Johann Christoph Gottsched

Der strenge Ehemann

Karl der Achte, König in Frankreich, ... schickte einen vornehmen Hofbedienten nach Deutschland, gewisse Reichsangelegenheiten zu besorgen. Die Reise ward sehr geschwinde fortgesetzt, und der Gesandte schonte sogar der Nacht nicht, den Befehl seines Herrn desto schleuniger zu vollziehen. Einen Abend kam er ganz spät an das Schloss eines Landjunkers, bei welchem er um Herberge bat. Es kostete viel Mühe, ehe er eingelassen ward; doch da der Edelmann hörte, dass es ein Bedienter seines Königs wäre, kam er ihm entgegen und entschuldigte die Grobheit seiner Leute, setzte aber hinzu, dass er um einiger übelgesinnten Anverwandten halber von Seiten seiner Ehegattin dergleichen Vorsichtigkeit vonnöten hätte. Hierauf führte er den Gast herein und nahm ihn mit aller möglichen Ehrenbezeigung auf. Als es Essenszeit war, führte der Wirt diesen Fremden in einen schönen tapezierten Saal. Man trug auf, und alsbald kam unter den Tapeten das schönste Frauenzimmer von der Welt hervorgetreten, aber mit einem kahlbeschornen Haupte und in einem nach deutscher Manier gemachten schwarzen Trauerkleide. Man brachte das Handbecken, und als der Gast und Wirt sich gewaschen hatten, reichte man es dieser Dame, welche sich auch wusch und, ohne ein Wort zu sprechen, noch von jemandem angeredet zu werden, sich am Ende des Tisches niederliesß. Der Fremde sah sie oft an und fand, dass sie bei ihrer großen Schönheit doch sehr blass und ganz niedergeschlagen war.

Als sie etwas gegessen hatte, forderte sie zu trinken. Ein Bedienter brachte ihr solches, aber in einem Gefäße von wunderbarer Gestalt. Es war die Hirnschale von einem Menschen, darinnen die Augenlöcher mit silbernen Blechen vermacht waren. Sie trank zwei- oder dreimal daraus; und als sie satt war, stand sie auf, wusch wieder die Hände, machte dem Hausherrn einen Reverenz und verfügte sich wieder hinter die Tapeten, ohn' ein einziges Wort zu sagen. Über einen so seltsamen Anblick ward der Fremde ganz traurig und voller Gedanken. Der Wirt merkte dieses und sprach: « Ich sehe wohl, dass dasjenige, was Ihr an meinem Tische gesehen, Euch sehr wundernimmt, aber weil ich einen redlichen Mann an Euch finde, will ich Euch nichts verhehlen, damit Ihr mich nicht für grausam halten möget. Dieses Frauenzimmer, so ihr gesehen habt, ist meine Ehegattin, die ich zärtlicher geliebt habe, als jemals ein Mann seine Frau lieben können; denn ihrer habhaft zu werden, habe ich alle Furcht aus dem Sinne geschlagen und sie wider ihrer Eltern Willen hierher gebracht. Sie bezeigte auch soviel Liebe gegen mich, dass ich mein Leben nicht einmal, sondern zehntausendmal für sie gewagt hätte. Wir haben auch eine Zeitlang so vergnügt miteinander gelebt, dass ich mich für den glücklichsten Edelmann von ganz Europa gehalten. Als ich einstmals auf einer Reise begriffen war, dazu mich meine Ehre verpflichtete, setzte sie die ihrige so sehr aus den Augen und vergaß ihres Gewissens und der Liebe gegen mich so gar, dass sie sich in einen jungen Edelmann verliebte, den ich viele Jahre erhalten hatte. Sobald ich zurückkam, merkte ich zwar etwas von dieser Liebe, traute aber meinem Argwohne nicht eher, bis mir die Erfahrung selbst die Augen öffnete; und dadurch ward alle meine vorige Liebe in Raserei und Verzweiflung verwandelt. Diese nun mit rechtem Nachdrucke auszulassen, stellte ich mich an, als ob ich verreiste, versteckte mich aber in eben dem Zimmer, darinnen sie jetzo ist, wohin sie auch, gleich nach meiner vermeinten Abreise, ihren Buhler kommen ließ. Ich sah ihn mit einer solchen Freiheit zu ihr hereintreten, die mir allein gegen sie zukam; da er sich aber zu ihr ins Bette machen wollte, sprang ich hervor, ergriff ihn in ihren Armen und erstach ihn auf der Stelle. Meiner Ehegattin wäre es nicht besser gegangen; weil aber ihr Laster viel zu groß war, als dass es durch einen solchen Tod sattsam hätte bestraft werden können, so habe ich ihr eine andre Strafe auferlegt, die mir schwerer als der Tod selbst zu sein dünket. Ich halte sie in der Kammer verschlossen, darin sie damals ihre größte Belustigung genießen wollte, und zwar in Gesellschaft dessen, den sie mehr als mich liebte. Ich habe nämlich den toten Körper desselben jungen Edelmannes in einen Schrank gehängt und sie gleichsam zur Bewahrerin dieser Kostbarkeit bestellt. Ja damit sie ihres Geliebten niemals vergessen möge, so lasse ich ihr auch bei Tische den Schädel dieses Bösewichts als ein Trinkgeschirr vorsetzen, damit sie also erstlich denjenigen lebendig vor Augen sehen müsse, den sie sich durch ihr Laster zum Todfeinde gemacht, zugleich aber auch denjenigen, dessen Freundschaft sie der meinigen vorgezogen » ...

