Zur freundlichen Erinnerung, Erzählungen (2009, Allitera Verlag, Nachwort von Ulrich Dittmann).

Oskar Maria Graf

Zwölf Jahre Zuchthaus
(Leseprobe aus: Zur freundlichen Erinnerung, Erzählungen, 2009, Allitera Verlag, Nachwort von Ulrich Dittmann).

I.

Weit hatte es der Schlosser Peter Windel im Laufe einer beinahe

zwanzigjährigen Arbeitszeit bei der Motorenfabrik Jank gebracht.

Als blutjunger Geselle trat er damals in den Dienst und heute

war er erster Werkmeister. Seine stumpfe, schweigende Energie, sein

fanatischer Lerneifer und seine fast pedantische, aber keineswegs devote

Pünktlichkeit hatten ihm Respekt

und Achtung verschafft, bei

den Arbeitern sowohl,

wie bei den Vorgesetzten. Beliebt war er nicht,

aber es war keiner in der ganzen Fabrik, der auf ein einmal gesprochenes

Wort von Windel nichts gab. Es dauerte allerdings lange, bis

er mehr als das Allernotwendigste sprach. Verschlossen, wortkarg

und mit jener stoischen Strenge im Gesicht, die schon nahe an der

Grenze des Mißmuts steht – so kannte man ihn seit Jahr und Tag.

Noch dazu war er keineswegs eine Erscheinung. Von Gestalt klein

und nicht gerade kräftig, etwas vornübergebeugt, mit langem Hals,

auf dem ein unförmiger, zu großer Kopf mit borstigen, kurzen, schon

etwas angegrauten Haaren und weitwegstehenden Ohren saß. Das

lederne, scharfe Gesicht

machte einen überreizten Eindruck. Die

tief­liegenden, unruhigen Augen waren von vielen blutunterlaufenen

Äderchen durchzogen. Aus dem schroffen

Tal der Backen hob sich die

plumpe, unregelmäßige Nase wie ein spitzer Hügel. Griesgrämig griff

die massige, verfaltete Stirne von einer Schläfenbucht zur andern.

Das Merkwürdigste an diesem Antlitz aber war der untere Teil. Er

schien fast von einem anderen Menschen zu sein, hatte etwas so Hilfloses

und Schüchternes, daß man den Eindruck des Mädchenhaften

nicht losbrachte, wenn nicht hin und wieder der geöffnete kleine,

aufgeworfene

Mund die eingerissenen, stark mitgenommenen

Zähne

gezeigt hätte. Kam noch hinzu ein ungewöhnlich

kurzes, fast in den

Hals gefallenes und nur durch einen ganz kleinen Ballen angedeutetes

Kinn, aus dem ein spröder Knebelbart spritzte wie eine Rettung.

Sonst hätte man buchstäblich der Meinung

sein können, nach dem

Hals ginge der Mund an.

Man sagt im allgemeinen, Pedanten, die ihr Dasein fast abgezirkelt

genau ableben, hätten ein sorgfältig gepflegtes Erinnerungsvermögen

und vergäßen die kleinste Kleinigkeit oft jahrelang nicht.

Peter Windel hatte keine Erinnerung.

Schließlich, daß man irgendwie zur Welt kommt, aufwächst und

allmählich auf einen Namen hört, dann, in der Schule, noch auf einen

zweiten; in die Lehre kommt, etliche Stellen wechselt; daß es einem

schlecht oder besser geht, daß man auf einem Gottesacker

unter anderen

Leuten um ein Grab steht und den Kies auf den Sarg einer toten

Mutter oder eines verstorbenen Vaters, eines Bruders oder einer

Schwester fallen hört und endlich Hinterlassenschaftspapiere, Notariatszimmer

und Pfandbriefe zu sehen bekommt, – das erlebt so ziemlich

jeder Mensch auf die eine oder andere Weise.

