DER GERUCH
Es war der Geruch. Eigentlich gab es einen solchen Geruch
gar nicht. Er
war eigens für diese langen Korridore, hölzernen Treppen, eisernen
Geländer und die Tausende von Büchern erfunden worden. Etwas zwischen
Staub, Moder und frischer Luft. Er hatte viel darüber nachgedacht, wie
man diesen Geruch definieren könnte. Schliesslich war er überzeugt: Es
war der Geruch der wispernden Bücher. Die Zungen ihrer verschiedenen
Sprachen flüsterten diesen Geruch, der einmalig und unverwechselbar war.
Der Mann kam jeden Tag hierher. Der Geruch und er gehörten zusammen. Er
konnte sich nicht mehr erinnern, wann er angefangen hatte mit diesem
täglichen Ritual. Was zwischen diesen Besuchen lag, war lediglich die
Auffüllung von Zeit. Das Leben selbst war mit diesem Geruch verbunden,
und er konnte sich nicht vorstellen, irgendetwas anderes wichtig oder
interessant zu finden.
Jede Etage des Büchermagazins erreichte man über zwei kurze Treppen,
deren Bretter graubraun waren wie eine gewisse Sorte uneinladendes Brot
beim Bäcker. Der Mann liebte diese Treppen. Sie führten ihn von der
Kunstgeschichte zur Philosophie - von der Philosophie zur Medizin - von
der Medizin zur Baubiologie - von der Baubiologie zur Romanistik. Ohne
Ende. Es gab sechs so genannte "Böden", denn in diesen Räumen gab es
keine Etagen sondern "Böden" - so wie es Heuböden gibt oder Tanzböden.
Das hier waren Bücherböden. Man betrat diese Welt auf Boden 3, und da es
im Ganzen sechs waren, befand man sich unmittelbar mitten in den
Büchern, umgeben von dem wispernden Geruch. Der Mann mied die zwei
untersten Böden. Dort gab es kein Parkett, sondern hässliches Linoleum,
ausserdem dicke Rohre und stets verschlossene etwas unheimliche Türen.
Nein, Boden 1 und 2 passten ihm nicht; aber dort gab es auch nur
Zeitschriften und nicht die Bücher, die er gerne las.
Die Erscheinung des Mannes war unscheinbar. Sein Mantel, den er zu jeder
Jahreszeit trug, war etwas zu lang, etwas zu weit, und in seinen Taschen
waren Tabakkrümel. Die Stufen unter den abgetragenen Schuhen knarrten
nicht, sie seufzten, aber nur ganz leise. Zwischen den Stufenbrettern
konnte man hinunter schauen in den unteren Boden und verlor so niemals
die Übersicht. Das Magazin der Bibliothek war in einem Altbau
untergebracht. Die Fensterleibungen waren aussergewöhnlich breit und
lagen so tief, dass man sich bequem darauf setzen konnte um zu lesen.
Und das war sie denn auch, seine Beschäftigung. Er las sich durch die
Bibliothek, von Boden zu Boden. Doch las er nicht systematisch. Die
Böden bestanden aus langen Gängen in denen rechts und links im rechten
Winkel Bücherregale standen. Am Ende jedes zweiten Regals waren kleine
Bretter angebracht, auf denen man etwas notieren oder Bücher ablegen
konnte. Mauch fühlte sich wohl in dieser Welt. Sonntags wusste er nichts
mit sich anzufangen. Wozu gab es diese Tage überhaupt? Damit
irgendwelche Leute in irgendwelchen Parks spazieren gehen konnten? Mauch
verstand das nicht. Er hätte sich natürlich Bücher ausleihen und nach
Hause nehmen können, aber das tat er nie. Zu Hause fehlte der Geruch. Da
war es nicht dasselbe. Überhaupt "zu Hause" was war das schon? Zwei
Zimmer, Küche, Bad. Altbau.
Früher war er einmal jung gewesen und hiess Karl. Jetzt hiess er nur
noch Mauch, He, Mauch kommst Du auf ein Bier? Diesen Satz hatte er zwar
schon lange nicht mehr gehört, denn wer wollte schon mit jemandem Bier
trinken gehen, der sein Leben in einem Bibliotheksmagazin verbrachte.
Dafür hatten seine ehemaligen Kollegen kein Verständnis. Mauch war
allein, und es war ihm recht so. Eigentlich dachte er gar nicht mehr
darüber nach. Bier schmeckte ihm sowieso nicht besonders.
Es war an einem Freitag gewesen. Mauch sass in einer der
Fensterleibungen und blätterte in einem Buch über die Schlacht von
Austerlitz. Napoleon, ja das war noch einer, einer der wusste, war er
wollte. Napoleon begeisterte ihn. Schon seit einigen Tagen kehrte er
immer wieder zum Regal mit den Geschichtsbüchern zurück und suchte nach
Büchern über Napoleon. Mauch konsultierte niemals den
Bibliothekskatalog. Er fand seine Bücher selbst, ohne Reihenfolge, ohne
System. Hatte er ein faszinierendes Thema gefunden, suchte er die Regale
ab - diesmal systematisch - um weitere Titel zum Thema zu finden. Mauch
war möglicherweise der einzige Bibliotheksbesucher, der so vorging. Das
Buch, das er an diesem Freitag in den Händen hatte, war alt, etwas
zerfleddert und mit Stahlstichen illustriert: Napoleon auf dem
Feldherrnhügel, das Schlachtgetümmel, sich aufbäumende Pferde. Mauch
blätterte neugierig von Bild zu Bild, der Text kümmerte ihn weniger. Im
Geist kolorierte er die Bilder und erweckte sie zum Leben. Er hörte
Schreie und das Klappern der Hufe, roch den aufgewirbelten Staub, der in
Wirklichkeit von den ihn umgebenden Büchern ausging. Aber für ihn war es
der Staub des Schlachtfelds. Er hörte Kanonendonner, der immer näher
kam. Es war der Bibliotheksdiener mit dem ausladenden schwarzen Schnauz
und der etwas gebeugten Haltung. Mauch kannte ihn schon lange. Er hiess
Eugen Barth und so lange Mauch in die Bibliothek kam, so lange gehörte
auch Barth dazu. Wahrscheinlich war Barth hier geboren worden. Er schob
einen rumpelnden Bücherkarren vor sich her, der aussah wie der
Kinderwagen für das Neugeborene eines Riesen. Seine Aufgabe war es, die
bestellten Bücher aus den Regalen zu holen, in den Wagen zu legen, zur
Ausleihe zu fahren und umgekehrt. Für Mauch verwandelte sich das Rumpeln
des Wagens in Kanonendonner, und er achtete diesmal überhaupt nicht auf
Barth, der zum 10'483sten Mal über Boden 4 donnerte. Er sah auch die
Studentin nicht, die mit der grossen leicht violett getönten Brille und
den etwas zu grossen Sandalen. Er war mit Napoleon in Austerlitz.
