aus: Kippzustand
Ihr begebt euch ins Erdgeschoss und
klopft an die Tür der Salpaturas und klingelt und ruft. Unterdessen sind
mehrere Leute im Treppenhaus aufgetaucht. Sie beschließen, es vom Hinterhof aus
zu versuchen, über ein Fenster wollen sie in die Salpaturawohnung steigen und
die Sache prüfen. Die Polizei rufen, auf diese Idee kommt niemand, die Polizei ist etwas für die
Svizzeri, außerdem könnte sich das Ganze noch immer als
Fehlalarm herausstellen. Die Fenster zur Salpaturawohnung sind verriegelt, eine
Weile stehen alle im Hinterhof herum und reden ideenlos im Kreis. Plötzlich
nimmt dein Vater einen Stein, geht zum Küchenfenster und schlägt zu. Du
staunst, weil die Scheibe sofort kaputtgeht, lautlos beinahe. Dein Vater steckt
den Arm durchs gezackte Loch, öffnet das Fenster und steigt in die Wohnung.
Niemand traut sich, ihm zu folgen. Es vergehen Minuten, wie dir scheint, dann
taucht das Gesicht deines Vaters wieder auf, so blass, dass du es zuerst gar
nicht erkennst, ein Mondgesicht, ein Kalkgesicht. Du kannst dich nicht mehr
beherrschen, es ist absolut kopflos von dir, trotzdem schwingst du dich aufs
Fenstersims, stößt deinen Vater beiseite und gehst in die Wohnung. Du biegst
um die Ecke ins Wohnzimmer und siehst die Nuria Maria dort liegen, ein grünes
Tuch umschlingt ihren Hals, der Mund steht offen, die kleine Zunge klebt an der
Unterlippe fest. Alles in dir ist wie lahmgelegt, als würde dein Körper eine
unendliche unmögliche Betriebspause machen, während du die Leiche betrachtest
und für immer in dir speicherst, während du den Frauenkörper genau studierst
und dich im Geist über den Frauenkörper legst und aus nächster Nähe darüber
hinweggleitest, um zu begreifen, um zu riechen und zu schmecken, was da genau
liegt, was da genau übrig geblieben ist von der Nuria Maria, die du gekannt
hast. Nichts, sagst du dir, auch als du nach draußen gehst und dich die anderen
fragen und sich tragödienhungrig um deinen Vater scharen, Nichts wiederholst du
unablässig, selbst als die Leichenspezialisten aus der Stadt eintreffen und die
Polizei eure Aussagen aufnimmt, immer nur dieses Wort kannst du denken. In den
folgenden Tagen kursieren die üblichen Gerüchte, von Sexualmördern ist die
Rede, von Einbrechern und Selbstmord.
Erst in der Zeitung erscheint eine plausible Version: Francesco Salpatura ist
mit seinen Kindern nach Sardinien gefahren, um sie bei der Großmutter
unterzubringen, anschließend hat er sich ins Auto gesetzt und ist zwischen zwei
und drei Uhr morgens wieder in Furtnau eingetroffen. Es bleibt ungeklärt, ob er
zu diesem Zeitpunkt bereits die Absicht hatte, seine Frau zu strangulieren. Es
ist nicht auszuschließen, dass er mit ihr reden wollte, um die Scheidung zu
verhindern, dass es zu einem heftigen Streit gekommen ist und alles außer
Kontrolle geriet. Die heimliche Rückkehr in der Nacht legt allerdings nahe, dass der Francesco die Absicht hatte,
unbeobachtet in den Wohnblock zu gelangen, woraus man schließen muss, dass er
ebenso unbeobachtet wieder aus dem Wohnblock herauskommen wollte. Das deutet
darauf hin, dass er seine Flucht und damit den Mord bereits in Sardinien geplant
hat.
Rezension I Buchbestellung IV02 LYRIKwelt © Nagel & Kimche