Ein schepperndes Weckerläuten. Es ist noch tiefste Nacht draußen,

die Fenster sind gefroren und hoch herauf verschneit, man hört auf den

weiten, überschneiten

Straßen nur seine eigenen Schritte knirschen.

Aus Schnee und Dunkelheit kommt langsam eine flimmernde Straßenbahn,

dann hinter einer gelben Fensterscheibe

ein verschlafenes,

ärgerliches Pförtnergesicht,

über einen Hof viele, dumpftrommelnde

Schritte und ineinanderschwimmende Laute, endlich einen glatten

Hebel in der Hand, – herumgezogen – und ratsch! ein ganzer Hauskoloß

surrt bebend auf, die Riemen klatschen, ächzen, es hämmert, feilt,

quietscht, kracht, klingt, braust – das wußte Peter Windel seit ewiger

Zeit. Zwischendurch freilich auch Sommertage. Ein offenes Fenster,

Kühle und Dämmerung

und etliche schüchterne Vogeltriller beim Erwachen.

Das meiste der zwanzig Jahre –: Nächte über technischen Büchern,

Sonntagnachmittage über dem Zeichenblock und manchmal ein

Zählen des ersparten

Geldes. Öfters als wünschenswert Streitigkeiten,

Zänkereien mit der halbtauben, beschränkten Logisfrau können noch

hinzugezählt werden. Das war alles. Peter Windel hatte keine Erinnerung.

Er kannte nur Interessen.

Wenn nicht –

Und hier beginnt diese Geschichte.

II.

»Sie sind eine Sau! Vier Wochen kein frisches Handtuch, zwei Monate

keine Bettwäsche gewechselt! Wenn das nicht aufhört, ziehe ich!«

schrie Peter Windel an einem Sonntag seine Logisfrau an.

Wie immer. Das Weib blieb stehen, glotzte ihn an, verzog das

Gesicht zu einer weinerlichen Grimasse und winselte ein paar unverständliche

Worte heraus. Und weinte erst leise, dann immer unerträglicher.

Das Fenster stand offen. Es war Sommer. Klar fiel die Sonne in

den Hof. Windel riß die Schranktüre auf, nahm seinen Regenmantel,

schob die Frau beiseite

und ging.

Vierzig Mark für ein Zimmer ist nicht viel und die Frau schnüffelte

nicht, war uralt, hockte den ganzen Tag in der dumpfen Küche und

lispelte Gebete. Unreinlich

war sie nur von Zeit zu Zeit. Man mußte

sie dann grob anschreien. –

Auf der Treppe fiel Peter ein, daß er »Die Elektrizität als Nutzkraft«

vergessen hatte. Er drehte sich rasch um und ging zurück. Immer noch

stand das Weib in der Zimmermitte, fast unbeweglich und wimmerte.

Einen Augenblick maß sie Peter verärgert. Dann stampfte er mit dem

Fuß auf den Boden.

»Herrgott nochmal!« stieß er heraus, warf seinen Mantel hin, riß

die Bettlaken herunter, zog in aller Eile Decke und Kopfkissen ab und

warf die ganze Wäsche der Frau vor die Füße, samt dem schmutzigen

Handtuch. »Gehn Sie doch in die Küche mit Ihrem Lamentieren und

legen Sie mir die Bettwäsche dann herein, ich mach’s mir selber!« sagte

er noch, nahm vom Nachtkasten das vergessene Buch und schmiß

wütend die Türe zu.

»Meine Lies’… heut wird’s das zweite Jahr!« wimmerte die Frau

noch. Und fiel wieder in ihr wimmerndes

Weinen. –

Als Peter Windel tief in der Abendstunde nach Hause kam, lag sie

quer auf dem Zimmerboden, den Kopf auf die Waschtischkante geschlagen,

eine ziemlich große Wunde auf der Stirn – reglos, steif.

Eine kleine Lache geronnenes Blut umgab den Kopf. Die Tote mußte

sich in den hingeworfenen Bettüchern

mit den Füßen verwickelt

haben und dann hingefallen sein.