Wo war dieses Austerlitz eigentlich? Dieser Frage würde er nächstens
nachgehen müssen. Mauchs Fragen reihten sich von selber aneinander, ein
Buch ergab das andere. Das war gut so, der Stoff würde ihm nicht
ausgehen. Zum Glück hatte er eine grosse Universitätsbibliothek
ausgewählt, denn das Schlimmste wäre gewesen, vor seinem Tod mit der
Bibliothek fertig zu werden. Aber diese würde ihn überleben.
Barth donnerte vorbei. Mauch bemerkte es nicht.
Nach einer Weile streckte er sich. Er hatte eine Stunde in der
Fensterleibung gesessen und sein Rücken tat weh. Er stellte das Buch ins
Regal zurück. Da es das letzte in der Reihe war, würde er sich merken
können, wo es gestanden hatte. Aus einer alten zerknautschten Aktenmappe
nahm er eine Thermosflasche hervor und stärkte sich mit Tee Rum. Nein,
Alkoholiker war er nicht, aber Tee Rum wärmte und stärkte. Er brauchte
dann weniger Geld fürs Essen.
Das Rumpeln des Bücherwagens war verstummt. Ein alter Herr mit spitzer
Nase kam vorbei und grösste Mauch flüchtig. Sie kannten sich nicht und
wollten sich auch gar nicht kennen lernen. Die Studentin mit den zu
grossen Sandalen kam zurück und verschwand Richtung Boden 3. "Hallo Herr
Mauch", Barth stand vor ihm, diesmal ohne seinen Bücherwagen. "Guten Tag
Herr Barth, so, wieder an der Arbeit?" Mauch hätte sich für diese dumme
Bemerkung ohrfeigen können, aber jetzt war sie schon gemacht. "Wissen
Sie wie lange ich hier schon arbeite? 34 Jahre! Ja, so vergeht die
Zeit." Mauch war froh, dass sein Gegenüber ebenso triviale Bemerkungen
machte wie er selbst. So musste er sich zumindest nichts vorwerfen. In
Barths Schnauz hing ein Brotkrümel. Mauch war glatt rasiert. Darauf
achtete er streng, nur keine Haare im Gesicht. "So, dann wollen wir mal
wieder. War schön ein wenig zu plaudern." Mit diesen Worten drehte sich
Barth um und trollte sich. Mauch bemerkte, dass Barths Beine krumm
waren, was ihm bisher nie aufgefallen war.
Mauch steckte die Thermosflasche zurück in sein Mäppchen und griff nach
dem Buch, das er ans Ende des Regals gestellt hatte. Bevor er zu
blättern anfing, blickte er kurz hoch, weil zwei Studenten vorbeikamen,
die sich offenbar über irgendein wichtiges Thema ereiferten. Und dann
sass er da und blätterte. Punkt 18.00 Uhr stellte er das Buch zurück ins
Regal, nahm seine Mappe und ging auf den Ausgang der Bibliothek zu. Die
Garderobenfrau verabschiedete ihn freundlich wie immer. "Guten Abend,
Herr Mauch." Sie kannte ihn schon lange, obwohl er niemals etwas bei
ihr abgab. Seinen Mantel trug er fast das ganze Jahr hindurch und er
behielt ihn immer an. Er hätte sich sonst schutzlos gefühlt.
Es war April. Regen hing in der Luft, fiel aber nicht. Umso besser.
Mauch würde zu Fuss nach Hause gehen. Auf dem Weg ging er in die
Bäckerei und kaufte sich zwei Schinkenbrötchen zum halben Preis und ein
Stück Schokoladenkuchen. Als er seine Wohnungstüre aufschloss, schlug
ihm der abgestandene Kaffeegeruch vom Morgen entgegen. Mauch deponierte
seine Mappe auf einem kleinen Tisch, hängte seinen Mantel an die
Garderobe, ging in die Küche und öffnete das Fenster. In der
Nachbarwohnung lief der Fernseher. Mauch hatte sich daran gewöhnt und
achtete nicht mehr darauf. Er legte die Papiersäckchen mit den
Schinkenbrötchen und dem Kuchen auf den Küchentisch neben die Zeitung
und die Kaffeetasse vom Morgen. Dann holte er eine Flasche Wasser aus
dem Kühlschrank und setzte sich. Geschirr brauchte er keines. Während er
ass, blätterte er gedankenlos in der Zeitung herum. Er fand nichts, was
seine Aufmerksamkeit gefesselt hätte.
Das war der erste Tag der Geschichte, von der Mauch noch nichts ahnte.
Der Samstag begann trübe und verhangen. Mauch war froh, dass die
Bibliothek bis 17 Uhr offen blieb. Ein geruchloser Tag pro Woche genügte
ihm. Natürlich gab es andere Gerüche, aber die waren nicht annähernd so
wichtig für ihn. Die anderen Gerüche stammten nicht von wispernden
Büchern, sondern von gekochtem Kohl, verschwitzten Kleidern, zu stark
parfümierten Frauen oder blühenden Narzissen. Es gab nur einen vitalen
Geruch für Mauch, den der Bücherflüsterer.
