Der Rabbi von Noah Gordon, 2008, Zsolnay

Noah Gordon

Der Rabbi
(Leseprobe aus: Der Rabbi, Roman, 2008, Zsolnay - Übertragung Anna Gräfe).

1

Woodborough, Massachusetts, November 1964

Am Morgen seines fünfundvierzigsten Geburtstags, einem Wintermorgen, lag Rabbi Michael Kind allein in dem mächtigen Messingbett, in dem schon sein Großvater gelegen hatte, noch benommen vom Schlaf und unwillkürlich auf die Geräusche achtend, welche die Frau unten in der Küche verursachte. Zum erstenmal seit Jahren hatte er von Isaac Rivkind geträumt. Als Michael noch sehr klein gewesen war, hatte der Alte ihn gelehrt, daß die Toten im Paradies es fühlen und sich freuen, wenn die Lebenden ihrer gedenken.

»Ich hab dich lieb, sejde«, sagte er.

Wäre der Küchenlärm unten nicht vorübergehend verstummt – Michael hätte nicht gemerkt, daß er laut gesprochen hatte. Mrs. Moscowitz hätte wohl nicht verstanden, daß ein Mann an der Schwelle der reiferen Jahre Trost finden könne im Gespräch mit einem, der seit nahezu dreißig Jahren tot ist.

Als er die Treppe hinunterkam und das Speisezimmer betrat, saß Rachel schon an dem altmodischen Eßtisch. Nach altem Familienbrauch hätte das Geburtstagsfrühstück durch die auf dem Tisch aufgebaute Glückwunschpost und kleine Geschenke würdig umrahmt sein sollen. Doch Leslie, die Frau des Rabbi, die auf Einhaltung dieser Sitte gesehen hätte, fehlte hier nun schon seit drei Monaten. Der Platz neben seinem Gedeck war leer.

Rachel, das Kinn auf dem Leinentischtuch, folgte mit ihrem Blick den Zeilen des Buches, das sie gegen die Zuckerdose gelehnt hatte. Sie trug das blaue »Matrosenkleid«. Alle Knöpfe waren säuberlich geschlossen, auch trug sie saubere weiße Halbstrümpfe, aber vor dem dichten Blondhaar hatte die Ungeduld ihrer acht Jahre wie üblich kapituliert. Nun las sie hastig und konzentriert, verschlang den Text Zeile um Zeile in dem Bestreben, soviel als möglich davon in sich hineinzustopfen, bevor die, wie sie wußte, unvermeidliche Störung sie unterbrach. Immerhin, der Eintritt von Mrs. Moscowitz, welche den Orangensaft brachte, ließ ihr noch einige Sekunden.

»Guten Morgen, Rabbi«, sagte die Haushälterin freundlich.

»Guten Morgen, Mrs. Moscowitz.« Dabei tat er, als merkte er ihr Stirnrunzeln nicht. Seit Wochen schon hatte sie ihn gebeten, sie doch Lena zu nennen. Mrs. Moscowitz war die vierte Haushälterin in den elf Wochen seit Leslies Abwesenheit.

Sie ließ das Haus verkommen, die Spiegeleier verbraten, sie kümmerte sich nicht um all die Wünsche nach zimmes und kuglen, und was immer sie buk, war Teig aus der Packung, für den sie überdies reiches Lob erwartete.

»Wie wünschen Sie die Eier, Rabbi?« fragte sie, während sie das Glas eisgekühlten Orangensafts vor ihn hinstellte, von dem er wußte, daß er wässerig und nachlässig aufgerührt sein werde.

»Weichgekocht, Mrs. Moscowitz, wenn Sie so gut sein wollen.« Er wandte sich seiner Tochter zu, die inzwischen zwei weitere Seiten hinter sich gebracht hatte.

»Guten Morgen. Es ist wohl besser, wenn ich dir die Haare frisiere.«

»Morgen.« Sie blätterte um.

»Wie ist das Buch?«

»Langweilig.«

Er nahm es und betrachtete den Titel. Sie seufzte, wissend, daß das Spiel nun verloren war. Das Buch war ein Jugendkrimi.

Der Rabbi legte es unter seinen Sessel auf den Boden. Musik von oben verriet, daß Max nun soweit war, um nach seiner Harmonika zu greifen. Wenn sie Zeit genug hatten, spielte Rabbi Kind seinem sechzehnjährigen Sohn gegenüber gern die Rolle des Saul, der David lauscht; jetzt aber wußte er, daß Max ohne väterlichen Einspruch kein Frühstück essen würde. Er rief nach dem Sohn, und die Musik brach ab, mitten in einem dieser Pseudo-folksongs. Wenige Minuten danach saß Max frisch gewaschen, die Haare noch naß, mit den andern zu Tisch.

»Eigentlich fühl ich mich heute recht alt«, sagte der Rabbi.

Max lachte. »Aber Pop, du bist doch noch das reinste Kind«, sagte er und langte nach dem bleichsüchtigen Toast.

Während der Rabbi sein Ei mit dem Löffel öffnete, überfiel ihn die Trübsal wie eine Wolke von Mrs. Moscowitz’ Parfüm: Die weichgekochten Eier waren hart. Die Kinder aßen die ihren, ohne zu klagen, lediglich um den Hunger zu stillen, und er das seine ohne Genuß, nur ihnen zusehend. Zum Glück, dachte er, ähneln sie ihrer Mutter, mit dem kupfrigen Haar, den kräftigen weißen Zähnen und ihren Gesichtern, die man sich ohne Sommersprossen einfach nicht vorstellen konnte. Zum erstenmal fiel ihm auf, daß Rachel blaß war. Er langte über den Tisch, faßte nach ihrem Gesicht, und sie rieb ihre Nase in seinem Handteller.

»Geh heute nachmittag ins Freie«, sagte er. »Steig auf einen Baum. Setz dich irgendwo draußen hin. Schnapp ein wenig frische Luft.« Er sah den Sohn an. »Vielleicht nimmt dich dein Bruder sogar zum Eislaufen mit, der große Sportler?«

Max winke ab. »Aussichtslos. Scooter stellt heute nachmittag das Team auf, die endgültige Besetzung. Übrigens, könnte ich nicht Eishockeyschuhe kriegen, sobald mein Chanukka-Scheck von Großvater Abe kommt?«

»Du hast ihn noch nicht. Wenn er da ist, reden wir weiter.«

»Papa, kann ich in unserem Weihnachtsspiel die Maria spielen?«

»Nein.«

»Ich habe Miss Emmons gleich gesagt, daß du nein sagen wirst.«

Er erhob sich. »Lauf nach oben und hol deine Bürste, Rachel, damit ich dein Haar in Ordnung bringen kann. Los, los, ich möchte nicht schuld sein, daß sie mit dem minjen im Tempel nicht anfangen können.«

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