzünden.
- Du zündest die Kerzen an? Ich kann die Sterne nicht anzünden und die Wolken auch nicht. Wozu auch? Braucht man das zum Träumen bei dir da drinnen?+ Ich kann dir nicht folgen. Ich seh schon, es wird heute genauso enden wie an jedem Tag.
- Das wäre schade. Ich rede gern mit dir.+ Wir passen einfach nicht zueinander, du da draußen und ich hier drinnen.
- Hör mal, was soll das jetzt wieder? Soll ich etwa gehen? Ist es das , was du möchtest, dass ich gehe?+ Ich weiß nicht. Das, was draußen ist, irritiert mich eben. Ich will nichts mehr darüber hören. Hier drinnen ist es schön, hier kenne ich mich aus. Ich brauche draußen nicht.
- Und ich brauche drinnen nicht. Keinen Tisch und keine Lampe. Aber ich wüsste gern, wie es ist, eine Kerze anzuzünden und dabei zu träumen.+ Ja, da hast du Pech, wenn du das da draußen nicht kannst.
- Du verstehst mich nicht. Ist es dir wirklich gleichgültig, ob du weißt, wie es sich beim Anblick der Sterne träumt?+ Wie es sich beim Anblick der Sterne träumt. Doch, Ich verstehe dich und ich möchte das auch wissen. Nur das, mehr nicht.
- Und was hindert dich daran?+ Kannst du es mir erklären?
- Ja.+ Dann tu‘s!
- Dreh’ dich um, es wird bald dunkel. Dann zeig’ ich dir meine Sterne.+ Erkläre es mir jetzt, ich kann mich nicht umdrehen.
- Erklärst du mir, wie man eine Kerze anzündet?+ Dreh’ dich um, dann zeige ich es dir. Jetzt!
- Ich soll mich umdrehen? Warum sollte das für mich einfacher sein als für dich?+ Du bist stärker als ich. Du kannst es schaffen. Du willst doch alles wissen.
- Ich glaube nicht, dass ich das kann. Wir stehen hier schon immer, ich hier draußen und du da drinnen. Wir haben noch nie die Welt des anderen gesehen. Und ich sage dir, wir können uns nicht ändern. wir können uns nicht umdrehen.+ Das stimmt. Aber ist das nicht schade? Ich hätte dir gern alles gezeigt hier drinnen.
- Und ich dir hier draußen. Aber es geht nicht. Und wir sollten nicht versuchen, das zu ändern. Du sagtest doch, du willst gar nicht alles kennen, was es hier draußen gibt.+ Aber ich will dich kennen.
- Wozu?+ Weil ich wissen will, ob du da draußen anders bist als ich hier drinnen.
- Das verstehe, wer will.+ Ja, drehe dich um zu mir, versuch‘s, du bist doch stark. Versuch’s für mich. Dann zünde ich eine Kerze für dich an.
- Also gut, aber es ist nicht richtig, was wir tun. Ich drehe mich jetzt um zu dir. Aber was werde ich sehen? Dich? Dein Haus? Das Fenster? Und was noch? Ich dreh’ mich also um.+ Mach schon. Ich warte am Tisch auf dich.
- Da ist eine Tür. Sie ist verschlossen. Ich kann sie nicht öffnen. Ich schaffe es nicht allein. Du wirst mir helfen müssen. Dreh’ dich um und hilf mir. Es wird bereits dunkel.- Das geht nicht, ich kann mich nicht... doch warte, du hast es auch gekonnt. Ich versuche es.
+ Beeil dich, bitte.- Warte, ich kann dir helfen. Siehst du, jetzt geht es. Wir haben es geschafft. Komm rein.
+ Du bist der von drinnen? Bin ich nun anders als du? Und das hier ist drinnen? Es gefällt mir.- Nein, du scheinst nicht anders zu sein als ich. Das ist also dein Draußen? Draußen ist schön, auch wenn ich nichts davon verstehe.
+ Sie hoch! Da oben, das sind meine Sterne.- Deine Sterne sind schön, schön wie tausend Kerzen. Darf ich nach draußen gehen?
+ Geh nur und träume, ich setze mich in der Zwischenzeit an deinen Tisch und wenn du zurückkommst zünden wir eine Kerze an.Rezension I Buchbestellung I home 0I12 LYRIKwelt © B.G.