Er betrat die Bibliothek gleich hinter dem Angestellten, der die Tür für
das Publikum öffnete. "Guten Morgen, Herr Mauch." Das war die
Garderobenfrau. "Morgen", brummte Mauch. Er war noch nicht bereit für
Gespräche. Die Marmortreppe - kein weisser Carrara, nur bescheiden
grauer - war noch feucht, die Putzequipe noch unterwegs. Mauch hatte das
Gefühl, in die Intimität der Bibliothek einzudringen, in den Teil ihres
Lebens, der nicht für das Publikum bestimmt war. Das irritierte ihn
einerseits, andererseits gefiel ihm diese Art von Vertraulichkeit. Sie
verlieh ihm eine Sonderstellung, von der zwar nur er etwas wusste, aber
dennoch: Am Samstag gab es weniger Studenten in der Bibliothek dafür
mehr Leser, die nur samstags Zeit für Bibliotheksbesuche haben. Daher
begegnete Mauch am Samstag anderen Gesichtern als unter der Woche. Auch
Eugen Barth hatte samstags frei. Mauch kannte den Namen seines
Vertreters nicht. Er war dünn und blond und nichts sagend. Mauch fiel
auf, dass er heute nicht mit dem üblichen Bücherwagen unterwegs war.
Einen kurzen Augenblick lang wunderte er sich über diese Tatsache,
vergass es aber sofort wieder.
Wo sollte er heute beginnen? Er hatte keine Lust auf Napoleon und liess
sich durch die Gänge treiben wie eine Nebelschwade, die vom Wind
getrieben wird. Träge und schleppend. Sein Blick blieb nirgends hängen.
Doch - da stand ein dickes Buch mit einem roten Einband. "Die letzten
römischen Kaiser". Obwohl er eigentlich nicht damit gerechnet hatte,
sich heute mit römischen Kaisern zu beschäftigen, hatte dieses Buch
etwas an sich, das ihn dazu brachte, es aus dem Regal zu ziehen und
irgendwo aufzuschlagen. Sein Blick fiel auf den Namen Konstantin. Das
sagte ihm etwas. Das war doch der mit dem Christentum. Mauch versuchte
sich zu erinnern. Vielleicht stand ja etwas Interessantes darüber in dem
Buch. Er ging zurück zum Anfang des Satzes, der den Namen Konstantin
enthielt: "Konstantin hatte im Jahr 326 seine Frau Fausta töten lassen
und kurz danach auch seinen Sohn Crispus, der aus einer früheren Ehe
stammte. Der Sohn wurde zum Tode verurteilt und vergiftet, die Gemahlin
im Bad ertrдnkt." Mauchs Interesse war geweckt. Ihm war noch nicht
klar, was das jetzt alles mit dem Christentum zu tun hatte, aber es war
abzusehen, dass er das Buch nicht so bald aus der Hand legen würde. Der
dünne Blonde kam mit seinem Bücherwagen vorbei, der weniger laut
rumpelte als der von Barth. Jener hatte etwas Geheimnisvolles, weil man
nicht sehen konnte, was er enthielt. Der Samstagswagen hingegen war eine
Art offener flacher Korb auf Rädern.
Mauch verstrickte sich in die Intrigen und Kämpfe des vierten
Jahrhunderts und bemerkte nicht mehr, was um ihn her vorging. Er
bemerkte auch nicht, dass der dünne Blonde leichenblass durch den
Mittelgang von Boden 4 hastete. Und er bemerkte nicht, dass er während
des ganzen Tages nicht mehr vorbeikam. Mit Ausnahme einer kurzen
Tee-Pause blieb Mauch bis zur Schliessung der Bibliothek in das rote
Buch vertieft. Entweder waren wenige Besucher vorbeigekommen oder er
hatte sie übersehen. Als er zum Boden 3 hinunterging, wo sich der
Ausgang befand, war auch da niemand zu sehen. Sehr still war es heute in
diesen Gängen.
Draussen herrschte eine merkwürdige Stimmung. Die späte Sonne warf eine
Art Scheinwerferlicht auf die regennassen Strassen und Bäume. Irgendwo
zwitscherte ein Vogel. An der Kreuzung wäre Mauch beinahe überfahren
worden, weil er nicht auf die Ampel geachtet hatte. Ein Automobilist
sandte ihm ein wütendes Hupen hinterher. Mauch bog um die Ecke und sah
Eugen Barth hastig die Strassenseite wechseln. Vielleicht irrte er sich,
vielleicht war es gar nicht Barth, sondern irgendjemand, der ihm ähnlich
sah. Mauch schaute ihm nach. Er war sich ziemlich sicher, dass es Barth
war, schon der krummen Beine wegen. Komisch, dass er ihn nicht gegrüsst
hatte, sondern beinahe fluchtartig vor ihm weggelaufen war.
Wahrscheinlich wurde man so schrullig, wenn man 34 Jahre in einem
Büchermagazin arbeitete.
Wie jeden Samstag verbrachte er einen sehr ruhigen Abend und legte sich
früh schlafen. Das war seine Art Protest gegen die allgemeine
Samstag-Abend-Hektik. Sollen sie doch, dachte er, und legte sich hin. Er
träumte von der im Bad ertränkten Fausta, die eigentlich ganz nett
aussah, wenn auch den Umständen entsprechend etwas blass. Warum hatte
sich Konstantin ihrer entledigt? Das stand nicht in dem roten Buch. Wird
wohl eine Liebesgeschichte gewesen sein. In Mauchs Leben hatte das, was
die Leute Liebe nannten, keine grosse Rolle gespielt. Er erinnerte sich
an Anna. Da war er noch sehr jung. Sie aber hatte den Gemeindeförster
geheiratet, einen eingebildeten rothaarigen Idioten. Und danach? Na ja,
nicht der Rede wert. Mauch war kein Romantiker.
Das war der Samstag gewesen.
Wer am Sonntag um 6 Uhr aufsteht, muss unvermeidlich den Eindruck haben,
allein auf der Welt zu sein. Mauch sah aus dem Fenster. Nichts. Für
Mauch waren Sonntage nichts als Lebenslücken, die es irgendwie zu
schliessen galt. Am Sonntag war lesen für ihn tabu, daher musste er
andere Beschäftigungen finden. Er wanderte durch seine Wohnung und blieb
schliesslich am Herd stehen. Der Kaffe war schon durch den Filter
gelaufen. Er goss sich eine Tasse voll und setzte sich in den einzigen
bequemen Stuhl, den er besass. Am Fenster sitzend, bemerkte er, dass im
Haus gegenüber jemand auf dem Balkon stand. Es war eine Frau im
Morgenrock. Mauch hasste Morgenröcke genau so wie unrasierte Gesichter.
Aber wenigstens wusste er jetzt, dass er nicht allein auf der Welt war.