Der Edelmann ... fuhr weiter fort, sein Verfahren zu rechtfertigen und seinem Gaste von allen Umständen Nachricht zu geben. « Die Haare », sprach er, « habe ich ihr deswegen abgeschoren, weil eine Ehebrecherin dieses Schmuckes ganz unwert ist. Denn ihr kahler Kopf gibt jetzo zu verstehen, dass sie durch ihr Laster Zucht, Scham und Ehre verloren habe. Wollt Ihr Euch etwa bemühen, mein Herr, und sie in ihrem Zimmer besuchen: so wird Euch der Augenschein selbst von allem, was ich Euch gesagt habe, überführen. »

Dem Fremden war nichts lieber als dieses Anerbieten. Denn wie er sich in soviel seltsame Dinge gar nicht zu finden wusste, so wünschte er nichts mehr, als eine vollkommene Überzeugung von der Wahrheit aller Umstände zu erlangen. Er folgte also seinem Wirte. Sie kamen in ein schönes Zimmer und fanden die Dame ganz allein vor einem Kaminfeuer sitzen. Der Edelmann zog einen Vorhang weg: und siehe, da hing das Totengerippe ohne Kopf, davon er vorhin geredet hatte. Der Gast erstaunte fast darüber, sah aber noch weit begieriger nach dem Frauenzimmer, welches aus Ehrerbietung aufgestanden war, doch vor Scham die Augen nicht in die Höhe schlagen durfte. So gern er sie angeredet hätte, so unterließ er es doch: aus Furcht vor dem gegenwärtigen Edelmanne, als welcher noch kein Wort gesprochen hatte. Sobald dieser solches merkte, sprach er: «wollt Ihr mit ihr reden, mein Herr, so werdet Ihr hören, was für eine Sprache sie hat und wie sie sich auszudrücken weiß. » Mehr brauchte es nicht als diese Erlaubnis. «Madame», sprach der Fremde, « wenn Sie soviel Geduld besitzen, als Marter Sie bisher empfunden haben, so sind Sie das glücklichste Frauenzimmer von der Welt. » - «Mein Herr », erwiderte die Dame mit tränenden Augen und der demütigsten Miene, die nur zu erdenken ist, « ich gestehe es, mein Verbrechen ist so groß, dass alle Qual, die mir mein Herr - denn ich bin nicht wert, ihn meinen Ehegatten zu nennen - antun könnte, gegen die Reue, so ich darüber empfinde, für gar nichts zu rechnen ist. Denn nichts martert mich empfindlicher, als wenn ich bedenke, dass ich den zärtlichsten und liebreichsten Mann von der Welt so gröblich beleidigt habe. » Und indem sie dieses sagte, brachen ihr die Tränen so häufig aus den Augen, dass sie stromweise die Wangen herunterliefen und sie vor bitterlichem Weinen kein Wort mehr hervorbringen konnte. Der mitleidige Fremde ward so sehr dadurch gerührt, dass ihm die Augen gleichfalls voll Wasser liefen, und die Wehmut würde bei ihm vollends ausgebrochen sein, wenn ihn der Edelmann nicht beim Arme ergriffen und ihn sogleich wieder hinausgeführt hätte.

