Der Tote im Smoking von William C. Gordon, 207, HoCa

William C. Gordon

1 REGINALD ROCKWOOD III.
(Leseprobe aus: Der Tote im Smoking, Roman, 2007, Hoffmann & Campe - Übertragung Sepp Leeb)

Heute ist im Alter von 35 Jahren Reginald Rockwood III. verstorben.
Er war Erbe des Vermögens einer der reichsten Familien Kaliforniens.
1925 in San Francisco geboren, besuchte er die Cate Preparatory
School und die University of California in Berkeley, an der er
mit Auszeichnung seinen Abschluss machte. Ähnlich vorbildlich versah
er seinen Dienst bei den U. S. Armed Forces und verdiente sich
im Koreakrieg eine Tapferkeitsauszeichnung. Er hinterlässt seine
Eltern und eine Schwester, Mrs Eugene Haskell aus Palo Alto. Die
Trauerfeier findet am kommenden Dienstag in der Grace Cathedral
statt.
Es war ein kühler, klarer Herbsttag im San Francisco des Jahres
1960, und John F. Kennedy war gerade zum Präsidenten gewählt
worden. Samuel Hamilton saß im Camelot, seiner Stammkneipe,
an dem großen runden Tisch, an dem er fast jeden Abend
mit Reginald gesessen hatte. Die Besitzer des Camelot ahnten zu
diesem Zeitpunkt noch nicht, dass der Name ihrer Bar von der
Geschichtsschreibung einmal zur Beschreibung von Kennedys
kurzer Präsidentschaft und des Regierungsstils seines Familienclans
herangezogen würde.
Samuel hatte schottisches und deutsches Blut in seinen Adern,
und er war aus Nebraska an die Westküste gekommen, um in
Stanford zu studieren. Aber nachdem seine Eltern einem Raubmord
zum Opfer gefallen waren, hatte er sein Studium vorzeitig
abgebrochen. Das sollte nicht die einzige Katastrophe bleiben,
die über ihn hereinbrach. Er hatte den Schock über den gewaltsamen
Tod seiner Eltern noch nicht überwunden, da stieß er
in betrunkenem Zustand frontal mit einem anderen Auto zusammen
und verletzte dabei eine junge Frau schwer. Dass er
nicht ins Gefängnis musste, hatte er allein den raffinierten juristischen
Winkelzügen eines jungen Anwalts aus San Francisco zu
verdanken; ihm wurde lediglich für drei Jahre die Fahrerlaubnis
entzogen.
Niedergeschlagen las Samuel den Nachruf in der Zeitung, für
die er als Anzeigenverkäufer arbeitete. Rockwoods Tod erschütterte
sein ohnehin schon angeschlagenes seelisches Gleichgewicht
noch mehr. Es war ihm bisher nicht gelungen, den Tod seiner
Eltern und den Unfall, den er kurz darauf verschuldet hatte,
zu verarbeiten, und so hatte er in den vergangenen sechs Jahren
nicht viel mehr zuwege gebracht, als die schweren Depressionen
zu hegen, die ihn nicht loszulassen schienen und als Entschuldigung
für sein mangelndes berufliches Engagement herhalten
mussten. Und jetzt das!
Er hatte in Reginald nicht nur einen treuen Zechkumpan verloren,
sondern auch den einzigen Menschen, der ihm in den letzten
zwei Jahren etwas Mitgefühl entgegengebracht hatte. Voller
Bewunderung und nicht ohne Neid hatte Samuel immer wieder
Reginalds Erzählungen von den weiten Reisen gelauscht, die
er, begleitet von allerlei amourösen Abenteuern, in aller Herren
Länder unternommen hatte. Sie hatten sogar in Erwägung gezogen,
einmal gemeinsam eine Weltreise zu unternehmen. Für eine
Person mit Samuels labiler Psyche war jemand wie Reginald ein
rettender Strohhalm.
Samuel kratzte sich nachdenklich am Kopf, wo sich sein rotes
Haar bereits merklich zu lichten begann, und nahm einen tiefen
Zug von seiner filterlosen Zigarette. Sein weites, von Schuppen
übersätes Sportsakko, dessen Ärmel von etlichen Brandlöchern
überzogen waren, hing ihm schlaff von den Schultern. Alles an
ihm stand in krassem Gegensatz zum stets tadellos gepflegten
Äußeren Rockwoods, der trotz des herablassenden Grinsens,
das immer um seine Züge gespielt hatte, ein gut aussehender
und charmanter Mann gewesen war.
Samuel musste an die tiefen Falten um Reginalds Mund und
Augenwinkel denken, unübersehbare Zeichen seines ausschweifenden
Lebenswandels. Nicht, dass diese Falten seinem einnehmenden
Äußeren irgendeinen Abbruch getan hätten. Schlank
und langgliedrig, mit schweren Lidern, schön geschwungenen
Augenbrauen und dichtem, immer ordentlich nach hinten gekämmtem
schwarzem Haar hatte er ausgesehen wie ein italienischer
Filmschauspieler. Dazu kam noch, dass er immer bestens
gekleidet war. Um genau zu sein: Samuel hatte ihn nie in etwas
anderem als in einem Smoking gesehen. Manchmal hatte er sich
deswegen sogar gefragt, ob Reginald nicht etwas overdressed
war. Allerdings hatte er es nie über sich gebracht, ihn einmal darauf
anzusprechen. Wer war er schon, um sich in Sachen Mode
ein Urteil zu erlauben? Er erklärte sich diese Marotte seines
Freundes damit, dass es in den feinen Kreisen, in denen Reginald
verkehrte, einfach zum guten Ton gehörte, im Smoking zu erscheinen.
Er schnippte mit seiner Zigarette in Richtung Aschenbecher,
verfehlte ihn aber und verstreute einen Teil der Asche
über den Tisch, während der Rest gemächlich auf den Fußboden
hinabschwebte.
Es war Samstagvormittag, elf Uhr. Von der Bar des Camelot
hatte man einen fantastischen Blick auf die Bucht von San Francisco
und konnte beobachten, wie die Cable Cars mit einem Glockenschlag
abbogen und den Nob Hill hinunter auf die andere
Seite der Stadt fuhren. An kalten und windigen Tagen wie diesem
stellten die Schaffner den Fahrgästen Decken zur Verfügung,
damit sie in der luftigen Straßenbahn nicht an den Beinen
froren.

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