Zum Glück hatte er keine Frau mit Morgenrock, die jetzt in der Küche
gewesen wäre und ihm den Kaffee verdorben hätte. Sonntagmorgen war auch
ohne das schon mühsam genug.
Der Kaffee schmeckte ihm heute aussergewöhnlich gut und er goss sich
eine zweite Tasse ein. Die Zigaretten waren ihm schon gestern
ausgegangen. Er würde zum Automaten gehen müssen. Mauch zog seinen
Mantel an, schloss die Wohnung ab und ging die beiden Treppen hinunter.
Die schwere Haustüre klappte hinter ihm zu. Der Morgen war angenehm kühl
und frisch. Mauch beschloss einen Umweg zu machen und bog in die
Fliederstrasse ein. Er selbst wohnte "Am Rosengarten". Die blumigen
Strassennamen wollten nicht so recht zur Umgebung passen. Das Quartier
war in den 30er Jahren bebaut worden und in der Hauptsache standen da
drei- bis viergeschossige Miethäuser, deren Wohnungen - und das war der
Vorteil des Quartiers - fast alle einen geräumigen Balkon hatten. Mauch
hatte keinen Balkon, aber er hätte auch gar nicht gewusst, wozu er ihn
brauchen sollte. Etwa Geranien züchten? Mauch bog nach links ab. Ein
Mann in Mantel und Hut ging an ihm vorbei. Er kannte ihn nicht. Er
kannte kaum jemanden im Quartier. Der Zigarettenautomat stand auf einem
kleinen Platz bei der Tramstation. Das Tramhäuschen glich einem
Jugendstilpavillon mit leicht bauchigen dicken Säulen. Mauch warf die
Münzen ein, zog die kleine Schublade raus und steckte das
Zigarettenpäckchen in die Manteltasche. Der Kiosk war zu. Der Rollladen
davor war mit Tags und den Flecken ausgedrückter Zigaretten bedeckt. Auf
dem Boden lag eine verregnete Gratiszeitung. Niemand wartete auf ein
Tram, und es kam auch keines. Mauch machte sich auf den Heimweg. Rauchen
würde er erst zu Hause. Auf der Strasse rauchte er aus Prinzip nicht.
So dümpelte der Sonntag vor sich hin. Es war der dritte Tag der
Geschichte, von der Mauch noch nichts wusste.
Bis zu seiner Frühpensionierung hatte Mauch in einem Labor der
chemischen Industrie gearbeitet. Ein angenehmer Beruf mit wenig
Aufregung und relativ viel Lohn. Jeden Tag hatte er um 8 Uhr begonnen
und um 17 Uhr aufgehört. An jedem Monatsende hatte er seinen Lohn
bezogen und jeden Sommer hatte er Anrecht auf fünf Wochen Ferien, mit
denen er nichts anzufangen wusste. Seine Kollegen erzählten nach den
Ferien von Mallorca, den Malediven oder dem Nordkap. Er nicht. Seine
Ferien verbrachte er zu Hause in der Hoffnung, sie würden bald zu Ende
sein. Und irgendwann fanden sie immer ein Ende. Dann ging Mauch wieder
fьr 47 Wochen regelmässig zur Arbeit. Bis die Fusion kam. So war das
heute. Mauch hatte sich schnell damit abgefunden. Was hätte er auch
anderes tun können?
Damals hatte er den Geruch entdeckt. Und der liess ihn nicht mehr los.
Da er über viel freie Zeit verfügte, begann er in die Bibliothek zu
gehen. Anfangs in der Absicht, sich Bücher zu holen und zu Hause zu
lesen. Aber nachdem er zum ersten Mal im Magazin gewesen war und den
Geruch entdeckt hatte, nahm er nie wieder Bücher mit nach Hause, sondern
las sie vor Ort - umgeben von diesem einmaligen Geruch der
Bücherflüsterer.
Am Montagmorgen hatte er auf Boden 3 ein buntes Buch über Kakteenzucht
gesehen und einige Zeit darin geblättert. Aber dann zog es ihn zurück zu
Boden 4, wo Napoleon noch immer von seinem Feldherrenhügel herunter
starrte. Mauch machte es sich in der Fensterleibung bequem und begann in
einem dicken Wälzer über den Korsen zu lesen. Nach etwa einer halben
Stunde - es mochte um 10 Uhr herum gewesen sein - bemerkte er zwei
Polizisten, die den Gang entlang gingen. Die Bücherregale versperrten
ihm die Sicht, daher konnte er nicht sehen, wohin genau sie gingen. Fest
stand, dass sie eine ganze Weile nicht mehr zurückkamen, was Mauch
allerdings nicht zur Kenntnis nahm, weil er gerade mit Napoleons
Kindheit beschäftigt war. Schwierig sich den Feldherrn als Baby oder
sabberndes Kleinkind vorzustellen. Er war gerade beim Bildungsweg
Napoleons angekommen, als er angesprochen wurde. "Guten Morgen, wir
müssen Sie leider bitten, die Bibliothek unverzüglich zu verlassen. Sie
wird heute ausnahmsweise geschlossen bleiben." Mauch war versucht, nach
der Ursache dieser Massnahme zu fragen, ahnte jedoch, dass er keine
Antwort bekommen würde und sagte deshalb nichts. Er nahm seine Mappe und
folgte den Polizisten bis ins Treppenhaus. Diese verschwanden hinter
einer Türe im ersten Stock. Mauch verliess die Bibliothek.
Erst draussen auf der Strasse begann er, sich selbst eine ganze Reihe
von Fragen zu stellen. Wo waren die Polizisten gewesen am Ende des
langen Ganges von Boden 4? Was war überhaupt dort? Gab es Räume, die ihm
unbekannt waren? Was war geschehen, dass die Bibliothek so unvermittelt
geschlossen worden war? Es müsste eigentlich etwas Schwerwiegendes
gewesen sein. Man schliesst eine Bibliothek nicht einfach so. Es würde
nicht leicht sein, Antworten auf seine Fragen zu finden. Als erstes
würde er versuchen am nächsten Morgen, Dienstag, ganz normal in die
Bibliothek zu gehen. Sie lag an der Schönbeinstrasse. Was für ein Name!
Wahrscheinlich nach irgendeinem Mann benannt, der irgendwann etwas
scheinbar Bedeutendes geleistet hatte und deswegen eine Strasse bekam.