Mit was für Gedanken er diese ganze Nacht hingebracht, ist leichter zu denken, als zu erzählen. Frühmorgens, als er seine Reise wieder antreten und von dem Landjunker Abschied nehmen wollte, konnte er sich nicht enthalten, ihm von wegen seiner Ehegattin zuzureden und für sie zu bitten. « Mein Herr », sprach er, « die Liebe, so ich zu Euch trage, und die Höflichkeit, so Ihr mir erwiesen habt, verbindet mich, Euch meine Gedanken mit mehrer Freiheit zu eröffnen, als ich gegen einen andern tun würde. Mich dünkt, Ihr solltet Eurer Ehegattin Barmherzigkeit widerfahren lassen. Ihr seht ja wohl, wie sehr sie ihren Fehler bereut. Entschuldigen mag ich denselben nicht, um Euch nicht noch mehr zu erzürnen. Erwäget aber nur, dass Ihr noch jung seid und keine Erben habt. Wäre es nun nicht ewig schade, dass ein so schöner Hof und ein so einträgliches Rittergut, als das Eurige ist, dermaleins in fremde Hände geraten oder lachenden Erben anheimfallen sollte? Vergebt Eurer Frauen ein Versehen, welches sie vielleicht aus Übereilung begangen hat und gewiss niemals wiederholen würde, wenn sie, nach einer so empfindlichen Strafe, Eure Liebe wieder schmecken sollte. »

Wiewohl sich der Edelmann fest vorgesetzt hatte, seine untreue Ehegattin lebenslang in diesem traurigen Zustande zu lassen, so machte ihm doch dieses Zureden des königlichen Gesandten keinen geringen Eindruck. Er stand eine Weile in Gedanken, ohne ein einziges Wort zurückzusagen. Endlich fand er, dass ihm freilich sein Gast nichts Unrechtes geraten hatte, und darum versprach er, sich seiner Frauen wieder zu erbarmen, dafern sie noch eine Zeitlang in solcher Reue verharren würde. Hierauf reiste der Fremde ab, verrichtete seine Gesandtschaft und langte nach einiger Zeit wieder am königlichen französischen Hofe an. Er erzählte daselbst dem Könige unter andern auch diese seltsame Begebenheit, die er in dem Schlosse eines Landjunkers, wo er übernachtet war, teils gehört, teils selbst gesehen hätte. Dabei wusste er die Schönheit dieser unglücklichen Dame so vollkommen zu beschreiben, dass der König seinen Hofmaler dahin abschickte, dieselbe nach dem Leben zu schildern und ihm das Gemälde nach Hofe zu bringen. Ungeachtet sie noch ihr Gefängnis hüten musste, so erlaubte doch der Edelmann dem Maler, dieselbe, dem königlichen Befehle gemäss, in ihrem Trauerhabite abzuschildern. Vielleicht trug auch die Betrachtung, dass der Hof selbst von seinem Verfahren schon Nachricht hätte, nicht wenig bei, dass er sie bald darauf zu Gnaden annahm. Alles vorige ward von beiden Teilen vergessen. Das Gerippe ward vergraben, das Trinkgeschirr abgeschafft, und alle andre Merkmale ihrer ausgestandenen Strafe wurden gänzlich vertilgt. Sie liebten nochmals einander mit vollkommener Treue, und es schien, als wenn diese heftige Erbitterung bloß zur Vergrößerung ihrer ehelichen Zärtlichkeit gedient hätte. Kurz, sie schienen ein neuvermähltes Paar zu sein und hatten das Vergnügen, in einem fruchtbaren Ehestande alt und grau zu werden, ja fast zu gleicher Zeit, wohlbetagt und lebenssatt, ihre Augen zu schließen.

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