Peter Windel stand und stand. Er fühlte das Brennen des angesteck

ten Streichholzes nicht auf den Fingern. Erst als es wieder dunkel war,

zuckte er ein wenig, steckte schnell ein neues an und ließ es wieder

verglimmen. Stand und stand.

Plötzlich gab er sich einen Ruck und lief wie ein Irrer davon, ließ die

Türen offen, polterte die Treppen hinunter, rannte hastig und totenbleich

an Leuten vorbei und meldete das Geschehene auf der Polizeiwache.

Als er mit zwei Schutzleuten und dem Polizeiarzt

zurückkam,

waren schon Leute aus den Türen gekommen und musterten ihn,

trippelten nach und blieben an der Eingangstüre stehen mit gereckten

Hälsen, brummten, lispelten.

Der eine der Schutzleute schloß endlich die Türe. Man machte Licht

in Peters Zimmer, schaute eine Zeitlang auf die Tote, nahm die zwei

oder drei schwarzen,

verkohlten Streichholzköpfe auf ein Papier und

sagte zu Windel, der säulenstarr dastand: »Setzen Sie sich.«

Der Arzt beugte sich über die Tote, ein Schutzmann prüfte die

Waschtischkante. Der Arzt nickte.

»Setzen Sie sich !« sagte ein Schutzmann strenger.

Peter brach endlich in einen Stuhl.

Die drei lispelten in der Ecke.

Der Arzt steckte seine Instrumente ein, hustete und stellte sich neben

die Tote.

Ein Schutzmann nahm neben Peter Platz, einer blieb an dessen Seite

stehen.

»Wann haben Sie die Frau verlassen?« fragte der Schutzmann und

notierte.

Fragte weiter, mit einer gewissen hämischen Herausforderung:

»Haben Sie Beziehungen zu der Hullinger gehabt ?«

»Nein.«

»Wie lange wohnen Sie hier?«

»Und haben schon öfters solche Streitigkeiten mit der Hullinger gehabt?

«

»Ja,« sagte Peter.

»Und diesmal?«

»Weil sie mir schon vier Wochen keine frische Bettwäsche mehr gab.«

»Sie waren also grob zu ihr?«

»Ja.«

Und noch, was er Gehalt hätte, was er bezahlen müsse für Logis, ob

die Hullinger vielleicht eine größere Hinterlassenschaft in bar irgend

wo aufbewahrt, beziehungsweise

ob ihm bekannt wäre, in welchen

Verhältnissen

die Hullinger gelebt habe.

Peter antwortete meistens mit Ja oder Nein. Seine Stimme klang

zerbrochen und schwer.

»Dann muß ich im Hotel schlafen … Herr Schutzmann

… wenn die

Leiche hier liegenbleiben muß,« sagte er endlich hilflos. Er hatte diese

Anordnung vom Arzt gehört.

Da stand der Schutzmann selbstbewußt auf, sagte: »Sie kommen

mit!« – Alle Menschen waren noch auf dem dunklen Hof, und entsetzte

Blicke fielen auf die Davongehenden.

III.

Wegen dringenden Verdachts, seine Logisfrau ermordet

zu haben,

wurde Peter Windel in Untersuchungshaft

genommen und in einer

Einzelzelle untergebracht. Vier hohe, glatte, mit kahler, graugrüner

Ölfarbe gestrichene Wände umgaben ihn von nun ab. Unter der

Lichtluke stand die hölzerne Pritsche, daneben der Abort. Auf dessen

Deckel konnte man bei den Mahlzeiten den Eßnapf oder die blecherne

Wasserkanne stellen.