Viel hatte er ja wohl nicht davon, denn um eine Strasse zu bekommen,
musste man tot sein. Sein eigener Name eignete sich nicht dazu: "Karl
Mauch-Strasse"? Nein, dann schon lieber Karl Marx, das klang besser.
Oder Hieronymus Mauch? Ja vielleicht. Hieronymus Jakobus Mauch,
latinisiert: Maucus, Humanist (1499 Würzburg - 1575 Basel), Verfasser
eines Cicero-Kommentars und mehrer Tragödien im klassischen Stil. Das
klang ziemlich überzeugend. Mauch schmunzelte beim Gedanken an diesen
humanistischen Stubenhocker. Ach Maucus, was wusstest du vom wirklichen
Leben? Und er, Karl Mauch, was wusste er davon? Er hatte sehr viel
erlebt mit den Büchern, aus zweiter Hand sozusagen. Aber im Übrigen? Im
Übrigen war er ein unbedeutender grauer Bücherwurm, fьr den sich niemand
interessierte. Eigentlich war er diesem Maucus sehr ähnlich. Hatte er
ihn deshalb erfunden? Er, Karl, würde keine Strasse gewidmet bekommen,
so viel stand fest.
Dienstagmorgen
Mauch brach zur gewohnten Zeit auf, um zur Bibliothek zu gehen. Die
Garderobenfrau begrüsste ihn wie immer sehr freundlich, aber mit einer
Spur von Besorgnis und einem Hauch von Sensationslüsternheit in der
Stimme. Man konnte ein unterschwelliges "Haben Sie es schon gehört?"
wahrnehmen in ihrer Begrüssungsformel. Es wäre leicht gewesen, sie zum
Sprechen zu bringen, aber er fand ein ganz besonderes Vergnügen darin,
ihr diesen Gefallen nicht zu tun. Das war einfach zu simpel. So leicht
würde er es sich nicht machen. Das war nicht seine Art. Mauch fühlte
sich als notorischer Freihandmagazin-Besucher berechtigt, die Dinge aus
erster Hand und unverfälscht zu erfahren. Er betrat Boden 4 und
bemerkte, dass die Türe ganz am Ende des langen Mittelgangs mit gelben
Bändern kreuzweise zugeklebt war. Im Übrigen verlief der Vormittag
normal. Allerdings fiel ihm auf, dass Barth nicht vorbeirumpelte mit
seinem Bücherkarren. Es blieb ungewöhnlich still zwischen all den
Büchern. Waren denn keine Bibliotheksbenutzer da, die Bücher ausleihen
wollten? Er war doch auch da, also war die Bibliothek offen. Hier gab es
Dinge, die eindeutig nicht zusammenpassten und Mauch begann sich
irritiert zu fühlen. Natürlich konnte ihm das alles egal sein. Aber es
war ihm sichtlich nicht egal und das störte ihn. Es kratzte an seiner
Selbstwahrnehmung als eines Menschen, den so was nicht zu stören hat,
weil er wichtigere Dinge im Kopf hat.
Nachmittags um halb drei erschienen zwei Polizisten und gingen
geradewegs auf Mauch zu. Es waren eindeutig nicht die gleichen wie beim
ersten Mal. "Guten Tag Herr Mauch, es tut uns Leid, aber wir müssen Sie
leider kurz stören." "Schon gut", sagte Mauch und legte das Buch, das er
gerade las, neben sich auf die breite Fensterleibung.
"Bedauerlicherweise ist hier in der Bibliothek vor einigen Tagen - das
genaue Datum steht noch nicht fest - eine Frau ermordet und versteckt
worden. Sie, Herr Mauch, sind die einzige Person, die praktisch den
ganzen Tag im Magazin verbringt. Wenn unsere Hinweise richtig sind,
befanden sie sich an den fraglichen Tagen meist auf Boden 4." "Ja, das
ist richtig", antwortete Mauch. Er begann sich unbehaglich zu fühlen.
"Ist Ihnen am Freitag oder Samstag irgendetwas Aussergewöhnliches
aufgefallen?" "Schwer zu sagen, wenn ich lese, achte ich nicht auf das,
was um mich herum vorgeht, aber lassen Sie mich nachdenken: am Freitag
kam Herr Barth kurz vorbei und wir wechselten ein paar Worte. Das tun
wir fast jeden Tag. Es ist vielleicht lächerlich in Ihren Augen, aber
ich bemerkte einen Brotkrümel in seinem Schnauz, etwas was ich gar nicht
leiden kann. Sonst fällt mir zum Freitag nichts Besonderes mehr ein. Am
Samstag war es sehr ruhig hier. Herr Barth hat samstags frei und seinen
Vertreter kenne ich nur vom Sehen. Nein, ich glaube nicht, dass ich
Ihnen sehr viel weiter helfen kann." "Erinnern Sie sich allenfalls an
weitere Personen, die im Laufe des Tages hier vorbei kamen?" fragte der
grössere der beiden Polizisten, der auffallend rote Haare und
Sommersprossen auf den Händen hatte. "Na ja, ich glaube da kam einmal
ein älterer Herr mit spitzer Nase vorbei. Wir grüssten uns flüchtig -
ich mag es nicht, jeden Vorbeikommenden grüssen zu müssen. Aber wann das
genau war, könnte ich jetzt nicht mehr sagen. Mir fiel einfach seine
Nase auf." "Nun, Herr Mauch, wir danken Ihnen für Ihre Auskünfte. Wir
werden sicher noch auf Sie zurückkommen müssen, da Sie unser
wertvollster Zeuge in dieser Angelegenheit sind. Bitte halten Sie sich
zu unserer Verfügung." "Selbstverständlich", brummte Mauch, der sich
noch um einen Grad unbehaglicher zu fühlen begann. "Auf Wiedersehen
Herr Mauch und vielen Dank", sagten die beiden fast wie aus einem Mund.
Mauch antwortete nicht mehr. Er setzte sich auf die Fensterleibung und
dachte nach.
Eine Frau: ermordet: hier? In seinem geliebten Büchermagazin? Wie
geschmacklos! Hätte der Mörder keinen anderen Ort aussuchen können?
