Herr Blanc
(Leseprobe aus:
Herr Blanc, Roman, 2009,
Limmat-Verlag).
Herr Blanc schritt auf die Haltestelle zu und setzte sich auf die Bank, die an der Rückwand des Häuschens befestigt war. Während er auf den Bus wartete, dachte er an Cambridge zurück, wo er jetzt gerne hingefahren wäre, wenn er gekonnt hätte. Damals hatte er nach einer kurzen Eingewöhnungszeit eine deutsche Studentin mit dem Namen Heike kennengelernt, die sich in ihn verliebte. Er konnte auch heute noch mit Recht sagen, dass er dazu, zumindest am Anfang, kaum Wesentliches beigetragen hatte; er war sich vom ersten Moment an bewusst gewesen, dass eine Beziehung, im Ausland begonnen, keine große Zukunft versprach, es sei denn, die Frau wäre bereit gewesen, mit ihm in die Schweiz zu kommen – aber selbst dann hätte es noch vieles zu beachten gegeben.
Heike war dunkelhaarig und kleiner als viele der anderen Studentinnen, schlank, aber nicht mager, weshalb sie häufig einen Rock oder ein Kleid trug, das manchmal für seinen Geschmack ein wenig zu bunt und zu gewagt geschnitten, aber noch im Bereich des Anständigen war. Sie hatte ihm angegeben, und nach einigen Nachfragen seinerseits auch beteuert, dass sie aus einer adligen Familie stamme und ihre Mutter einen Teil ihrer Kindheit in einem böhmischen Schloss verbracht habe, und ihm war klar geworden, dass in diesem besonderen Fall ein extravaganter Kleidungsstil nicht unangemessen war. Natürlich war er zurückhaltend geblieben, hatte sich von der beteuerten, aber nie bewiesenen adligen Herkunft nicht blenden lassen, zumal er, als Schweizer, solange er betreffend seiner nicht sehr wohlhabenden Familie diskret blieb, angesehen war und sich vor niemandem verneigen musste. Selbst wenn sich die adlige Herkunft als ein Märchen hätte entpuppen sollen, Heike war zumindest reich, wie fast alle Studenten in Cambridge, von denen viele aus den verschiedensten Ländern angereist kamen. Sie kaufte sich die teuersten Kleider, aber niemals ohne vorher genau abzuwägen, ob die Qualität den Preis rechtfertigte, und da ihm, im Gegensatz zu ihr, für diese Beurteilungen die Fachkenntnis fehlte, wurde ihm bewusst, dass er es als junger Schweizer Student aus bescheidenen Verhältnissen mit einer Dame von Welt zu tun hatte. Noch mehr imponierte sie ihm jedoch, als er merkte, wie sehr sie bereit war, mit ihm zu teilen, ganz offensichtlich ohne auf daraus sich ergebende Vorteile ihrerseits zu achten, so dass er sich gezwungen sah, sich diesen Gepflogenheiten anzupassen, zuerst aus Gründen der Höflichkeit, dann nicht ohne eigenes Glücksempfinden und öfter sogar mit Stolz: er bot der unverheirateten, in Aussehen und Benehmen adlig wirkenden Tochter einer reichen Familie bei Nässe und Kälte seinen Regenschirm und sein Jackett an, half ihr abends bei den Essays und überlegte sich ständig, wie er ihr eine Freude machen konnte. Sie freute sich jedes Mal über seine Blumen, und wenn er nach einem Kuss ihre Wohnung betrat, versuchte er über den Geruch zu erraten, was es zu essen gab.
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