Die erste Nacht lehnte Peter schlaflos an der kalten Tür. Als die

Wärter in der Frühe aufschlossen, mußten sie fest drücken, bis seine

steife Gestalt nachgab und endlich, als sie wütend fluchten, mechanisch

etliche Schritte in den Raum machte. Während die Wärter

die Brotration auf die Pritsche legten und den Kaffee in die blecherne

Tasse gossen, stand der Gefangene die ganze Zeit unbeweglich

und zusammengeschrumpft da. Sie achteten nicht weiter darauf und

schlossen geräuschvoll wieder die Tür. –

Jetzt war Licht. Die Gefängnisuhr schlug sieben. Peter schaute

schüchtern im Raum herum und begann zu gehen. Ging stoisch die

Wände lang. Immer zehn Schritte der Länge nach und zwölf Schritte

der Breite nach. Den ganzen Tag, ohne innezuhalten, wenn man Essen

oder Abendbrot brachte. –

Erst als das Licht beim Hereinbruch der zweiten Nacht verlosch,

legte er sich auf die Pritsche, zog die rauhe Decke über sich und schlief

wie immer. Jäh erwachte er in der anderen Frühe. Es war stockdunkel.

Er griff in die Gegend des Abortes, als suche er etwas oder wolle Licht

anstecken und stieß dabei so hastig an die Wand der Wasserkanne,

daß dieselbe mit einem Knall auf den Boden fiel und klatschend die

Flüssigkeit

aus ihr peitschte. Erschreckt schwang sich Peter von der

Pritsche, hielt seine aufgeknöpften Kleider raffend zusammen und

lauschte aufmerksam. –

Jetzt schlug es fünf. Er atmete auf und begann unsicher und vorsichtig

umherzutasten. Auf einmal fühlte er die Nässe an seinen

Füßen.

»Herrgott! Herrgott!« brummte er mürrisch und besann sich. Aber

in diesem Augenblick räkelte wer an der Tür. Ein Atmen wurde vernehmbar,

das Licht in der hohen Decke flammte auf und wieder standen

die kahlen Mauern ringsherum, das kleine Loch glotzte in den

totenstillen Raum.

»Was machen Sie denn da?!… Sind Sie ruhig!« brüllte der Wärter

draußen ärgerlich. Peters Finger streckten sich und ließen von den

Kleidern. Seine Hose fiel langsam herab. Ein Zittern schüttelte seinen

ganzen Körper.

»Es ist schon fünf Uhr vorbei, ich muß weg!« hauchte er gedämpft. –

Aber es war schon wieder dunkel. Und still. –

Erst nach einer Weile brachte Peter die Kraft auf, seine Hose hochzuziehen,

und tastete sich zur Pritsche, legte sich darauf. Sein Herz

schlug hörbar und mit jedem Uhrenschlag erregter. Um sechs Uhr

schwang er sich empor und blieb dann hölzern sitzen.

Das Licht griff endlich wieder von der hohen Decke in den Raum.

Die Tür öffnete sich unter dem Knarren der Schlüssel. Ein Wärter

stellte das Frühstück herein und der andere an der Tür warf den Aufwischlumpen

her und beide brummten und schimpften wegen des

Wasserumschüttens, hießen Peter aufwischen. Fast froh darüber ergriff

dieser den Lappen, kniete hin und wollte alles möglichst in die

Länge ziehen. Aber die Wärter zeterten und trieben zur Eile.

»Vorwärts! Vorwärts! Glauben Sie, wir sind zu Ihrer Unterhaltung

da! … Marsch! Marsch! … So … fertig!«

Sie rissen ihm den Lumpen aus der Hand und waren schon draußen.

Wieder wich die Tür in die Wand zurück.

Die Schlüssel knirschten.

Das Guckloch starrte wie ein gräßliches, ausgestochenes Auge in den

kahlen Raum.

Peter kniete benommen da. Lange.

Es war still! Still!!

Fürchterlich still!

Wie ein aufgescheuchtes Tier hob der Kniende plötzlich den Kopf,

schaute scheu um sich und sprang mit einem Satz an den Abort, hob

den Deckel und schloß ihn hastig wieder, hob und schloß.