Jetzt wurde er in einen Mordfall verwickelt. Das hatte ihm gerade noch
gefehlt. So ein Idiot, dieser Mörder! Hier einfach so reinzuplatzen und
seine Ruhe zu stören. Und was, wenn man ihn, Mauch, verdächtigen würde?
Schliesslich verbrachte er seine Tage in diesem Magazin. Was lag näher,
als dass die Polizei ihn als Täter ins Auge fasste? Sollte er für ein
paar Tage verschwinden? Aber das würde ihn noch verdächtiger erscheinen
lassen. Nein, er würde so weiterleben wie bisher. Schliesslich hatte er
nichts verbrochen. Er nahm das Buch, das er neben sich gelegt hatte,
wieder auf und versuchte zu lesen. Es gelang ihm nicht sich zu
konzentrieren. Er las automatisch, ohne zu verstehen, was er las. Aber
egal - Hauptsache er musste nicht mehr an den Mordfall denken.
Der Tag verlief im Übrigen ruhig und normal - ausser dass Barth nicht zu
sehen war. An seiner Stelle arbeitete sein Vertreter, was sonst an einem
Dienstag nie der Fall war. Als Mauch am Abend nach Hause ging,
erkundigte er sich bei der Garderobenfrau nach Barth. "Herr Barth ist
krank." "Aha, darum habe ich ihn gestern und heute nicht gesehen." "Nach
dem, was hier passiert ist, wäre ich an seiner Stelle auch krank"
erwiderte die Frau. Mauch fand diesen Satz in höchstem Masse mehrdeutig.
Was wollte sie damit andeuten? War Barth etwa der Verdächtige? Das
konnte doch wohl nicht sein, doch nicht Barth! Obwohl - jetzt fiel ihm
etwas ein. Hatte Barth nicht an jenem Abend (wann war das nur gewesen?)
die Strassenseite gewechselt, als er ihn bemerkte? Stimmt, daran hatte
er gar nicht mehr gedacht. Barth ein Mörder? Wann war das nur gewesen?
Am Samstag? Sollte er den Vorfall der Polizei mitteilen oder nicht?
Barth war immer freundlich, wozu sollte er ihn anschwärzen? Er würde
lieber nichts davon verlauten lassen. Vielleicht hatte Barth ihn einfach
nicht bemerkt.
Am Mittwochmorgen kaufte Mauch sich am Kiosk eine Lokalzeitung, was er
sonst nie tat. Vielleicht stand ja etwas drin über den Mord in der
Bibliothek. Vielleicht würde er so endlich erfahren, was eigentlich
geschehen war, denn die Polizisten waren nicht gerade redselig gewesen.
Auf der ersten Seite des Lokalteils stand alles Mögliche, aber nichts
über die Bibliothek. Auf der zweiten Seite fand Mauch, was er suchte.
Allerdings nur eine kurze Meldung: "Grausiger Fund in der
Universitätsbibliothek. Am Samstagmorgen entdeckte der
Bibliotheksangestellte Herbert Lang in einer Abstellkammer die Leiche
einer jungen Frau. Sie lag in einem Wagen, mit dem Bücher transportiert
werden, unter einer Wolldecke. Bei der Ermordeten handelt es sich um die
Studentin Helga Burgisser, wohnhaft in Basel. Wer die junge Frau am
Freitag noch gesehen hat, möge sich bei der Polizei melden." Das war
alles. Nicht gerade sehr aufschlussreich, besonders wenn man wie Mauch
die Tote nicht gekannt hatte. In einer Universitätsbibliothek wimmelte
es nur so von Studentinnen, da achtete man nicht auf die einzelnen. Die
Frage war nur wie die Frau in Barths Bibliothekswagen gelangt war, denn
um den handelte es sich ja offensichtlich. Dieser Wagen eignete sich
geradezu ideal als Versteck für Leichen. Am Samstag hatte Mauch den
Vertreter von Herrn Barth, der laut dieser Meldung Herbert Lang hiess,
mit einem anderen Wagen gesehen. Das war ihm aufgefallen. Sollte er das
der Polizei melden? Aber was hiess das schon? Ach was, sollten die den
Fall doch selber untersuchen. Er würde sich da nicht einmischen. Was
ging ihn diese Helga - wie hiess sie doch gleich? - an?
In der Bibliothek schien alles seinen normalen Gang zu nehmen. Mauch
fühlte sich wieder wohl. Im Moment beschäftigte er sich gerade mit
Alexander dem Grossen. Wer hätte das gedacht, dass sich dieser berühmte
Held zu Tode gesoffen hat? Na ja Helden sind auch nicht alles. Zwei Tage
lang schien alles ganz normal zu sein und Mauch hatte den Mordfall schon
beinahe vergessen. Barth war wieder zur Arbeit erschienen, hatte aber
seit jenem Vorfall nicht mehr mit Mauch gesprochen, sondern war immer
sehr schnell an ihm vorbeigegangen. Und Mauch hatte keine Lust ihn
anzusprechen. Barth benutzte jetzt regelmässig den "Samstagswagen" und
nicht mehr den Kinderwagen für Riesenbabys. Den hatte wahrscheinlich die
Polizei mitgenommen, um ihn auf Spuren hin zu untersuchen. Immerhin
hatte man die Leiche darin gefunden.
Es war jetzt genau eine Woche her dass Mauch zum letzten Mal mit Barth
gesprochen hatte. Langsam fingen ihm diese kleinen Gespräche zu fehlen
an. Warum sprach Barth nicht mehr mit ihm? Hatte er vielleicht doch ein
schlechtes Gewissen? Aber was hatte er, Mauch, damit zu tun? Ihn ging
die ganze Sache doch überhaupt nichts an. Zumindest glaubte er das. Aber
nicht mehr lange. Kaum war Mauch am Freitagmorgen ins Magazin gekommen,
standen zwei Polizisten vor ihm. Es waren die gleichen wie beim ersten
Mal. "Herr Mauch, wir müssen Sie leider bitten mit uns zur Hauptwache zu
kommen." Warum sagten Polizisten in einem solchen Fall "leider", obwohl
es ihnen sicher nicht Leid tat? Mauch erschrak bevor er noch richtig
realisierte, was hier geschah. Erstaunlicherweise war sein erster
Gedanke: "Wie unangenehm, jetzt muss ich mit den Polizisten an der
Garderobenfrau vorbei gehen." Und es war dann auch tatsächlich
unangenehm. Die Frau sagte in betont freundlichem Ton: "Auf Wiedersehen
Herr Mauch - und schönen Tag noch!"