Die Spülung rauschte. Auf und zu klappte der Deckel. Es krachte,

rauschte. Immer hastiger, schneller,

motorisch riß Peter auf und zu,

auf und zu, immerfort,

immerzu, nur um die Stille nicht mehr zu hören,

hob und deckte zu, es rauschte, rauschte – bis der Wärter schrie:

»Sie!! … Sie! Sind Sie verrückt geworden!!

– Passen Sie auf! … Man

ist schon mit anderen fertig geworden! … Warten Sie, Sie!!«

So erschrocken war Peter, daß er noch lange zitterte, dann ging er

hastig wieder die zehn und die zwölf Schritte. Den ganzen Tag. –

Viele, viele Tage, jedesmal um fünf Uhr früh, erwachte

Peter so jäh.

Immer griff er hinüber zum Abortdeckel, wollte Licht anstecken,

sprang auf, brachte seine Kleider in Ordnung, – machte etliche Schritte,

stieß an die kalte Tür und prallte zurück.

Neunzehnunddreiviertel Jahre gleichmäßiges Aufstehen lassen sich

schließlich nicht aus der Gewohnheit auslöschen.

Um sechs Uhr pfiff es. Wenn er am Hebel stand und ihn herumriß,

fing der mächtige Koloß der Fabrik zu surren an, die Riemen klatschten,

quietschten, es krachte, bebte, hämmerte …

Peter war so mit dem Kopf an die Tür gestoßen, daß er taumelnd

zurückfiel, glatt auf den Boden und liegenblieb. –

Wo!? Wo war man denn? Wo denn! Wo!!?

Auf der Welt? In der Hölle? Tief in, der Erde? –

Es war still!

Nirgends war man! Nirgends! Gar nirgends!

In einem Grab, in einem luftleeren, steinernen Sarg! In einer fressenden

Stille! Und durfte langsam, ganz langsam sterben. Niemand

wußte, sah und hörte etwas. Es war still! Still!! – Still!!!

Doch – man hörte etwas, zeitweilig ein ganz fernes Klopfen, ein

Kratzen in den Wänden. Aus einer anderen Gruft vielleicht?! – Nein!

Es waren Holz‑ oder Mauerwürmer, die nagten, nagten, weil sie einen

Kadaver witterten. –

Die dann herabfielen wie Tropfen und langsam in den Leib bohrten,

– nagten, nagten und alles auffraßen! –

Das Licht kam wieder. Peter Windel stand auf, ging zehn und zwölf

Schritte. Er aß jetzt auch. –

IV.

Endlich nach fünfzehn Wochen Haft fand die Verhandlung

gegen Peter

statt.

Stupid folgte der Gefangene den Wärtern durch lange Gänge, dann

fühlte er Luft und bekam Angst, atmete sparsam.

Und dann saß er in einem Saal, sah Gestalten, sah starre Augen und

hörte Redegeräusche um sich herum und aus sich heraus.

Zuerst saß er da wie eine leblose Puppe. Dann, mit jedem gehörten

Wort, kam mehr und mehr das Leben in ihn. Sein Gesicht bewegte

sich, als öffne es sich aus einer Erstarrung – und dann lag ein Lächeln

die ganze Zeit auf seinen stoppeligen Falten und blieb. –

Die Dienstmagd vom Vorderhaus sagte aus. Einfach

klangen ihre

Worte. Sie sprach nicht zu viel und nicht zu wenig.

Das Geräusch der Worte war erst undeutlich, dann wurde es klarer

und klang. –

Am fraglichen Sonntag nachmittags zwei Uhr vernahm

diese

Dienstmagd ein Wimmern aus dem offenen Fenster des Windelschen

Zimmers. Dem folgte ein grobes, kurzes Schimpfen. Dann sah sie den

Angeklagten

auf der Treppe, wie er plötzlich innehielt und wieder

umkehrte. Und wieder hörte sie das Wimmern, noch deutlicher sogar

und ein wütendes Schimpfen, dann einen Türzuschlag und Windel

mit grimmigem Gesicht die Treppe hinunterrennen.