Auf dem Polizeiposten liess man ihn in einem kahlen Warteraum 20 Minuten
warten. Mauch hatte nicht die geringste Vorstellung von dem, was auf ihn
wartete. Er war überzeugt, dass man ihn nochmals fragen würde, ob ihm an
jenem fraglichen Samstag irgendetwas aufgefallen sei. Daher war er
relativ ruhig und machte sich keine allzu grossen Sorgen, während er auf
der wachstuchbezogenen Bank sass. Endlich rief man ihn herein und hiess
ihn auf einem Stuhl vor einem grossen Schreibtisch Platz nehmen.
Tatsächlich begann die Befragung mit den üblichen Fragen, die er alle
schon beantwortet hatte. Nein, ihm war nichts aufgefallen. Nein, er
kannte die Tote nicht. Und da kam der entscheidende Satz, der alles
verändern sollte. "Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass Sie ihre
eigene Nichte nicht kennen." Nichte? Er hatte doch gar keine Nichte.
Zumindest war ihm keine bekannt. "Ist es richtig, dass sie der
Halbbruder von Frau Rosemarie Burgisser-Mauch, wohnhaft Bahnhofstrasse
14 in Küsnacht am Zürichsee sind?" Verdammt, die Rosemarie. Er hatte
gemeint, er sei sie für immer losgeworden, als sie vor ungefähr zwanzig
Jahren Türen schlagend abgezogen war. Wie ein Gespenst tauchte sie jetzt
plötzlich in seinem Leben auf. Verdammt! Diese Person hatte ihm immer
nur Schwierigkeiten gemacht. "Ja, stimmen tut das schon: aber:" "Aber?"
Der Polizist sah ihn erwartungsvoll an. "Ich habe sie seit sehr langer
Zeit nicht mehr gesehen und überhaupt keinen Kontakt mit ihr, und ich
sehe nicht ein, was diese Frage hier soll." "Vielleicht erinnern Sie
sich an den Namen der ermordeten Studentin, sie war die Tochter Ihrer
Schwester und somit ihre Nichte." Mauch hatte plötzlich das Gefühl sein
Kragen sei zu eng. Er brachte nur ein unbeholfenes "Was?" hervor. "Wie
Sie wissen, Herr Mauch, waren Sie an jenem Tag die einzige Person, die
sich längere Zeit in dem Magazin, Boden 4, aufgehalten hatte. Herr Lang
hatte einwandfreie Alibis, die durch seine Kollegen erhärtet werden
konnten. Sie sind der einzig Verdächtige und ausserdem ist das Opfer mit
Ihnen verwandt!" Es war offensichtlich, dass der Polizist diesen letzten
Satz sehr genossen hatte. Mauch erstarrte, es war als wäre er innerhalb
einer Sekunde völlig ausgetrocknet, sein Hals brannte und er brachte
kein Wort hervor. Die Situation war so absurd, dass sie jeglicher
Realität zu entbehren schien. Das war gar nicht sein Leben, das war
eindeutig das Leben eines anderen, in das er aus Versehen hinein geraten
war. Er musste es irgendwie schaffen, daraus zu entkommen. Zugleich
spürte er, dass das nicht möglich war. Er sass fest. "Sie bleiben erst
mal in Untersuchungshaft."
Das war's.
Als sich Mauch in einer Zelle wieder fand, der Zelle eines modernen
Untersuchungsgefängnisses, die relativ komfortabel und daher umso
unheimlicher war, war er unfähig auch nur einen einzigen vernünftigen
Gedanken zu fassen. Er tappte in einem dichten Nebel und spürte sich
beinahe nicht mehr. Statt in seinem geliebten Büchermagazin zu sitzen,
sass er hier in dieser Zelle und hatte keine Ahnung warum. Wie war so
etwas möglich? Was ging ihn diese Nichte an, die er überhaupt nicht
kannte, und warum hätte er sie ermorden sollen? Den ersten Gefängnistag
verbrachte er in diesem dichten Nebel, der keinen klaren Gedanken
zuliess.
Am nächsten Morgen fühlte er sich vollkommen erschöpft, obwohl er etwas
geschlafen hatte. Im Laufe des Vormittags wurde er verhört, konnte aber
nicht mehr sagen als er schon gesagt hatte. Was wollten die von ihm?
Dass er eine Geschichte erfand, nur um ihnen Freude zu machen? Er hatte
sich mit seiner Schwester gestritten und seither nie mehr etwas von ihr
gehört. Er wusste nicht einmal, dass sie eine Tochter hatte. Es war ihm
auch vollkommen egal. In all den Jahren hatte er sie vergessen. Im
Allgemeinen hielt er nicht viel von Familie und selber hatte er sich
gehütet eine zu gründen. Recht hatte er gehabt, das jetzige Debakel
bewies das einmal mehr. Das hatte er jetzt von der lieben Familie,
nichts als Schwierigkeiten. Am dritten Tag versuchte Mauch an Bücher
heran zu kommen. Es fiel ihm zwar schwer, ausserhalb des Magazins zu
lesen, aber gar nicht lesen war noch schlimmer. Man erlaubte ihm, die
Gefängnisbibliothek aufzusuchen. Aber hier fehlte der Geruch der
wispernden Bücher, wie sollte er da das richtige Buch finden? In diesem
Augenblick wurde Mauch die ganze Tragik seiner Situation erst richtig
bewusst. Mechanisch nahm er irgendein Buch aus dem Regal, das einen
bunten Umschlag mit einem Segelschiff hatte. Aber freuen tat ihn das
nicht. Wie sollte er in dieser geruchlosen antiseptischen Zelle lesen
kцnnen? Lesen jedoch war sein Leben.
Tagelang geschah gar nichts. Mauch schlief, ass was man ihm vorsetzte
und versuchte hin und wieder zu lesen. Das Buch mit dem Segelschiff war
ein ziemlich einfältiger Roman, aber es war immer noch besser als gar
nichts. Über seine Situation dachte er nicht mehr nach. Es hatte keinen
Zweck. Er würde nie verstehen, warum er hier sass - auch in hundert
Jahren nicht. Wozu also sich den Kopf zerbrechen.
Am zehnten Tag seiner Haft erschien ein Mann in grauem Anzug und
gestreifter Krawatte. "Guten Morgen Herr Mauch. Mein Name ist
Gantenbein, ich bin Ihr Anwalt." "Freut mich" sagte Mauch ohne
Begeisterung. "Wenn wir gut zusammen arbeiten sollen, müssen Sie mir die
Wahrheit sagen, auch wenn sie unangenehm ist, nur so haben wir Aussicht
auf Erfolg." Diese ungewollte Komplizenschaft gefiel Mauch überhaupt
nicht. Er hatte keinen Anwalt verlangt, denn er hatte ja nichts
verbrochen. Was wollte der Kerl? Und warum sollten "wir" Erfolg haben,
was gab es da schon zu erreichen? Objektiv gesehen war Herr Gantenbein
nicht wirklich unsympathisch, nur ein wenig steif, aber das gehörte wohl
zum Beruf. "Also, erzählen Sie mir zuerst einmal die ganze Geschichte,
damit ich mir ein Bild machen kann." Mauch wollte eigentlich nicht,
dass Gantenbein sich irgendwelche Bilder machte und erzählte daher
relativ unbeteiligt, woran er sich erinnern konnte. Er erwähnte auch,
dass er die ermordete Nichte überhaupt nicht gekannt hatte und kein
Motiv haben konnte sie umzubringen. Herr Gantenbein machte sich fleissig
Notizen und brummte ab und zu "mhm" "mhm", um seine Aufmerksamkeit zu
unterstreichen. Mauch starrte auf den Betonboden und fing an, an die
Füsse zu frieren. Überhaupt fror er in letzter Zeit häufig. Herr
Gantenbein insistierte auf einigen Punkten, was aber keine neuen
Ergebnisse brachte. Dann klappte er sein Notizbuch zu und sagte: " Ich
werde in einer Woche wieder kommen. Falls Ihnen unterdessen etwas
einfällt, können wir dann darüber reden." Er verabschiedete sich mit
einem verbindlichen Lächeln. Mauch war froh, dass er wieder alleine war.
Draussen regnete es und die Tropfen zeichneten Mäander auf die kleine
Scheibe des Zellenfensters. Mauch fror immer noch und beschloss etwas
dagegen zu tun. Er zog eine Jacke an und legte sich aufs Bett. An der
Decke spazierte eine Fliege herum. Mauchs Gedanken gingen zurück ins
Büchermagazin und zu den wenigen Fakten, die er gespeichert hatte in
Zusammenhang mit dem Mord. Ob die Ermordete wohl jene Studentin war, die
ihm ab und zu aufgefallen war wegen ihrer hässlichen Brille? Aber es gab
jede Menge Studentinnen, warum sollte es gerade die sein? Unter anderen
sah er auch ab und zu schwarze Studentinnen, aber dann müsste seine
Schwester die Tochter mit einem Afrikaner bekommen haben und das schien
Mauch unwahrscheinlich. Wie sollte er der Polizei beweisen, dass er
seine Nichte noch nie gesehen hatte? Er musste zugeben, dass das
ziemlich unglaubwürdig klang. Andere Leute kannten ihre Nichten, klar,
aber andere Leute verbrachten auch nicht ihr Leben in einem
Büchermagazin. Und selbst wenn er sie gekannt hätte, bedeutete das noch
lange nicht, dass er sie ermorden wollte. Warum sollte er auch? Das
Ganze schien ihm recht ausweglos und er bezweifelte, dass Gantenbein
etwas würde daran ändern können. Die Vorstellung wegen einer Nichte, die
er nicht kannte, den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen zu
müssen, war schlicht unerträglich. Alles was er wollte, war, wieder in
seine geliebtes Büchermagazin zurückkehren und in Ruhe gelassen werden.
Es regnete immer noch und Mauch fror.
Es vergingen drei Wochen, dann kamen sie ihn holen. Mauch erschrak,
aber es war alles viel besser als er gedacht hatte. "Es liegt kein
Verdacht mehr gegen Sie vor. Wir entschuldigen uns in aller Form bei
ihnen. Das Verbrechen hat sich aufgeklärt." Mauch war so erstaunt, dass
er kein Wort hervorbrachte. Man gab ihm seine persönlichen Sachen wieder
und er konnte gehen, sang- und klanglos, einfach so. Das Gefängnistor
klappte hinter ihm zu und er stand auf der Strasse. Eine blasse Sonne
schien ihm ins Gesicht. So einfach war das. Man sperrte jemanden ein,
stellte fest, dass man sich geirrt hatte, und liess ihn wieder frei.
Mauch fühlte sich wie ein Spielball in der Hand von Leuten, die aus
unerfindlichen Gründen Macht über ihn hatten. Das gefiel ihm nicht, aber
die Hauptsache war, dass er nicht mehr in dieser Zelle sass ohne zu
wissen warum. "Das Verbrechen ist aufgeklärt." Also hatten sie den Täter
gefunden. Ob es wohl Barth war oder sein blasser Vertreter? Vielleicht
war es ja auch ein Aussenstehender? Im Moment war ihm das alles ziemlich
egal. Seine "Nichte" kannte er sowieso nicht. Also war es ihm auch
gleichgültig, ob sie ermordet war oder nicht.
Zu Hause war alles wie immer. Mauch machte sich einen Kaffee und
überlegte, welcher Tag heute war. Freitag. Das war gut, so konnte er
noch zur Bibliothek gehen. Endlich! Das hatte ihm am meisten gefehlt. Er
trank seinen Kaffee aus und ging. Die Garderobenfrau war nicht hinter
ihrer Theke. Das war ihm gerade recht. Er konnte ihr ja nicht gut
erzählen, dass er im Gefängnis gesessen hatte. Er würde eine kleine
Reise erfinden. Einen Besuch bei Verwandten. Das war in diesem Fall zwar
etwas zynisch, aber irgendetwas musste er ja wohl sagen, denn sie würde
ihn bestimmt fragen, wo er so lange gewesen sei.
Im Büchermagazin umfing ihn der gewohnte Geruch wie eine Umarmung. Von
der Mordgeschichte waren keine Spuren geblieben. Alles war wie immer,
vertraut und alltäglich, wie er es liebte.
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