Wie ruhig sie das sagte: »Und dann, gleich darauf, habe ich einen

dumpfen Knall und einen kurzen, nicht recht lauten Schrei, der eher

ein Stöhnen war, gehört und das Wimmern hat auf einmal aufgehört.

Ich weiß nicht mehr genau, war’s gleich nach dem Türzuschlagen oder

ein wenig später. Ich bin dann zu meiner Schwester gegangen, weil ich

Ausgang hatte … Die Leute im Vorderhaus und im Hinterhaus? … Ja

… soviel ich gesehen habe, die waren fast alle weggegangen

… schon

mittags … Es war ja auch so schönes Wetter.«

Peter Windel saß da und lauschte. Es klang! –

Er begann auf einmal langsam – dann aber stoßweise

zu schluchzen.

Eine Bewegung kam in den Saal. Eine Glocke läutete. Lauter rief wer!

Ja! – Ja! Das konnte der Vesperruf in der großen Halle sein! Das war

dasselbe, dünne, schrille Läuten. –

Dann klangen wieder Stimmen hin und her.

Der Chef, die Arbeiter und Angestellten und die frühere Logisfrau

sagten günstig über den Angeklagten aus. Die letztere weinte sogar

buchstäblich und sprach erregt, daß der Staatsanwalt sich verpflichtet

fühlte, sie zu fragen, wie lange Windel sie kenne, ob er sie zuletzt noch

aufgesucht und ob sie zu ihm in näherer Beziehung gestanden habe.

Die dicke Frau wurde darob sehr schrill, schrie und es läutete

abermals. Peter Windel war wieder ruhig geworden und lächelte

wieder. –

Lächelte, trotz der furchtbaren Anklagerede des Staatsanwalts, lächelte

starr in den Raum, als der Rechtsanwalt redete und redete. –

Man fand keine Absicht in dieser Tat. Die Beweise waren zu mangelhaft.

Der Angeklagte war ein unbescholtener

Mensch. Bis in

die Schulzeit hatten die eifrigen Nachforschungen der Behörden

zurückgegriffen,

nichts ließ auf einen jähzornigen, böswilligen Menschen

schließen, sondern eher auf einen schüchternen, scheuen, dem

das Leben stark mitgespielt hatte. –

»Alles, was die tote Frau Hullinger hinterlassen hat, fand man unberührt.

Sie haben ein Zeugnis aus der weitaus überwiegenden Mehrzahl

der Aussagenden, daß der Angeklagte nie zu einer solchen Tat fähig

sei. Wie kann man annehmen, daß ein solcher Mensch wegen einer

geringfügigen Unreinlichkeit einfach eine alte Frau dermaßen an den

Waschtisch wirft, daß sie augenblicklich tot ist !« rief der Verteidiger.

Und viele nickten. Man hörte deutlich ein Aufatmen, als der Freispruch

bekanntgegeben wurde und sah aufgeheiterte,

fast erlöste Gesichter. –

Peter Windel war frei.

»Kommen Sie nur gleich wieder!« hatte sein Chef gesagt, als er ihm

beim Weggehen die Hand drückte. Und der Rechtsanwalt hatte einen

Blick wie ungefähr: »Na, das hätten wir wieder durchgedrückt!«

Nach fünfzehn Wochen spürten Peters zögernde Schritte wieder

Straßen, hörten seine Ohren Trambahnrattern,

sahen seine Augen

Menschen, Farben, Fenster, und er wußte selber nicht, wie und weshalb

er plötzlich an einen Schalter herantrat und sagte: »Dritter Klasse! Ja!«

Er stieg auf den Zug und ging nicht in die Kupees. Eine Nacht lang

stand er auf dem eisernen, ratternden Vorplatz eines Wagens und

atmete. –

Der Wind pfiff. Der Zug sauste, riß die Luft auseinander,

zog vorbeifliegende

Lichter in die Länge, bohrte hemmungslos in eine dunkle,

ungewisse Ferne.

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